Zürich

«Ich texte auf dem Liegestuhl» — er hat 850 Kinderlieder geschrieben

All seine Lieder nimmt Andrew Bond zuerst in seinem Studio zu Hause auf.

All seine Lieder nimmt Andrew Bond zuerst in seinem Studio zu Hause auf.

850 Kinderlieder hat der Liedermacher Andrew Bond in den letzten 20 Jahren geschrieben. Solange das Publikum an seine Konzerte komme, mache er weiter.

Als Sie vor gut 20 Jahren angefangen haben mit Kinderliedern, gab es nicht sehr viel Konkurrenz. Mittlerweile hat sich die Szene belebt. Wo würden Sie sich darin verorten?

Andrew Bond: Einer hat einmal gesagt, in der Kinderliederszene sei Linard Bardill der Miles Davis, Stärneföifi seien die Rolling Stones, Marius und die Jagdkapelle seien Manu Chao und ich Paul McCartney.

Haben Sie das nicht als Beleidigung empfunden?

Wenn er mich mit den Stones verglichen hätte, dann wäre ich beleidigt gewesen. Aber der Paul-McCartney-Vergleich ist ein Riesenkompliment. McCartney steht eventuell für Mainstream, poppig, etwas oberflächlich vielleicht. Als oberflächlich würde ich mich nicht bezeichnen. Aber die Haltung «komm, wir machen fröhliche, melodiöse Musik» ist uns doch gemein.

Wenn Sie eines Tages eine CD nur für sich produzieren, wie wird sie klingen?

Ein Album nach dem Motto «just me» wird lauter melancholische, schwer verdauliche, irisch anmutende Weltschmerzlieder enthalten. Solche Lieder sind nicht die opportunistischsten für Kinder. Ich habe aber einzelne Lieder, die so angehaucht sind. Etwa «Nachtigall chum». Das ist vielleicht der poetischste Text, den ich je geschrieben habe.

Wenn Sie ein Lied schreiben, was schreiben Sie zuerst: den Text oder die Melodie?

Immer den Text. Und die Musiker, die ich verehre – Sting, Chris de Burgh, Elton John, Stephan Eicher, Andrew Lloyd Webber –, fangen alle mit dem Text an. Wenn man es so rum macht, passt die Musik richtig zum Text. Ich behaupte, ich merke zu 70, 80 Prozent, was zuerst war. Warum gibt es so viel Blabla in der Popmusik? Weil viele Künstler zuerst eine Melodie haben und danach noch einen Text dazu zusammenstiefeln.

Sie haben bereits unzählige Lieder geschrieben ...

… ungefähr 850.

Woher nehmen Sie die Inspiration?

Das ist nie ein Problem. Es gibt so viele Ideen, die herumschwirren. Ich muss sie einfach packen und einfangen. Dann stopfe ich sie in eine Kiste, schnüre sie zu und stelle sie ins Oberstübchen. Das gibt es, davon bin ich überzeugt. Am Tag einer Abgabe, oder wenn der letzte Ton eines Projekts aufgenommen ist, bin ich unmöglich. Das weiss jeder, der mich näher kennt. Denn dann melden sich die eingeschlossenen Projekte zurück. Dann bin ich am kreativsten. Das klingt komisch, ich weiss. Ich glaube selbst fast, das ist irgendein Hirndefekt.

Ein Hirndefekt?

Ja, im Sinne von Menschen, die einen Stromschlag erlitten haben, und plötzlich kennen sie das Telefonbuch auswendig. Es gibt so crazy Sachen im Hirn.

Aber zurück zur Inspiration: Was gibt konkret den Anstoss?

Häufig der Alltag, zum Beispiel Gespräche nach meinen Konzerten oder Anfragen per E-Mail.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich arbeite gerade an Spital­liedern. Ein Anstoss war die E-Mail einer Mutter. Ihr Sohn leidet an Atemnot und muss täglich sieben Minuten aufs Trampolin, was ihm natürlich stinkt. Um ihm das zu erleichtern, singt die Familie immer zwei meiner Lieder. Und weil ich weiss, dass auch Kinder, die regelmässig zur Chemotherapie müssen, ihre Musik mitnehmen können, ist der Gedanke nicht mehr weit, dass es gar keine Lieder zum Thema Spital und Gesundheit gibt. Hinzugekommen ist dann die konkrete Anfrage eines Spitals. Diese hat sich zwar zerschlagen, aber dank der Stiftung einer Versicherung kann ich das Projekt nun doch realisieren.

Wenn Sie ein Thema haben, wie gehen Sie dann vor?

Ich überlege mir, was ich wem wann, warum und wie erzählen will. Geht es um Musik für ein Kind, das im Spitalbett liegt und Angst vor der Behandlung hat? Oder um Musik für die Ergotherapie? Wenn ja, um Musik zum Hören oder zum Singen mit dem Kind? Dann überlege ich mir konkrete Aspekte, Blaulichtorganisationen, die Angst vor Spritzen, das spezielle Bett, Schmerzen, Langeweile … Dann texte ich zu diesen einzelnen Ideen. Und zwar meist auf meinem Liegestuhl.

Und wie entsteht die Melodie?

Melodiefetzen habe ich meistens schon im Kopf. Dann gehe ich in mein Studio zu Hause und pröble herum.

Welche Instrumente spielen Sie selbst?

Alles mit Tasten, Saiteninstrumente wie Gitarre, Ukulele, Banjo, Blasinstrumente wie Querflöte, Saxofon, Melodica oder Whistles. Ich bin gleichsam meine eigene Band. Wie ein Maler lege ich erst die Grundierung. Beim Pröbeln merke ich vielleicht, dass ich ein Instrument eine Oktave tiefer ansetzen muss oder einen rhythmischen Kontrapunkt brauche. Ins richtige Studio gehe ich danach für die Drums und den Bass.

Das klingt mehr nach Handwerker als nach Künstler.

Ich bin Handwerker. Meine Lieder sind keine Kunstprodukte, die sinnlos in einer Galerie hängen können. Sie sind Auftragswerke von Leuten, die sie anwenden möchten.

Geraten Sie nie in den Clinch zwischen Handwerk und künstlerischem Anspruch?

Als Kinderliedermacher muss ich Abstriche machen an meinem künstlerischen Anspruch. Aber ein Problem ist das nicht für mich. Wenn ich ein Bett möchte, lasse ich das auch nicht von jemandem designen, der sich nur als Künstler versteht. Ich möchte, dass er auch etwas von Schlafen und Gesundheit versteht.

In der Schule sind Sie sehr präsent mit Ihren Liedern. Mit den richtigen.

Wahrscheinlich schon – als Handwerker produziere ich ja für einen Markt. Der schaut dann, was verhebet.

«Zimetschtern han i gern» ist nicht totzukriegen ...

… ja, dabei ist die Melodie nicht einmal von mir. Das ist für mein Ego nicht das grösste Gefühl. Aber es ist okay. Ich definiere mich nicht über meine Lieder. Auf meinem Grabstein wird nicht stehen: «Zimtsterne hatte er gerne».

Ihr Lied «S grööschte Gschänk vo de Wienacht» hat für Schlagzeilen gesorgt, weil ein Schulleiter es aus Rücksicht auf andere Kulturen aus der Adventsfeier gestrichen hat. Ihre Reaktion?

Es gilt, feinfühlig zu sein in solchen Situationen. Die Idee von Weihnachten und meiner Lieder ist sicher nicht, dass sich jemand ausgeschlossen fühlt. Ich glaube aber auch nicht, dass ein Kind Schaden nimmt, wenn es einmal einen Satz singt wie «s grööschte Gschänk hät Gott eus gmacht a de erschte Wienacht».

Ihre Kinder sind erwachsen, aber Sie singen noch immer Kinderlieder. Laufen Sie nicht Gefahr, unglaubwürdig zu werden?

Den ersten Schub an Unglaubwürdigkeit habe ich bereits hinter mir. Als ich gemerkt habe, dass ich mich wie ein Kind benehme auf der Bühne, aber 45 Jahre alt bin, war das schon komisch. Das mache ich nicht mehr. Es gibt Kindergärtnerinnen, die immer auf den Knien und damit auf Augenhöhe der Kinder bleiben. So wie ­Trudy Gerster das konnte. So fühle ich mich. Solange das Publikum an meine Konzerte kommt und meine Stimm­bänder mitmachen, mache ich weiter.

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