Alter und Migration

«Ich dachte nicht, dass ich in der Schweiz pensioniert werde»

Am Alter-und-Migration-Fest tanzen alle Rentner Hand in Hand: Es spielt keine Rolle, ob die Schritte sitzen.

Am Alter-und-Migration-Fest tanzen alle Rentner Hand in Hand: Es spielt keine Rolle, ob die Schritte sitzen.

Armut und Isolation sind zentrale Probleme für Pensionäre mit Migrationshintergrund – seit neun Jahren versucht die Hilfsorganisation Heks zu helfen.

Marta Mencl-Mikic plaudert mit ihren Freuden, während im Hintergrund eifrig «Kolo» getanzt wird – ein balkanischer Volkstanz. Spanier, Italiener, Balkan-Bewohner und Schweizer halten sich an den Händen und tanzen zum Rhythmus der Akkordeon- und Tambour-Musik. Ob die Schritte sitzen oder nicht, ist an diesem Nachmittag im Alterszentrum Limmat unwichtig. Mencl-Mikic schaut immer wieder mit einem Funkeln in den Augen zu den tanzenden Rentnern. Auch sie würde sich gerne der Musik hingeben, sagt die 72-Jährige, aber ihre Hüfte würde das leider nicht mehr zulassen. «Ich freue mich trotzdem, dass wir es zusammen so schön haben und niemand einsam sein muss», so die Kroatin.

PC-Kurse für Migranten

Vor dem ausgelassenen Tanz nahmen rund 130 Migranten ab 55 Jahren an einem Nachmittagsprogramm im Rahmen des Projekts «AltuM – Alter und Migration» von «Heks – Hilfswerk der Evangelischen Kirche Schweiz» teil. Dabei treten zuerst Tanzgruppen aus verschiedensten kulturellen Ecken auf, es wird auch gesungen und viel gelacht. Anschliessend – beim Apéro – tanzen alle gemeinsam und tauschen sich aus. «Das Fest ist eine gute Gelegenheit, um neue Bekanntschaften zu knüpfen», sagt die Projektleiterin, Aida Kalamujic. Vereinsamung im Alter sei bei Migranten ein Problem: Das Bild der starken Familienbande mit engen sozialen Verbindungen stimme heute kaum mehr. «Es gibt immer weniger ältere Migranten, die mit ihren Kindern zusammenleben», so Kalamujic und fügt hinzu: «Auch gibt es viele unterversorgte und kranke ältere Migranten, die weder Familie noch sonstige Beziehungen in der Schweiz haben.» Um diesem Problem entgegenzuwirken, Sprachbarrieren zu überwinden und soziale Netze zu knüpfen, organisiert Kalamujic seit rund neun Jahren Informations- und andere Veranstaltungen, wie etwa Café-Treffs, PC-Kurse und Ausflüge, speziell für Migrantinnen und Migranten ab 55 Jahren.

Ehemalige Bürgermeisterin

Auch Marta Mencl-Mikic nimmt regelmässig an AltuM-Angeboten teil. Seit ihrer Ankunft in der Schweiz vor rund 24 Jahren steht die 72-Jährige mit Hilfsorganisationen in engem Kontakt. «Nur durch Schicksal», so Mencl-Mikic. Denn eigentlich kam sie 1990 als Konsulbeamtin vom damaligen Jugoslawien in die Schweiz. «Ich war die letzte jugoslawische Konsulbeamtin in der Schweiz, weil sich das Land danach auflöste.»

Zuerst dachte sie, dass sie nach ihrer Amtszeit wieder nach Kroatien zurückkehre. «Denn ich war in meinem Heimatort ehemalige Bürgermeisterin und hatte viele politische Ämter.» Aber es kam alles anders. Der Krieg brach in Ex-Jugoslawien aus und Mencl-Mikic wurde von der Schweiz gebraucht: «Kurz bevor ich meine Rückreise antrat, bot mir das Sozialamt eine Stelle an: Ich sollte mich um die traumatisierten Leute in den Asylzentren kümmern», so Mencl-Mikic. Mit der psychologischen Betreuung von Flüchtlingen habe sie bis zu ihrer Pensionierung weitergemacht – auch wenn der Krieg auf dem Balkan längst vorbei war. «Als ich in die Schweiz kam, dachte ich nicht, dass ich hier pensioniert werde», so die Kroatin. Heute könne sie sich gar nicht vorstellen, wieder in ihr Herkunftsland zurückzukehren.

«Wichtig, dass jemand hilft»

So geht es immer mehr älteren Migranten, die einst aus beruflichen Gründen in die Schweiz kamen und bei ihrer Ankunft nicht wussten, dass sie auch im Rentenalter hier bleiben würden. «Nur kennen viele das Schweizer Sozialsystem nicht und rutschen deswegen nebst der Isolation auch in die Armut», so Kalamujic. Viele würden sich in einer Art Sackgasse befinden: Soziale Netze sind im Herkunftsland über die Jahre hinweg verloren gegangen, was eine Rückkehr unbeliebt mache. «Die heutige Generation der pensionierten Migranten hat hier hart gearbeitet und eine geringe berufliche Laufbahn hinter sich», so Kalamujic. Deswegen würden sie auch häufiger an Depressionen und anderen physischen und psychischen Erkrankungen leiden, als gleichaltrige Schweizer. «Es ist wichtig, dass ihnen jemand hilft.» Das findet auch Marta Mencl-Mikic. «Ich bin sehr froh, dass es das AltuM-Angebot gibt», so die 72-Jährige, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder den tanzenden Rentnern schenkt.

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