Zürich
Historische Orte I: dem Grab der Üetliberg-Fürstin einen Besuch abstatten

Eintauchen in die Geschichten von Orten mit einer speziellen historischen Aura im Raum Zürich: Auf dem Hausberg finden sich Spuren aus grauer Vorzeit.

Matthias Scharrer
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Die Aussicht bei Hochnebel dürfte sich seit der Keltenzeit nicht gross geändert haben.
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Eine Infotafel berichtet, was im Grabhügel war: Gefunden wurden verbrannte menschliche Knochen und Goldschmuck.
Das Gipfelplateau des Uetlibergs war schon um 1000 vor Christus besiedelt.
In der älteren Eisenzeit (800 bis 400 v. Chr.) wurde die Siedlung auf dem Uto Kulm um noch heute sichtbare Schutzwälle ergänzt.
Die Schutzwälle aus vorchristlicher Zeit umgeben den Uetliberg-Gipfel in mehreren Ringen.
Die Terrasse des Restaurants Uto Kulm: Der Bergtourismus setzte auch auf dem Uetliberg im 19. Jahrhundert ein.
Mit zunehmendem Bergtourismus wurde aus Romantik wohliger Konsum.
Nebelschwaden über dem Hinterland.
Uetliberg von grauer Vorzeit bis heute

Die Aussicht bei Hochnebel dürfte sich seit der Keltenzeit nicht gross geändert haben.

Matthias Scharrer

Es gibt Orte, die haben so etwas wie eine magische Ausstrahlung. Man spürt: Hier ist etwas Besonderes. Ein Esoteriker, der an geheimnisvoll-verborgene Kräfte glaubt, muss man deswegen nicht sein. Es genügt schon, zu verweilen und die besondere Stimmung des Ortes auf sich einwirken zu lassen.

Zum Beispiel am Grabhügel Sonnenbühl auf dem Üetliberg. Er liegt an der Westflanke, etwa auf halbem Weg zwischen der Üetlibergbahn-Endstation und dem Restaurant «Jurablick». Links des Weges, auf der Südseite, schweift der Blick über Täler und Hügel in Richtung Innerschweizer Alpen. Rechts des Weges, der wenig später steil nach unten führt, liegt dieser Hügel.

Oft lief ich achtlos daran vorbei, bis ich eines Tages stehen blieb und die Infotafel davor las. Ich erfuhr: Unter dem Laub verbirgt sich ein keltischer Grabhügel aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, aus Lehm gebaut, mit Steinen bedeckt, ursprünglich drei Meter hoch und mit einem Durchmesser von 20 Metern. Im Inneren legten damalige Bewohner des Uetlibergs eine Grabkammer an. Sie war mit 3,3 Quadratmetern Grundfläche für ein Grab ziemlich geräumig.

Von den Grabbeigaben fanden die Archäologen, die den Hügel 1979 wissenschaftlich untersuchten, nur noch wenig. Offenbar hatten sich Grabräuber darüber hergemacht, noch bevor der Bau fertig war. Doch immerhin blieb etwas Goldschmuck in der Nähe der Grabkammer zurück, der jetzt im Landesmuseum lagert. Auch Überreste verbrannter menschlicher Knochen waren noch da. Aus den Funden schlossen die Archäologen, dass es sich wohl um das Grab der Frau des Fürsten handelte, der damals auf dem Üetliberg residierte.

Ein kleines Dorf auf dem Kulm

Der Grabhügel liegt am Rand einer Siedlungsfläche, die schon um 1000 vor Christus bewohnt war. Aus jener Zeit fanden Archäologen auf dem Üetliberg-Gipfelplateau, wo sich heute das Hotel «Uto Kulm» befindet, zahlreiche Siedlungsspuren: nicht nur Scherben und Knochen, sondern auch Überreste von Häusern.

Die letzten Grabungen fanden hier in den 1980er-Jahren unter Leitung der Kantonsarchäologie Zürich statt. Dabei wurden menschliche Spuren gefunden, die bis ins 4. Jahrtausend vor Christus zurückreichen. Der Grossteil der Funde stammt aber aus der Spätbronzezeit (1300 bis 800 v. Chr.). Danach, in der älteren Eisenzeit (800 bis 400 v. Chr.), wurde die Siedlung auf dem Üetliberg-Plateau um ein Wallsystem ergänzt, das sie vor Angreifern schützen sollte.

Historische Orte

Eintauchen in die Geschichten von Orten mit einer speziellen historischen Aura im Raum Zürich: Das ist das Ziel dieser Serie. Die Beiträge erscheinen in loser Folge.

Dessen Überreste sind heute noch gut erkennbar, wenn man sich von der Bahnstation aus dem Kulm nähert. Auch Spuren der alten Römer aus der Zeit um Christi Geburt bis etwa 400 nach Christus kamen bei den Grabungen auf dem Plateau zutage.

Im Mittelalter entstanden am Üetliberg fünf Burgen, wie in der 2011 erschienenen Monografie «Der Üetliberg» von Stefan Schneiter nachzulesen ist. Zwei davon – die Üetliburg auf dem Kulm und Balderen weiter östlich – befanden sich auf dem Hauptgrat, die anderen drei – Friesenberg, Sellenbüren und Manegg – an seitlich abfallenden Graten. Erhalten sind nur noch Gemäuer der Friesenberg-Burg, deren Ruine 1925 und 1930 auf romantisierende Art baulich ergänzt wurde.

Testen Sie ihr Wissen über die historischen Orte Zürichs in unserem Quiz:

Weitere historische Orte in Zürich finden Sie auf unserer interaktiven Karte:

Zwischenstopp auf dem Uto Kulm. Es ist einer jener Tage, an denen sich hier bei strahlendem Sonnenschein der Hochnebel von oben geniessen lässt. Touristen machen Handyfilmchen vom prächtigen Panorama: die Stadt Zürich weit unten im Tal, die Alpen am Horizont, Nebelschwaden über dem Hinterland. Eine Einheimische ärgert sich über die unlängst von «Uto Kulm»-Hotelier eingeführte Gebühr fürs Besteigen des Aussichtsturms.

Hier begann im 19. Jahrhundert ein neues Kapitel der Üetliberg-Historie: der Ausflugs-Tourismus. 1839 wurde das «Gast- und Kurhaus Uetliberg» im Berner Chaletstil gebaut, dessen Nach-Nachfolger heute das «Uto Kulm» ist.

Von der Romantik zum Konsum

Von der Magie des nur wenige hundert Meter entfernten Sonnenbühl-Grabhügels ist hier nichts zu spüren. Der im 19. Jahrhundert von Romantikern lancierte Bergtourismus hat aus der Romantik wohligen Konsum gemacht, erleichtert durch den Bau der Uetlibergbahn 1875. Symbolisch dafür steht ein Weissbier vor mir, beleuchtet von milder Dezembersonne. Vielleicht trank der keltische Üetliberg-Fürst hier ja einst auch etwas Ähnliches.