Normalerweise dient der Platz unter dem Bahnviadukt vor dem Toni-Areal als Veloabstellplatz für die Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Es ist ein unwirtlicher Platz: Das Rattern der Züge übertönt alle paar Minuten fast alles, der Boden ist mit Asphalt versiegelt, Betonbrückenpfeiler umrahmen die Szenerie. Doch in den letzten neun Tagen ist hier eine Holzkonstruktion entstanden, die sich seit gestern mit Leben füllt: Auf einer Art Bühne werden Performances geboten. Natürlich gibts auch eine Bar. Einmal bietet in einem Nebenraum unter der Brücke eine Cellistin ein kleines Konzert dar. Und kurz vor Mittag sitzt Dieter Dietz, Architekturprofessor der ETH Lausanne, mit Studierenden zusammen auf dem hölzernen Podium, um über ihr Werk zu diskutieren.

Dietz hat zusammen mit 200 Architekturstudenten die Holzkonstruktion beim Toni-Areal erbaut. Sie heisst «House 2». Zum einen dient sie als Übung, um zu testen, ob es möglich ist, innerhalb von zwei Wochen mit 200 Studierenden ein Gemeinschaftswerk zu bauen. Zum anderen ist sie Teil des Forschungsprojekts «Counter City» der ZHdK, das zum Nachdenken über Verdichtung anregen soll.

Das Thema ist in Zürich und Umgebung topaktuell. Das Bevölkerungswachstum der letzten Jahre hat dazu geführt, dass ganze Quartiere aus dem Boden gestampft wurden. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Erst vor wenigen Tagen teilte Statistik Stadt Zürich mit, die Stadt werde bis 2030 von heute 415 682 auf rund 492 000 Einwohner anwachsen. Wobei dies nur der Mittelwert der von den Statistikern errechneten Szenarien ist. Ihr Maximalwert liegt bei 516 000 Personen, die schon in 13 Jahren in Zürich wohnen könnten.

Dietz gibt sich dennoch gelassen, während wir durch die Holzkonstruktion schlendern: «In Zürich kann man locker 100 000 Leute zusätzlich unterbringen, ohne dass man eine einzige grüne Wiese zubaut», sagt der Architekturprofessor. Noch immer gebe es genügend Platz, um das Bevölkerungswachstum aufzufangen. Als Beispiel nennt er die Areale, die die SBB entlang der Gleise zwischen dem einstigen Zürcher Industriequartier und Zürich Altstetten in den nächsten Jahren umnutzen wollen. «Zürich ist sehr undicht», sagt Dietz. Paris sei zwei- bis dreimal so dicht bebaut. So gesehen, liesse sich auf dem heutigen Zürcher Stadtgebiet über eine Million Menschen gut unterbringen.

Dieter Dietz, Architekturprofessor ETH Lausann.mp4

Dieter Dietz, Architekturprofessor ETH Lausanne im Gespräch

  

Nur: Wie soll die viel beschworene Verdichtung aussehen? Werden die Zürcherinnen und Zürcher im Jahr 2030 in Holzkonstruktionen unter Bahnviadukten hausen? Dietz winkt ab: Um Wohnraum zu schaffen, gebe es bessere Möglichkeiten. Dies zeige das Beispiel Weststrasse: Bis zur Eröffnung der Zürcher Westumfahrung im Jahr 2009 war das einstige Quartiersträsslein in Zürich Wiedikon ein verruster, lärmiger Autobahnzubringer. Wer es sich leisten konnte, zog weg. Es blieben baufällige Wohn- und Gewerbebauten. Heute ist die Weststrasse eine schmucke Wohngegend – mit deutlich mehr Bewohnern als vor 2009, wie Dietz betont. Dachstöcke wurden ausgebaut, Kleingewerbebauten wichen Wohnraum.

«Raum für Menschen schaffen»

Doch was soll nun die Holzkonstruktion unter dem Bahnviadukt? «Die Stadt soll viel Raum für Menschen schaffen, auch Zwischenräume, die man aktivieren kann», sagt Dietz. Dies könne Grünraum sein, auch eine gut platzierte Sitzbank – oder eben ein «House 2», das in den nächsten zwei Wochen mit Open-Air-Kino, Performances, einem Konzert und Diskussionen temporär Raum für Begegnungen schafft.

«Die Verdichtung ist nicht immer gut gelaufen», sagt Dietz. Manche der Quartiere, die in den letzten Jahren aus dem Boden gestampft wurden, hätten sich abgeschottet. Vor allem in der Agglomeration seien solche Neubausiedlungen entstanden, die praktisch nur aus Häuserblöcken und Strassen bestehen; Quartiere, in denen die Zwischenräume fehlen respektive nur für Autos statt für Menschen gedacht sind.

Wir kommen zuoberst auf der Holztreppe an, die direkt an den Beton des Bahnviadukts angrenzt. Auf den Stufen sitzen Studenten beim Mittagessen. Darüber rattert ein Zug. Fazit nach dem Rundgang mit Dietz: Angst vor Verdichtung muss niemand haben, sofern sie gut gemacht wird.