Irgendwie feenhaft wirkt Tiziana Gulino, als sie ihren Song «Only Human» vor der Expertenjury zum Schweizer Vorentscheid des Eurovision Song Contest (ESC) performt. Im Online-Video ihres Auftritts ist zu sehen, wie die 17-Jährige immer wieder ihre Augen schliesst und mit sanfter Stimme über den Wunsch singt, ihre Zukunft in einer Kristallkugel zu sehen oder die letzte Szene ihrer Vergangenheit wie einen Film zurückzuspulen. «Doch das alles ist nicht möglich, denn wir sind schliesslich nur Menschen», singt Gulino auf eine verträumte Art und Weise im Refrain. Und mit ihrem Auftritt trifft sie voll ins Schwarze: Seit einer Woche ist bekannt, dass die Dielsdorferin zusammen mit fünf weiteren Künstlern im Finale steht. Am 31. Januar kämpft sie in der Bodensee-Arena in Kreuzlingen um die Schweizer ESC-Vertretung in Wien. Rund 200 Mitbewerber haben die Finalisten hinter sich gelassen.

Mitbewerber, Castings, Entscheidungen, Jury – es ist eigentlich noch gar nicht lange her, dass Tiziana diesen Prozess erfolgreich hinter sich gebracht hat. Auch die Bodensee-Arena passt perfekt zu ihrem Déjà-vu: Im April wurde Gulino dort in der gleichnamigen TV-Sendung zur «Voice of Switzerland» erkoren. Dass sie sich ein halbes Jahr später wieder einem Gesangswettbewerb stellt – jedoch in grösserem Rahmen –, ist für sie eine Riesenfreude: «Am ESC in Wien würde ich auf ein ganz neues Publikum treffen und könnte ganz Europa erreichen», schwärmt die 17-Jährige. Das sei eine Herausforderung, der sie sich als Künstlerin mit grosser Leidenschaft stellen will.

Von diversen Medien wird Gulino als «Zürcher Stimmwunder» bezeichnet. Schon von klein auf entzückte sie ihr Umfeld mit ihrer «Engelsstimme». Regelmässig musste sie Ständchen singen. Vor Publikum aufzutreten, war für die Dielsdorferin noch nie ein Grund, Nervosität zu verspüren – im Gegenteil. «Ich habe mich immer gefreut, wenn ich auf der Bühne stand. Auch vor einem ESC-Auftritt wäre ich nicht aufgeregt, sondern einfach nur voller Vorfreude», sagt die 17-Jährige unerschrocken. Sie wirkt unbeschwert und entspannt, denn sie ist überzeugt, dass die Leute genau das an ihr schätzen würden. «Oft höre ich von meinen Fans, dass sie neben meiner Musik vor allem meine Natürlichkeit mögen.» Sie setze sich keinem Druck aus, wie es sonst in der Musikbranche üblich sei. Grundsätzlich halte sie ihre Erwartungen tief. Dennoch führe sie offenbar genau diese Einstellung zum Erfolg: «Auch beim ESC sage ich mir: Es kommt, wie’s kommt.»

Trotzdem weiss die Sängerin, dass eine ESC-Teilnahme auch ihre Tücken hat: Selten schaffte es ein Schweizer Künstler auf die vorderen Ränge. In der Vergangenheit scheiterten sogar international bekannte Künstler wie DJ Bobo bereits im Halbfinale. «Auch wenn es die letzten Jahre nicht so gut lief für die Schweiz, ich denke, es ist sehr wichtig, diese Erfahrung durchzumachen – egal, wie es ausgeht.» Grundsätzlich mache sie sich nie grosse Gedanken über einen möglichen Flop.

Vielmehr denke sie derzeit an ihre Stärken und was sie als perfekte Vertretung für die Schweiz ausmachen würde: «Beispielsweise habe ich internationale Fans», sagt Gulino stolz. Auf ihrer Facebook-Seite habe sie beobachtet, wie sich etwa Leute aus Polen, Griechenland und Asien für ihre Musik begeistern würden. Auch hoffe sie, dass ihre italienischen Wurzeln – ihre Eltern stammen aus Sizilien und Apulien – ihr Sympathiepunkte einbringen würden. «Schaden kann es auf jeden Fall nicht», so die Sängerin.

Doch bevor es so weit ist, muss Gulino noch das Qualifikations-Finale bestreiten. Ihre Konkurrenten will sie dabei nicht unterschätzen. «Besonders Timebelle finde ich wirklich toll», so die Sängerin. Für den Live-Auftritt am 31. Januar werde sie sich deshalb in den nächsten Wochen einiges überlegen müssen, um das Publikum und die Jury erneut in ihren Bann zu ziehen. «Es kam immer gut an, wenn ich auf der Bühne Klavier gespielt habe – aber am besten lässt man sich einfach überraschen», so Gulino. Ihr Ziel sei es, dass sich nach ihrem Auftritt mit dem Song «Only Human» alle ein bisschen verzaubert fühlen. Der Text enthalte schliesslich trotz Verankerung in der Realität eine tiefe Sehnsucht nach einer märchenhaften Fantasiewelt. Und vielleicht lasse sich dieser «Zauber» ja auch in ganz Europa verbreiten.