Von ihrem Chef hatte sie einst Millionen erhalten, heute lebt sie nach eigenen Angaben monatlich von 900 Franken Alimenten, die sie von ihrem Ex-Mann erhält. Denn 2010 versiegte die grösste Geldquelle der damals 39-jährigen Sekretärin plötzlich: Sie wurde verhaftet, weil sie ihrem 44 Jahre älteren Chef über Jahre hinweg 5,2 Millionen Franken abgeknöpft haben soll.

58-mal, so lautet der Vorwurf, soll sie ihm gefälschte Einzahlungsscheine vorgelegt haben, 42-mal liess sie sich Bargeld auszahlen, 78-mal setzte sie die Kreditkarte des Patrons ein. Das alles geschah über eine Zeitspanne von rund acht Jahren. Dann wurde die Ehefrau ihres Chefs darauf aufmerksam.

Der Patron hatte mit seiner Sekretärin einen im Bezirk Meilen ansässigen Verlag geführt. Im Portfolio waren allerdings nur noch Immobilien, nachdem er in den 90er-Jahren seine Zeitschriften verkauft hatte. Geschädigt wurde durch den mutmasslichen Betrug das private Vermögen des Chefs, aber auch das der Firma. Beide zusammen umfassen rund 50 Millionen Franken.

Nachdem die Beschuldigte Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Meilen eingelegt hatte, kam der Fall nun vor Obergericht. Dieses hatte die Frau wegen gewerbsmässigen Betrugs und mehrfacher Urkundenfälschung zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt.

«Mädchen für alles»

Die Beschuldigte wähnt sich unschuldig. Im Verlag, sagte sie, ohne die Ironie ihrer Worte zu bemerken, sei sie «das Mädchen für alles» gewesen. Zwischen ihr und dem Chef, der offenbar die Finger nicht von Frauen lassen konnte, hatte es nämlich mehrfach sexuelle Kontakte gegeben. Umstritten ist dabei, wer wen ausgenutzt hatte. Für den Staatsanwalt ist klar: «Mit Misstrauen musste die Beschuldigte nicht rechnen, und das hat sie jahrelang ausgenutzt.» Vor allem, als der Chef altersbedingt vergesslich und verwirrt geworden sei, habe sie eine erhebliche kriminelle Energie an den Tag gelegt.

Dem widersprach der Verteidiger. Entgegen der Behauptung der Familie – insbesondere der Söhne – sei der Verleger zum Zeitpunkt der Vorfälle nicht dement gewesen. Auch in Bezug auf die sexuellen Kontakte drehte er den Spiess um: Als Patriarch alter Schule habe der Chef das Abhängigkeitsverhältnis seiner Assistentin schamlos ausgenutzt. Angefangen hatte alles mit einem Darlehen für ein Haus, das er seiner Angestellten gewährt hatte. Daraus leitete er offenbar gewisse Ansprüche ab. «Er wollte Sex und entschädigte dies mit Geld», sagte der Verteidiger. Die Beschuldigte, die ihren früheren Arbeitgeber stets respektvoll als «Herrn Doktor» bezeichnete, sagte unter Tränen: «Ich hätte die Wahl gehabt, Nein zu sagen. Ich habe es nicht getan. Das ist eine Schande. Diese Schuld nehme ich auf mich.» Sie überrumpelte das Gericht mit einer eigens für die Verhandlung angefertigten Liste. Mit dieser wollte sie belegen, dass alle Buchungen korrekt abgelaufen waren. 1,5 bis 2 Millionen Franken, die ihr der Chef gegeben hatte, habe sie zurückbezahlt. Den Rest – also 3 bis 3,5 Millionen – habe er ihr geschenkt. Ganz genau könne sie es allerdings nicht mehr sagen: «Es ist alles schon so lange her.»

«Die ganze Situation ist seltsam»

Der Gerichtsvorsitzende reagiert skeptisch. «Nach all den Jahren legen Sie nun plötzlich eine solche Liste vor», sagte er. «Das mutet seltsam an.» Alles sei seltsam, entgegnete die Frau daraufhin und betonte: «Die ganze Situation ist seltsam.» Das Obergericht muss sich nun einen Reim darauf machen. Es hat noch kein Urteil gefällt. Der Verteidiger fordert einen Freispruch, der Staatsanwalt die Bestätigung des Urteils des Bezirksgerichts.