Zürich
Historische Orte (II): Wo Karl dem Hirsch nachstellte

Ein Besuch in der Krypta des Grossmünsters verweist auf frühchristliche Ursprünge.

Matthias Scharrer
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undefined Der Legende nach hat Karl der Grosse auf dem Münsterhügel als erster eine Kirche gebaut - wo heute das Grossmünster steht.
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undefined In der Grossmünster Krypta thront Karls Statue, die ursprünglich aussen am Kirchturm war.
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Grossmünsters Krypta
undefined Die Krypta im Grossmünster
undefined Fenster von Sigmar Polke über dem Grossmünster Portal
undefined Kirchgänger und Touristen im Grossmünster
Das Zürcher Grossmünster.

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Matthias Scharrer

Noch herrscht Stille in der Krypta des Grossmünsters. Es ist zehn Uhr morgens, die Kirche hat gerade erst aufgemacht. Bis die Touristenströme anschwellen, wird es noch ein Weilchen dauern. Nur Karl der Grosse ist schon da: In Stein gehauen thront der Frankenkaiser am Ende des beinahe unterirdischen Saals. Spärlich dringt Tageslicht von oben durch die Fenster. Die kühle Luft riecht nach altem Gestein. Wäre das dezente elektrische Licht nicht, man könnte sich ins Mittelalter zurückversetzt fühlen. Oder noch weiter zurück, in die Anfangszeit des Christentums während der spätrömischen Antike: Die Untergrund-Atmosphäre der Krypta erinnert daran, dass sich die Urchristen einst im Verborgenen trafen.

Karls überlebensgrosse Statue beherrscht den Raum. «Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert», erzählt eine Fremdenführerin einer Touristengruppe, die gerade das Grossmünster auf ihrem Zürich-Trip abhakt, ein paar Fotos schiesst und weiterzieht. Karl der Grosse bleibt. Er sieht verwittert aus: Das Gesicht ergraut, der Bart weiss. Ist auch schon lange her, dass er der Sage nach einem prächtigen Hirsch von Köln bis nach Zürich hinterherjagte. Man stelle sich vor: Der Hirsch rennt immer weiter, über Hunderte von Kilometern, durch dichte Wälder, über Flüsse und Hügel – und der Kaiser mit seinem Gefolge hoch zu Ross hinterher.

Historische Orte

Eintauchen in die Geschichten von Orten mit einer speziellen historischen Aura im Raum Zürich: Das ist das Ziel dieser Serie. Die Beiträge erscheinen in loser Folge. Bisher erschienen: Am Grab der Üetliberg-Fürstin (28. 12.).

Bis dann der Hirsch auf diesem Hügel oberhalb der Limmat niederkniet. Nicht auf irgendeinem Hügel: Bis hierhin sollen sich Zürichs Stadtheilige Felix und Regula einige Jahrhunderte früher noch ohne Kopf geschleppt haben, nachdem römische Schergen die beiden Christen, die sich weigerten, den römischen Göttern zu opfern, unten bei der heutigen Wasserkirche geköpft hatten. Auf diesem Märtyrergrab kniet nun also der Hirsch nieder, ebenso Karls Jagdhund. Der Kaiser versteht nicht gleich, was los ist. Doch zwei ortskundige Einsiedler klären ihn auf, dass er am Grab der Märtyrer angelangt ist. Und Karl lässt dort eine Kirche errichten, den Vorläufer des heutigen Grossmünsters.

Legende mit historischen Bezügen

So will es die Legende. Doch was steckt dahinter? Der Kunsthistoriker Daniel Gutscher ist dieser Frage in seinem Buch «Das Grossmünster in Zürich» nachgegangen. Die älteste überlieferte Niederschrift der Geschichte von Felix und Regula stammt demnach aus dem 8. Jahrhundert. Sie berichtet, dass unter dem römischen Kaiser Maximian (286–305) im Wallis die sogenannte Thebäische Legion wegen ihres christlichen Glaubens hingerichtet wurde. Die Geschwister Felix und Regula wurden gewarnt und flohen, bis sie sich nahe beim Castro Turico, dem Römerkastell beim Lindenhof in Zürich, niederliessen. Maximians Schergen griffen sie jedoch dort auf, folterten und köpften sie.

Die Legende bezeugt laut Gutscher, dass es bereits im 8. Jahrhundert dort, wo heute das Grossmünster steht, ein Märtyrergrab gab, das als Wallfahrtsstätte diente und zu dem eine Kapelle oder Kirche gehört haben dürfte. Schon zur Römerzeit habe es dort einen Friedhof gegeben, der allerdings wohl zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert aufgegeben wurde. Da Zürich in Geschichten der Heiligen Fridolin, Columban und Gallus aus dem 6. und 7. Jahrhundert nicht vorkommt, geht Gutscher davon aus, dass irgendwann zwischen dem 7. und der Mitte des 8. Jahrhunderts auf dem Areal des ehemaligen Friedhofs ein spät antikes Grab entdeckt wurde.

Die Niederschrift der Legende von Felix und Regula sei im Zusammenhang mit der stärkeren Einbindung von Alpenpassrouten ins fränkische Kaiserreich zu sehen. Die Wallfahrtsstätte auf dem Münsterhügel hatte sich zu einem Männerkloster entwickelt, das um 870 durch Kaiser
Karl III., den Dicken, den Urenkel Karls des Grossen, als Kollegialstift bestätigt wurde. Daher rührt der Zusammenhang zwischen der Kirchengründung und Karl dem Grossen.

Die Geschichte, wie Karl der Grosse das Märtyrergrab fand, ist allerdings erst seit dem 15. Jahrhundert schriftlich überliefert. Nichtschriftliche Zeugnisse älteren Datums gehen jedoch bis ins 12. und 13. Jahrhundert zurück, darunter auch eine Relief-Darstellung im Grossmünster. 1233 wurde mit der Übertragung von Karls Reliquien von Aachen nach Zürich im Grossmünster offiziell ein Kult um den Kaiser eingeführt. Seine Verehrung als legendärer Stifter von Zürichs Wahrzeichen dürfte aber gemäss Gutscher schon älter sein.

Von der ursprünglichen Kirche am Märtyrergrab ist jedenfalls nichts mehr zu sehen. Der Bau des heutigen Grossmünsters erfolgte im 12. und 13. Jahrhundert. Die Krypta gehört zu den ältesten Teilen der Kirche und wurde am 18. August 1107 durch den Konstanzer Bischof Gebhard III geweiht.

Die Statue vom thronenden Kaiser, die heute in der Krypta steht, war ursprünglich aussen am Kirchturm angebracht. Nachdem sie stark verwittert war, wurde sie jedoch ins Kircheninnere gebracht. Seither thront aussen am Turm eine Kopie der alten Karlsfigur.

Und der Karl drinnen wird täglich beschallt von Kirchenmusik, tausendfach fotografiert von Touristen, die an ihm vorbeiziehen, wie schon manch andere Zeitgenossen der letzten Jahrhunderte. Die angeblichen Gebeine von Felix und Regula hingegen wurden schon 874 bei der Weihe des Fraumünsters dorthin verlagert, sodass die Stadtheiligen rechts und links der Limmat Stützpunkte bekamen.

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