Seit Mitte 2016 herrscht Funkstille. Damals teilte die Unileitung mit, vorläufig werde sie kein neues Medizinmuseum eröffnen. Sie habe das Projekt zurückgestellt – zugunsten eines neuen Naturmuseums. Das kam überraschend, denn eigentlich wartete die Öffentlichkeit auf die Wiedereröffnung des Medizinhistorischen Museums, das Ende 2013 geschlossen worden war.

Museumsleiter und Kurator Christoph Mörgeli hatte das Museum und die Sammlung offenbar vernachlässigt. Jedenfalls sprach die Unileitung gleichzeitig mit der Schliessung einen Kredit von einer Million Franken für die Sanierung der Sammlung.

Die Sanierung ist unterdessen soweit fortgeschritten, dass wichtige Teile der Sammlung wieder ausgestellt werden könnten. Das geht aber nicht, weil es noch kein neues Museum gibt. «Operativ wären wir rasch bereit», bestätigt Frank Rühli, Mumienforscher und Leiter des Instituts für evolutionäre Medizin an der Uni Zürich. Die nach Schlieren ausgelagerte Sammlung steht seit Anfang 2016 unter seiner Obhut. «Sie gehört punkto Umfang und Qualität zu den besten Europas», sagt Rühli. Er findet es schade, dass sie seit Ende 2014 nur noch für Studenten und Professoren zugänglich ist. «Sie wäre durchaus auch für einen Vereinsausflug interessant», sagt Rühli. Er hat sich damit abgefunden, dass die Unileitung das Medizinmuseum auf die lange Bank geschoben hat.

Warten bis 2025

Zuständig für das neue Projekt ist Felix Althaus, Professor für Pharmakologie und bis 2015 Dekan der Vetsuisse-Fakultät. Im Auftrag der Unileitung erstellte er ein Entwicklungskonzept für sämtliche Museen und Sammlungen der Uni Zürich. Und er machte auch ambitionierte Vorschläge für ein neues Medizinmuseum: «Wenn wir schon etwas machen, dann etwas Rechtes», fasst Althaus seine Vorstellungen zusammen. Er schätzt den Investitionsbedarf auf 20 bis 40 Millionen Franken. Das ist vergleichsweise bescheiden. Das neue Naturhistorische Museum in Basel verschlang rund 150 Millionen Franken. Entschieden hat die Unileitung noch nichts. Frühestens 2023, wenn das Grossprojekt Naturmuseum fertig sein soll, kommt laut Althaus das Medizinmuseum wieder aufs Tapet. Mit einer Eröffnung vor 2025 rechnet er nicht.

Zeugt es nicht von Desinteresse, wenn die Unileitung das Medizinmuseum so weit zurückstellt? Nein, sagt Althaus: «Aus finanziellen Gründen können wir einfach nicht alles gleichzeitig machen.» Die Unileitung priorisiere das Naturmuseum, weil dieses unter allen Uni-Museen der Publikumsrenner ist. Jährlich zieht es 150 000 Besucher an, darunter 1700 Schulklassen. Alle acht Uni-Museen und 13 Sammlungen verzeichnen zusammen 350 000 Besucher.

Das neue Medizinmuseum soll künftig einen ebenso grossen Stellenwert haben wie das Naturmuseum. Das bedingt eine viel grössere Fläche und mehr Besucher. Mörgelis Museum bestand aus einer Fläche von 350 Quadratmetern und kam auf jährlich gerade einmal auf 10'000 Besucher. Im neuen Vorhaben würde die Fläche laut Althaus in etwa verzehnfacht und auf 150'000 Besucher ausgerichtet. Auch eine Cafeteria mit Spielecke für die Kinder würde dazu gehören. «Weil die Aufenthaltsqualität ein entscheidender Erfolgsfaktor ist.»

Auf jeden Fall im Uniquartier

Mangels Platz lässt sich das neue Museum unmöglich am alten Standort (Rämistrasse 69) realisieren. Wo das neue stehen soll, ist noch unklar. Nur eines ist für Althaus unabdingbar: «Es muss im Uniquartier sein. Wir wollen diesem etwas zurückgeben.» Das Gebiet steht wegen des Megaprojekts Berthold vor einem tiefgreifenden Umbau – mit entsprechend grossen Immissionen für die Bewohner. Althaus ist zuversichtlich, dass sich bei dieser grossen Rochade ein geeignetes Lokal finden lässt. Ihm gefiele etwa das geschützte alte Anatomiegebäude. Das sei aber bloss seine persönliche Idee. Abgesprochen oder gar beschossen sei noch nichts.

Das neue Medizinmuseum soll ein Themenmuseum sein. «Wir wollen nicht nur die Vergangenheit erfassen, sondern die Themen von allen Seiten beleuchten», sagt Althaus. Die bestehende Sammlung in Schlieren würde integriert. Wie man sich das vorstellen muss, erklärt er am Beispiel der Herzkathetertechnik, einer Erfindung aus Zürich. Andreas Grüntzig gelang es, verstopfte Herzkranzarterien mit einem kleinen Katheter zu öffnen, der mit einem Draht an die verengte Stelle geschoben wurde (Ballondilatation). Er tüftelte daran in einer Küche in Zürich so lange herum, bis der Durchbruch gelang. Im neuen Museum liesse sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser heute zur Routine gewordenen Methode aufzeigen.

Neben Technischem müssten im Museum laut Althaus auch gesellschaftliche Fragen zur Medizin Platz haben. Dazu gehören die explodierenden Gesundheitskosten ebenso wie die Gesundheitsvorsorge. Sollen Universitäten überhaupt Museen betreiben? Unbedingt, sagt Althaus. «Sie sind unverzichtbare Kommunikationsmittel, weil sie eine hohe Glaubwürdigkeit haben.» Und sie böten den Universitäten ein Schaufenster für das, was sie machen. «Hier können sie zeigen, wie Wissen entsteht.»

In Zürich drängten sich gute Hochschulmuseen auf, weil sich hier gleich drei Institutionen von Weltrang auf engem Raum versammeln: die Uni, die ETH und das Unispital. «Eine solch intellektuelle und wirtschaftliche Potenz gibt es nur an wenigen Orten der Welt», sagt Althaus. Diese drei Institutionen spielten auch in der Entwicklung der Medizin eine wichtige Rolle. Althaus hofft daher, dass sich neben der Uni auch die ETH und das Unispital für ein Medizinmuseum begeistern lassen – und mitzahlen. Dafür muss er noch Überzeugungsarbeit leisten.