Das «Wall Street Journal», das Magazin «Wired» oder auch die amerikanische TV-Station «ABC» feierten ihn frenetisch: den Flugsimulator «Birdly» der Zürcher Firma Somniacs. Kein Wunder, erfüllt er doch nicht weniger als den Traum vom Fliegen – oder zumindest einen alle Sinne ansprechenden Eindruck davon. Hinter Somniacs steht ein Team von Studenten und Forschern des Studiengangs Interaction Design der Zürcher Hochschule der Künste. Die Firma ist jedoch nur eines von vielen erfolgreichen Spin-offs in der Kreativwirtschaft, die Schweizer Kunsthochschulen hervorgebracht haben. Denn gerade im Bereich der Architektur, des Designs oder der Game-Entwicklung gab es in den letzten Jahren deutlich mehr Firmengründungen als in der restlichen Wirtschaft. Doch während etwa für die Medizinal- oder Gebäudetechnikforschung im Raum Zürich längst Institutionen entstanden sind, die junge Hochschulabgänger auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen, hinkte die Kreativwirtschaft in diesem Punkt immer hinterher. Bis jetzt.

Video: Mit Flugsimulator «Birdly» durch New York

Im kommenden Herbst lanciert die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) eine neue Plattform, den Z-Kubator, mit der sie ihre Studierenden beim Aufbau von Spin-offs begleitet. In freiwilligen Workshops und regulären Unterrichtsmodulen vermitteln Projektleiter Philipp Kotsopoulos und sein Team den Kreativen etwa Kompetenzen im Bereich des Patentrechts oder der Geldbeschaffung und entwickeln mit ihnen neue Geschäftsmodelle. Dazu bietet der Z-Kubator auch Kontakte zu anderen Hochschulen und öffnet den Zugang zu Co-Working-Spaces sowie kreativen Netzwerken im Raum Zürich.

23 Prozent sind selbstständig

Eine solche Förderplattform sei längst überfällig, sagt Kotsopoulos: «Unsere Studenten machen sich zu einem sehr grossen Teil bereits während oder nach dem Studium selbstständig. Es besteht daher ein grosser Bedarf nach Unterstützung.» Laut einer Bundesstatistik von 2011 sind rund 23 Prozent der Designer sowie 11 Prozent aller Musik-, Theater- und anderen Kunstschaffenden fünf Jahre nach ihrem Studium selbstständig. Diese Quote liegt damit weit über dem Durchschnitt aller erwerbstätigen Hochschulabsolventen (3,7 Prozent).

Um ihre Studenten beim Schritt in die Selbstständigkeit zu unterstützen, haben verschiedene Schweizer Kunsthochschulen entsprechende Institute und Plattformen gegründet. Der Z-Kubator der ZHdK geht aus einem von Stiftungen finanzierten Pilotprojekt hervor. Für die nächsten drei Jahre wird die Hochschule das Förderprogramm selbst tragen. Über die Kosten schweigt sich Kotsopoulos aus. Er lässt aber durchblicken, dass die Mittel eher knapp sind: «Wir müssen den Z-Kubator sehr unternehmerisch führen.» Für die Jahre nach 2018 werde man versuchen, Sponsoren aus der Wirtschaft zu finden.

Einen Cluster mit günstiger Infrastruktur für Jungunternehmer zu schaffen, wie dies die Standortförderung des Kantons Zürich und private Immobilienbesitzer etwa im Bio-Tech- oder Med-Techbereich bereits getan haben, ist für die ZHdK derzeit aber kein Thema. Es gebe in Zürich fast ein Überangebot von Co-Working-Spaces, wo Selbstständige aus Kreativ-Branchen sich günstigen Arbeitsraum teilten, sagt Kotsopoulos. Für viele Spin-off-Gründer – etwa aus dem Industrial-Design-Bereich – sind aber auch die Gerätschaften, die sie für die Produkt-Entwicklung benötigen, sehr kostspielig. Derzeit prüft die ZHdK daher Möglichkeiten, Absolventen auch nach ihrem Abschluss Zugang zu den hauseigenen Werkstätten zur verschaffen.

Architekten auf verlorenem Posten?

Der Z-Kubator steht grundsätzlich Studierenden aller Bereiche der ZHdK offen. Ein Grossteil der Studienabgänger in der Zürcher Kreativwirtschaft verfügt damit bald über eine Anlaufstelle in Geschäftsfragen. In einer der am schnellsten wachsenden Branchen bleiben Studierende, die eine Firma gründen wollen, jedoch noch immer weitgehend sich selbst überlassen: der Architektur. Für den Transfer in die Selbstständigkeit bietet das Innovation und Entrepreneurship Lab zwar Begleitung und Förderung für alle ETH-Studienbereiche. Doch Angebote, die auf spezifische Herausforderungen der Architekten wie Verträge mit Bauherren oder Baueingaben eingehen, gibt es derzeit keine.

Das liege nicht zuletzt daran, dass weder die Branchenverbände noch Studierende bisher Initiative gezeigt hätten, um einen solchen Inkubator für Architekten zu schaffen, sagt Anita Martinecz, die Standortförderin des Kantons Zürich. Sie verweist darauf, dass es bei Architekten üblich sei, nach dem Studium einige Jahre als Angestellte in einem bestehenden Büro mitzuarbeiten, bevor man sich selbstständig macht. «Da erwerben die Studenten das Rüstzeug für den Schritt in die Selbstständigkeit», so Martinecz.

Ähnlich äussert sich auch Severin Knecht, Studentenvertreter der ETH der Zürcher Sektion des schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins. Er sieht dennoch Bedarf nach einer Anlaufstelle für Architektur-Start-ups – etwa in Rechtsfragen. «Zu begrüssen wäre zudem ein Forum, an dem sich junge Büros Grossinvestoren besser präsentieren können», sagt er. Oft hätten junge Architekten bei Wettbewerben um prestigeträchtige Projekte wegen der Konkurrenz am Platz Zürich sehr geringe Chancen.

Standortförderin Martinecz räumt ein, dass sich der Kanton bei der Förderung der Kreativwirtschaft bislang stark auf den Design-Bereich fokussierte. «Wenn jedoch Anregungen für einen Architektur-Inkubator an uns herangetragen werden, würden wir uns dem sicher nicht verschliessen», sagt sie. Allerdings müssten dann angesichts der vorhandenen Ressourcen zwingend auch andere Träger mit an Bord sein.