Ein Tumor im Sehnerv beeinträchtigt Michael Künzle schon als Kind. Doch erst vor vier Jahren, kurz vor Weihnachten 2014, lässt seine Sehkraft schlagartig nach. «Ich habe plötzlich nur noch weiss gesehen», sagt der 41-Jährige.

Er lässt sich untersuchen und bekommt zahlreiche Bestrahlungen. Doch der Tumor bleibt. Seither lebt er mit dieser Krankheit, mit einer Sehkraft von nur noch 10 Prozent und Gesichtsfeldausfällen. «Das ist etwa so, wie wenn im Winter im Auto die Scheibe anläuft. Ich sehe alles vernebelt. Taucht jemand vor mir auf, ist es, als würde ich durch ihn hindurchsehen. Manchmal kann ich kleine Details wie eine Gesichtshälfte, einen Fuss erkennen.»

Bald darauf verliert Künzle seine Stelle, wird von der IV unterstützt. Für ihn wird schnell klar: Wenn er seinen Alltag selbstständig meistern will, braucht er einen verlängerten Arm, ein drittes Auge – den weissen Langstock.

Lea Appiah von Sichtbar Zürich, einer Beratungsstelle des Schweizerischen Blindenbundes, begleitet ihn während der Grundschulung mit dem weissen Langstock und vermittelt Techniken. Zu Beginn wird die Orientierung im Gebäude und die Handhabung des Stocks geübt. So können auch Treppen und Stufen sicher bewältigt werden.

Der Duft vom Brezelstand

Nach der Schulung in der Wohnumgebung wagen sie sich in die Stadt Zürich, wo Künzle wegen seiner Untersuchungen zunächst die Strecke zum Unispital kennen lernt. Nach und nach erweitert er seinen Radius.

Unterführungen, Rolltreppen, Kreuzungen, Ampeln, Haltestellen: In seinem Gedächtnis speichert er detaillierte Ansichten der Stadt ab. «Ich lege mir so eine innere Karte an.» Dabei helfen auch Geräusche und Gerüche, das Geläut des Glockenturms oder der Duft vom Brezelstand.

Doch Zürich verändert sich stetig, und so muss auch die innere Karte aktualisiert werden. Dabei unterstützt ihn Lea Appiah. Nach Bedarf treffen sie sich zu einem Aufbautraining in Orientierung und Mobilität (O+M).

An diesem Morgen nehmen sich die beiden die anspruchsvolle Strecke von der Tramhaltestelle Bellevue zum Bürkliplatz vor. Für Künzle heissen die Herausforderungen: Trams, Menschenmengen, Velos, Autos, Lärm, schmale Fussgängerinseln und kurze Grünphasen.

Griff in den Kaugummi

Er ist vorbereitet. Seine dunkle Brille schont seine Augen und seine grellgrüne Jacke macht ihn gut sichtbar. Er greift in die Tasche und nimmt eine sprechende Uhr hervor. Es ist Zeit, aufzubrechen.

Künzle fährt seinen weissen Stock aus. Mit kurzen links-rechts Bewegungen tastet er sich zu den weissen Linien bei der Haltekante vor. Er folgt ihnen bis dorthin, wo die Plattform der Haltestelle absinkt. Nun verlässt er sich ganz auf sein Gehör. Er wartet, bis er das Tram anhalten hört und läuft über die Schienen. Drüben führen ihn die taktilen Aufmerksamkeitsfelder zur Ampel. Er greift unter das gelbe Vibrationsgerät und zieht seine Hand gleich wieder zurück. «Eklig, da hat jemand Kaugummi hingeklebt.»

Appiah erklärt, dass sich unter dem Gerät ein tastbarer Pfeil befindet, der ihm die Laufrichtung anzeigt. Im Idealfall, zum Beispiel bei breiten Strassen, senden die Ampeln zusätzlich akustische Signale aus, die beim Überqueren der Strasse zum Trottoir führen.

Man hört sie kaum

Fällt der O+M-Lehrerin eine Schwachstelle auf, meldet sie sich bei der Dienstabteilung Verkehr oder beim Tiefbauamt. Die Behörden seien meistens kooperativ, sagt Appiah. Mittlerweile auf der Quaibrücke angelangt, zeigt sie auf eine leichte Bodenerhebung, die den Fussgängerbereich vom Velostreifen trennt. «Dieser Trennstein wurde eigens für die Quaibrücke entwickelt», sagt sie und schüttelt den Kopf, weil just in diesem Augenblick zwei Velofahrer auf der Fussgängerseite entgegenkommen. Sie tragen VBZ-Uniformjacken.

Velofahrer würde Appiah am liebsten nur auf der Strasse sehen. Mit Sorge verfolgt sie politische Vorstösse, die Radfahrern erlauben wollen, bei Rot abbiegen oder über eine Kreuzung fahren zu dürfen. «Velofahrer hört man kaum. Es verunsichert und gefährdet Sehbehinderte, wenn einer knapp an ihnen vorbeifährt. Genauso irritierend sind Fussgänger, die bei Rot über den Zebrastreifen gehen.»

Übermotivierte Helfer

Eine Gefahr seien auch Passanten, die aufs Handy starren. «Es ist teils erschreckend, wie abgelenkt die Menschen sind.» Dasselbe beobachte sie in der S-Bahn, wenn sie Sehbehinderte begleite und einen freien Platz suche. Da treffe sie dann auf Kopfhörer tragende Pendler, die in ihren Handys versunken sind und nichts mehr von ihrer Umwelt wahrnehmen.

Künzle erzählt von Mofas, die auf dem Trottoir parkiert werden, von Reisenden, die ihre Koffer auf den weissen Leitlinien abstellen und von Fahrgästen, die einen aus dem Bus drängen. Er kennt aber auch die andere Seite: Übermotivierte Helfer, die ihn am Arm packen und über die Strasse zerren wollen. Sehbehinderte lernen, wie sie sich mit Befreiungstechniken sanft aus solchen Umklammerungen lösen können. «Kommunikation ist das Wichtigste», sagt Appiah. «Wenn Sie einer sehbehinderten Person helfen wollen, sprechen Sie diese von vorne an und fragen Sie, was Sie tun können.»

Zur Not das Handy

Künzle steht nun der schwierigste Teil bevor. Zwischen Bürkliplatz und der anderen Seite liegen: Velospur, Strasse, Fussgängerinsel, Strasse, Fussgängerinsel, Tramschienen, Strasse und nochmal eine Velospur. Dank vibrierenden Ampeln, Leitlinien, seinem Langstock und Gehör schafft es Künzle mit grosser Konzentration.

Nach der Trainingseinheit fragt man sich, wie er wohl einen Fussgängerstreifen ohne die Hilfe einer Ampel schafft. «Dann verlasse ich mich auf mein Gehör – und auf die Auto- und Velofahrer, die dann hoffentlich anhalten», sagt Künzle. Und wie hilft er sich, wenn er sich einmal verirrt? «Ich bitte jemanden um Hilfe – oder nehme einfach mein Handy und frage Google: Wo bin ich?»

Aktionstag: am 15. Oktober, dem internationalen Tag des Weissen Stockes, testet der Blindenbund mit der Polizei die Anhaltedisziplin der Verkehrsteilnehmenden: Sonneggstrasse 52, Zürich, 13.30–16.30 Uhr.