Zürich

«Ich mache das, was sonst fehlt» — Fessler rutschte von der Bühne ins Studio

Musikproduzent Thomas Fessler am Mischpult: «Er spürt die Lieder und deren Geschichten», sagt Florian Ast über ihn.

Musikproduzent Thomas Fessler am Mischpult: «Er spürt die Lieder und deren Geschichten», sagt Florian Ast über ihn.

Zusammen mit den Musikern entwickelt der Produzent Thomas Fessler die Arrangements und mischt schliesslich das Ganze ab. Zu Besuch bei Thomas Fessler, in dessen Studio auch schon Lenny Kravitz, Eminem und diverse Schweizer Topmusiker aufnahmen.

Ein Hinterhof in Zürich-Altstetten. Vor der Tür stehen drei junge Männer und rauchen: Musiker während einer Aufnahmepause. Die Adresse Badenerstrasse 571a ist unter ihresgleichen längst kein Geheimtipp mehr: US-Rockstar Lenny Kravitz hat in den «Recording Studios 571» seinen Song «Change» für Barack Obamas Wahlkampf 2009 aufgenommen. Rapper Eminem mietete das Studio mal für eine Aufnahmesession, ebenso Opernsänger Placido Domingo. Und ein guter Teil der Schweizer Musikszene vertraut auf die Dienste von Thomas Fessler, der seine Recording Studios 571 vor eineinhalb Jahrzehnten eröffnete: Von Sina über Plüsch bis hin zu Steff la Cheffe und Nickless reicht die Liste der Musikerinnen und Musiker, deren Aufnahmen hier entstanden. Was ist Fesslers Geheimnis?

Der Musikproduzent öffnet die Tür. An der Studiobar bietet er erst einmal starken Kaffee an. Er wirkt jungenhaft, trotz seiner 54 Jahre: offener Blick, blonde, wellige Haare, blauer Pulli, Jeans. Beim Gang durch die Aufnahmeräume, Korridore und Kontrollräume trifft man fast überall auf Musikinstrumente: da ein altes Wurlitzer-E-Piano, dort je ein halbes Dutzend akustische und elektrische Gitarren, hier eine Balalaika, dort ein paar Trommeln. Die Musiker müssten ihre Instrumente eigentlich nicht mitbringen. Tun sie aber trotzdem, sagt Fessler. Doch oft würden sie dann auf seine Instrumente zurückgreifen.

In einem Kontrollraum setzt er sich ans riesige Mischpult und erzählt von seinem Werdegang. Mit sieben Jahren fing er an, Schlagzeug zu spielen; wenige Jahre später auch Ukulele. Er schrieb seine ersten Songs, spielte mit zwölf Jahren in einer Punkband, lernte Gitarre zu spielen, alles autodidaktisch – respektive durchs Abschauen bei anderen Musikerinnen und Musikern.

Ein paar Monate verbrachte er auch an der Jazzschule Luzern. Länger hielt er es dort jedoch nicht aus. «Was eine Blue Note ist, das spürt man doch», habe er sich gedacht.

Von der Bühne rutschte er ins Studio

Fessler ging Ende der 1980er-Jahre als Gitarrist auf Tour mit Andreas Vollenweider. Die Musikkarriere kam ins Rollen. Doch von der Bühne rutschte er zunehmend ins Studio. Bei der ersten Produktion der Walliser Rockröhre Sina wirkte er als Gitarrist und Co-Produzent mit.

«Als Frontmann auf der Bühne zu stehen, ging gar nicht mehr», sagt Fessler. «Hinter den Kulissen zu sein, passte besser.» Mit dem erfolgreichen CD-Début von Michael von der Heide machte er sich 1996 als Produzent einen Namen – und etablierte sich durch Folgeaufträge mit Bands wie Plüsch, Lockstoff und erneut Sina.

Gefragt, was die Zusammenarbeit mit Fessler speziell mache, sagt Michael von der Heide: «Seine Sensibilität, seine Intelligenz, sein Fachwissen. Er kennt sich in fast allen Musiksparten aus.»

Florian Ast, der Fessler seit über 20 Jahren kennt und ebenfalls Alben mit ihm produziert hat, fügt an: «Thomas ist ein begnadeter Musiker mit sehr viel Seele, Herz und Liebe fürs Detail. Er spürt die Lieder und deren Geschichten und schafft es, Lieder ins perfekte Gewand zu produzieren.» Hinzu komme ein unheimliches Wissen über Tontechnik, Instrumente und Songwriting.

Seine eigene Arbeit sieht Fessler als die einer eierlegenden Wollmilchsau: Er wirke als Produzent bei der Auswahl der aufzunehmenden Songs mit; versuche dann, deren Strukturen zu verbessern, falls sie noch unklar sind. Manchmal trage er auch selbst Instrumental-Parts bei: «Ich mache das, was sonst fehlt.»

Zusammen mit den Musikern entwickle er die Arrangements. Und mische schliesslich das Ganze ab. Er sei aber auch gerne nur Klangingenieur und fange die Musik ein, wie sie ist – auf eine möglichst schöne, interessante Art. Was einfach klingt, ist für die Musiker manchmal ein schmerzhafter Prozess: Es gehe darum, sich von Vorbildern zu lösen und einen eigenen Stil zu entwickeln, sagt Fessler und fügt an: «Wenn der Künstler sich komplett anders sieht, als er rüberkommt, muss ich ihm einen Spiegel vorhalten.»

Er vergleicht sich mit einem Fussballtrainer: Die wichtigen Fragen müssten vor dem Spiel geklärt werden. Während des Spiels hineinzuschreien, bringe kaum etwas. Es gelte, die Musiker an ihre Grenzen zu bringen. «Und wenn ein Künstler sich selbst überrascht, ist das ein guter Moment zum Einfangen.»

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