Die Fahrt in die Schweiz sei wie eine Pilgerreise für sie gewesen, sagt Asli Erdogan. Eine Reise in das Land, wo sie sich entschieden hat, künftig als Schriftstellerin zu leben. Damals, vor gut zwanzig Jahren, war sie als hoffnungsvolle junge Physikerin ans Nuklearforschungszentrum Cern in Genf gekommen und hatte gemerkt, dass eine Karriere als Wissenschafterin nicht das Richtige war für sie.

Sie hatte noch während ihrer Arbeit am Cern zu schreiben begonnen, zog dann nach Rio de Janeiro, wo sie rund zwei Jahre lang blieb, bevor sie weiterzog und später wieder in der Türkei journalistisch und als Schriftstellerin arbeitete.

Längst in Ungnade gefallen

Und jetzt ist sie für ein halbes Jahr hier in Zürich, eingeladen vom Literaturhaus Zürich, als Writer in residence. Die Anfrage kam gerade zur rechten Zeit. Als wortgewandte Kämpferin für die kurdische Sache war sie bei den Machthabern längst in Ungnade gefallen. «Ich konnte kaum mehr unbesorgt schlafen», erklärt sie, sie habe jede Nacht damit rechnen müssen, abgeholt und ins Gefängnis gesteckt zu werden. «Und dabei habe ich nichts verbrochen», erwähnt sie, sie prangere bloss an, was etwa den Kurden angetan werde, den Armeniern, den in der Türkei zum Teil gar nicht wohlgelittenen Schwarzen, den Zigeunern, den Frauen.

Und zwar gewaltfrei, nicht militant, wie sie betont. «Ich laufe nicht mit roten Fahnen an einer Demonstration mit und skandiere keine Parolen», sagt sie, aber sie wolle präsent sein, beobachten, was geschehe, und darüber berichten. Wer nicht einfach den Mund halte, gehe ein Risiko ein. «Es ist durchaus nicht so, dass ich die Gefahr lieben würde», erklärt sie, «aber ich kann nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht.»

Angst vor der Polizei

Weil sie etliche Literaturpreise gewonnen hat, ist sie bekannt geworden, was sie einerseits freut, denn von der Schriftstellerei lebt sie, anderseits aber ist sie auch vermehrt ins Visier der Staatsmacht geraten. Und das kann schlecht enden, wie sie aus eigener Erfahrung, aber auch aus den Erzählungen von Freunden und Bekannten weiss. Das von der Zürcher Stadtpolizei einst verkündete Motto: «Die Polizei, dein Freund und Helfer», bringt sie zum Lachen: Für sie sei das unvorstellbar. Vor der Polizei hat sie Angst.

Aber jetzt ist sie da, und sie geniesst die Ruhe und den Frieden in der ihr zur Verfügung gestellten Wohnung im Quartier Hirslanden. «Hier kann ich arbeiten», stellt sie erfreut fest. Nicht an einem Roman, sie schreibe poetische Prosa, sagt sie, obschon das anspruchsvoller für die Leserinnen und Leser sei als ein Roman oder eine Kurzgeschichte.

Die Ruhe hier sei manchmal fast etwas unheimlich, meint sie lächelnd, ganz anders als in Istanbul, das sehr lärmig, überfüllt, chaotisch geworden sei; kürzlich sei sie richtig froh gewesen, als sie gehört habe, dass sich irgendwo ein Paar laut gestritten habe.

Gross auf Besichtigungstour war sie in Zürich nicht, was den Touristen gezeigt werde, habe sie vor zehn Jahren schon einmal zu sehen bekommen, da war sie mit ihrer Mutter kurz als Touristin hier. Öfters geht sie ins Literaturhaus, nicht zuletzt, weil es da ein «Raucherstübli» gibt: Ohne Zigarette hält sie es nicht allzu lang aus. Auf jeden Fall aber freut sie sich auf die Basler Fasnacht, sie sagt es mit fröhlich blitzenden Augen.

Zürich verändere sich sehr viel weniger als Istanbul; komme man wieder an den Bosporus, finde man das Café nicht mehr, wo man gerne hinging, alte Häuser sind modernen gewichen, die Freunde sind nicht mehr dort, wo sie einst waren. In Zürich hingegen sei mehr oder weniger alles vorhersehbar, man müsse nicht mit unliebsamen Überraschungen rechnen. Auch wenn, räumt sie ein, die Inbrunst, mit der man am Ordentlichen festhält, manchmal etwas seltsam erscheint. Aber sie habe gelernt, dass man hierzulande den Abfall säuberlich trennt: Papier zu Papier, Karton zu Karton, Glas zu Glas. «Ich bemühe mich, alles recht zu machen», sagt sie, auch wenn ihr das nicht immer gelinge.

Die Heldin in ihrem auf Deutsch erhältlichen Roman «Die Stadt mit der roten Pelerine» heisst Özgür, übersetzt «die Freie». Ist Asli Erdogan frei? Gute Frage, sagt sie, und denkt nach. Absolute Freiheit gebe es wohl nicht, aber man könne sich von vielem befreien, und sie sei auf dem Weg. Sie gehöre keiner Organisation an, ausser der internationalen Autorenorganisation PEN, die sich gegen die Verfolgung, Unterdrückung und Zensur von Schreibenden in aller Welt einsetzt.

Die Türkei bleibt ihre Heimat

Ist sie optimistisch, dass die Zeit für ihr Anliegen arbeitet, nämlich dass in der Türkei die Freiheits- und Menschenrechte mehr geachtet werden, etwa dank einer Annäherung an die EU? Asli Erdogan wirkt plötzlich mutlos, sagt: «Ich bin skeptisch.» Die prowestlichen Kräfte seien am Abflachen, seit klar geworden sei, dass die EU die Türkei nicht mit offenen Armen aufnehme. Sie mache sich keine Illusionen. Aber der Türkei nun den Rücken zu kehren, komme für sie nicht infrage. «Es ist meine Heimat.» Auch wenn sie froh ist, wenn man ihr andernorts ein Plätzchen zum Arbeiten anbietet. Wenn der Aufenthalt in Zürich zu Ende ist, geht sie für kurze Zeit nach Frankreich. Und dann sieht sie weiter.