Peter Huber*, ein grossgewachsener Mann, arbeitet erst seit zwei Jahren bei der Quartierwache Höngg. Trotzdem kann der Zürcher Stadtpolizist bereits auf knapp 30 Jahre Dienst, 16 davon bei der Seewache, zurückblicken. Er, der mehrmals wöchentlich auf der wohl bekanntesten Insel der Limmat patrouilliert, sieht sie als den wunderschönen Flecken Erde, der sie ist. «Sündenpfuhl? Gesetzloser Ort?» – davon will er nichts wissen.

Er zeigt auf die sogenannte Biodiversitätswiese im westlichen Abschnitt der Insel und kommt ins Schwärmen – über die Pflanzen- und Tierwelt. Huber ist gelernter Gärtner – bei jedem abgebrochenen Ast, an dem er vorbeigeht, seufzt er: «Nein, schau sich das mal einer an.» Auch achtlos am Boden entsorgte Bierdosen oder Zigarettenstummel versetzen ihm einen kleinen Stich mitten ins Herz, so scheint es.

Es ist Mittag, die Temperaturen sind hoch, die Einblicke, welche die Badenden gewähren, teilweise tief. Huber ist in ziviler Kleidung ¬unterwegs. Auf seinem schwarzen Oberteil steht das Wort «Istanbul» in verschiedenen Schriften und Grössen. Die Augen verbirgt er hinter einer Radsport-Sonnenbrille. Festen Schrittes geht er durch das sogenannte Turbinenwäldli nahe der Westspitze der Insel.

Sünde sieht anders aus

Berichten Medien über unsittliches Treiben im berühmten Naherholungsgebiet, dann beziehen sie sich meistens auf diesen wenige hundert Quadratmeter grossen Abschnitt. «Hier paart sich alles, ausser die Waldvögel», sagt er lakonisch. Heute liegen ein paar junge Nackte im Gras einer besonnten Lichtung. Ein Mann und eine Transfrau, die nicht nur über Brüste, sondern auch über einen Penis verfügt, unterhalten sich gelangweilt. Ein älteres Ehepaar – ebenfalls unbedeckt – sitzt am Wasser. Ein Ort der Sünde sieht wohl anders aus.

Niemand verstösst gegen ein Gesetz: Wegen des Gewohnheitsrechts darf auf der Werdinsel dem Nudismus gefrönt werden. Am reinen Nacktsein stören sich jedoch nur die wenigsten. Wie seit Juni dieses Jahres von mehreren Zeitungen vermeldet, häufen sich aber die Beschwerden wegen sexueller Handlungen in den bewaldeten Teilen der Insel. Der Konflikt dürfte sich im kommenden Jahr gar verschärfen. Denn an der Winzerhalde werden derzeit sieben Wohnhäuser mit insgesamt 68 Wohnungen erstellt. Fast alle verfügen über einen wunderbaren Ausblick auf das berüchtigte Turbinenwäldli.

«Sex im öffentlichen Raum ist per se nicht strafbar», sagt Marco Bisa, Sprecher der Stadtpolizei, auf Anfrage. Fühle sich jedoch jemand gestört, könne Anzeige erstattet werden. Die Devise: Wo kein Kläger ist, ist auch kein Täter. In der Regel gebe es dann für Sex in der Öffentlichkeit eine Busse, da es sich um eine Übertretung handle. Die Quartierwache Höngg musste allein in diesem Jahr rund 30-mal ausrücken und Personen von der Insel wegweisen, die sich hier «vergnügten».

«Ich habe nur Pipi gemacht»

Im Gespräch darüber, was Huber schon alles auf der Werdinsel gesehen hat, wählt er seine Worte achtsam. Die verschiedenen Sexualpraktiken nennt er nicht beim Namen, eher umschreibt er sie oder bedient sich der Gestik als deskriptives Hilfsmittel. Das hat seinen Grund: Weil er vor Jahren zwei Personen beim Geschlechtsverkehr erwischte und – in «unmissverständlicher Wortwahl» – zum Aufhören aufforderte, zeigten sie ihn beinahe an – wegen Ehrverletzung. Seither sei er vorsichtig.

Im Gebüsch raschelt es. Huber horcht auf und schaut zum «Spannerwäldli», wie er es später nennen wird. Er duckt sich, um eine bessere Sicht durch das Dickicht zu erlangen. Er erblickt einen Mann, der durch den Wald in die andere Richtung huscht. Huber rennt auf die andere Seite des kleinen Wäldchens und trifft dort auf einen Mittsechziger, der hastig sein Velo besteigen will. «Halt», sagt Huber. «Was ist?» der andere. «Ich weiss, was Sie hier machen», erwidert Huber in neutraler, ruhiger Tonlage, und verweist darauf, dass man dies – seine Handbewegung ahmt Onanie nach – hier nicht toleriere.

Huber nimmt die Personalien des Erwischten auf: Name, Vorname, Telefonnummer, Adresse. In gebrochenem Deutsch verteidigt sich dieser – wird aber unterbrochen, weil er seinen Namen buchstabieren muss. Seine kurzen, braunen Beine zittern vor Anspannung, er weiss nicht, wie ihm geschieht. «Ich war doch nur schnell Pipi machen im Wald», sagt der mutmassliche Onanierer aus Schlieren.

Die wahren Sünder sind andere

Ein Nackter, der sich am Wegrand auf seinem roten Badetuch ausgebreitet hat und genüsslich einen Cervelat isst, wirft ein, dass ihm der besagte Mann bereits in früheren Jahren nachgestellt habe: «Sie haben also gesehen, wie er vorhin sein Glied frottiert hat», fragt Huber. «Ja» erwidert der Cervelat-Esser.


«Sehen Sie, Sie haben nicht Pipi gemacht», gibt Huber dem Schlieremer zurück und verpasst ihm eine Wegweisung der Kategorie 1. Er darf die Werdinsel in den kommenden 24 Stunden nicht mehr betreten. «Ich werde in den nächsten 24 Jahren nicht mehr wiederkommen», versichert der Mann und schiebt mit geducktem Haupt sein Velo entlang dem schmalen Weg.

Huber ist schon vieles untergekommen: Etwa eine Frau, die sich auf offener Wiese von fünf Männern «bedienen» liess, oder eine Gruppensex-Runde, die sich von der Anwesenheit uniformierter Polizisten nicht aus der Ruhe – oder wohl eher aus dem Treiben – bringen liess. Was lösen solche Begegnungen in Huber aus? «Nichts. Ob ich jemanden büsse, weil er mit dem Velo verbotenerweise über die Werdinsel radelt oder ob ich ‹Vergnügte› zum Aufhören auffordere: Beides ist Arbeit», sagt er. Richtig nerven würden ihn ohnehin nur die Umweltsünder, die Dosen und Zigarettenstummel auf der Insel liegenlassen.

*Name geändert