Zürich

Hochschule setzt sich für Ersatz von Tierversuchen ein

Weniger Tierversuche: Am Kompetenzzentrum TEDD der ZHAW in Wädenswil werden mit 3D-Drucker Zellen in einer Matrix räumlich angeordnet und menschliches Gewebe nachgebildet.

Weniger Tierversuche: Am Kompetenzzentrum TEDD der ZHAW in Wädenswil werden mit 3D-Drucker Zellen in einer Matrix räumlich angeordnet und menschliches Gewebe nachgebildet.

Die Fernsehbilder haben die Öffentlichkeit in der Schweiz aufgeschreckt. In einem norddeutschen Labor sind Hunde während brutaler Tierversuche kläglich verendet. Der Skandal wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die darin involvierte Firma Inthera Bioscience in Wädenswil.

Der Skandal trifft die gesamte Life-Sciences-Industrie, die sich mit der Entwicklung von Medikamenten und der Herstellung von diagnostischen und orthopädischen Instrumenten beschäftigt.

Aber auch die Ausbildungsstätten und Partnerorganisationen in dem Bereich müssen erläutern, warum und in welcher Form Tierversuche notwendig sind. Die Stiftung Grow, zu der auch die in der Krebsforschung tätige Inthera Bioscience AG gehört, arbeitet eng mit der auf Life-Sciences spezialisierten Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil zusammen.

Ein Halsband für Wildtiere

Einen Reputationsschaden aus den Vorfällen mit der Firma Inthera befürchtet die Hochschule für sich nicht, wie ZHAW-Sprecher Manuel Martin auf Anfrage dieser Zeitung sagt. Die Ausbildung an der ZHAW müsse Studierende befähigen, gesellschaftliche Herausforderungen im Rahmen der gesetzlichen sowie ethischen Rahmenbedingungen anzugehen und neue Entwicklungen zu berücksichtigen. Die Studierenden würden – etwa im Rahmen des ZHAW- Masterstudiengangs Chemistry for the Life Sciences oder im schweizweiten Kooperationsstudiengang Master in Life Sciences mit ZHAW-Beteiligung – über aktuelle Alternativmethoden zu Tierversuchen für die Medikamentenentwicklung sensibilisiert.

Bei der Suche nach Alternativen zu den umstrittenen Tierversuchen spielt die ZHAW eine aktive Rolle, vor allem mit dem 2011 gegründeten Kompetenzzentrum TEDD (Tissue Engineering for Drug Development and substance Testing) in Wädenswil. Das TEDD fördert die Herstellung von menschlichem Gewebe bis hin zu Organen im Reagenzglas für die Wirkstoffentwicklung.

Diesem Ziel widmet sich auch ein aktuelles Grossprojekt, bei dem die ZHAW-Forschenden gemeinsam mit Partnern aus der Pharma- und Medizintechnikbranche ein Modell für Muskelgewebe entwickeln, mit dem ein neuer Wirkstoff gegen Muskelschwund im Alter getestet werden soll. Für das Muskelgewebe werden Zellen mit einem 3D-Bioprinter gedruckt.

Tests mit Zellkulturen

Die ZHAW führt laut Martin keinerlei Tierversuche für die Medikamenten- oder Chemikalienentwicklung durch. Andere Forschungsprojekte mit Tieren an der ZHAW seien «sehr selten und wenn mit tiefer Belastung verbunden, etwa für ein Halsband für Wildtiere oder das Füttern von Fischen». Alle Tierversuche müssten den Schweizer Standards respektive der Gesetzgebung entsprechen und bewilligt werden.

Seeübergreifend arbeitet die ZHAW mit dem Verein Toolpoint in Hombrechtikon zusammen, der die Interessen von namhaften Firmen aus dem Bereich Laborautomatisierung vertritt, mit dem Weltmarktführer Tecan in Männedorf als Flaggschiff. Die Firma ist Mitglied beim TEDD in Wädenswil und entwickelt Instrumente für die automatisierte Analyse und Diagnose von Flüssigkeiten im Labor. Dabei werden etwa in der Medikamentenforschung, Forensik und Molekulardiagnostik – mit Hilfe von Pipetten – flüssige Substanzen gewogen, gemischt und analysiert.

Die ZHAW unterstützt gemäss Martin die meisten Toolpoint-Firmen bei der Entwicklung ihrer Geräte und Prozesse. Damit Tierversuche ersetzt werden können, brauche es neben neuen Geräten die Entwicklung neuer Methoden, wie sie an der ZHAW erforscht würden. Hans Noser, Geschäftsführer von Toolpoint, ist überzeugt, dass es sich beim Labortechnik-Cluster rund um den Zürichsee um einen der grössten der Welt handelt, «wenn man den Radius so spannt, dass der Kanton Zug und die Umgebung von Greifensee mit einbezogen werden».

Unverzichtbare Tierversuche

Nach Angaben von Noser bietet die Labortechnik sehr gute Möglichkeiten, gewisse biologische Vorgänge in Reagenzien zu testen. Zum Beispiel könnten anhand von Zellkulturen die Wirkungen von chemischen Substanzen und Medikamenten getestet werden, was die Anzahl von Tierversuchen deutlich reduziere. Allerdings geht Noser, der in Hombrechtikon eine Initiative für ein House of Lab Sciences gestartet hat, nicht davon aus, dass sich Tierversuche zu 100 Prozent durch Lösungen aus der Labortechnik substituieren lassen.

Dieser Meinung schliesst sich Manuel Martin an. Dank alternativer Testmethoden in der Medikamentenentwicklung soll es aber künftig weniger Tierversuche geben, «sofern die gesetzlichen Rahmenbedingungen diese alternativen Testmethoden zulassen». Dennoch seien Untersuchungen an Tieren immer noch unverzichtbar, solange diese gesetzlich vorgeschrieben seien.

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