Drei- bis viermal pro Tag friert in Zürich West die Zeit ein. Das Trendquartier, das sonst in Richtung Zukunft hastet, ohne links oder rechts zu schauen, hält plötzlich inne und verneigt sich vor seiner industriellen Vergangenheit – gezwungenermassen. Wie ein mechanischer Wiedergänger rumpelt ein Güterzug quer über alle Strassen und Kreuzungen und bringt den Verkehr einen Moment lang zum Erliegen. Kurz darauf ist der Spuk wieder vorbei.

Noch unzeitgemässer als dieser Zug ist nur sein Ziel, die Getreidemühle am Ufer der Limmat. Hier, inmitten der Banken- und Versicherungsstadt, ist seit einem Jahr der höchste Kornspeicher des Planeten im Bau. Die Swissmill, die zu Coop gehört, stockt ihr Silo auf. Es entsteht ein grauer Monolith, der dereinst 118 Meter in den Himmel ragen wird – drei Meter mehr als das heutige Rekordsilo in Ulm. Dieser himmelstürmende Fortschrittsgestus kaschiert nur bedingt, dass die Wurzeln des Gebäudes bis in die menschliche Vorgeschichte zurückreichen. Dorthin, wo vor fast 12 000 Jahren die ersten Kornspeicher den Grundstein zu unserer Zivilisation legten.

Ein solch archaischer Bezug scheint vielen Zürchern befremdlich – auch wenn sie in einer Abstimmung vor drei Jahren Ja gesagt haben zum Turm. In ihren Reden darüber schwingt oft milde Herablassung mit: Was wollen wir hier mit einem Getreidesilo? Als Kinder des Internets haben sie sich gedanklich in ihre Datenwolken verabschiedet, wo Smartphones einen Nährwert haben.

Spätestens in Krisenzeiten würden sie wieder begreifen, dass sich ihre schöne neue Welt nicht dreht ohne die unscheinbaren Körner im Turm. Dank des dortigen Pflichtlagers könnte die Mühle die Menschen im Raum Zürich vier Monate lang mit Brot versorgen. So wie sie das heute schon tut, weitgehend unbemerkt. Die Nähe zu den Verbrauchern ist ein wesentlicher Grund, weshalb der Branchenprimus Swissmill das Silo in Zürich bauen wollte.

Bis zu 1500 Tonnen Getreide gelangen jeden Tag per Bahn hierher, der Grossteil davon aus der Schweiz. Das sind geschätzte 30 Milliarden Körner, jedes davon eine winzige Batterie voll gespeicherter Sonnenenergie, die später in unserem Körper genug Kraft freisetzt, um ungefähr drei Treppenstufen hochzusteigen. Oder um ein paar SMS ins Handy zu tippen.

Bevor die Körner aber auch nur in die Nähe menschlicher Verdauungssäfte kommen, machen sie sich zunächst einmal auf eine Odyssee durch die Innereien des Müllereibetriebs. Nichts daran erinnert mehr an die staubigen Mühlen aus den Zeiten von Max und Moritz. Stattdessen: ein Labyrinth mit blitzblanken Böden, in dem über alle Etagen ein Wald aus silberglänzenden Rohren wuchert. Dazwischen über Monitore gebeugte Männer in weissen Kitteln, ein satter Duft nach Müesliflocken, vibrierender Maschinenlärm und über allem ein Rauschen und Rieseln – es ist das gleichmütige Arbeiterlied der Körner in den Rohren.

Bevor diese ins Silo kommen, werden sie maschinell gereinigt. Zwischen all dem Weizen, Hafer und Mais, den die Bauern liefern, versteckt sich auch Unerwünschtes. Ein erster Apparat übernimmt Aschenputtels Aufgabe und trennt die guten von den schlechten Körnern, einfach mit optischen Sensoren statt mit Tauben. Ein zweiter sortiert anhand des Gewichts schwere Steinchen und Glasscherben aus, und wieder ein anderer fischt mit einem Magnet Metallteile raus, zum Beispiel Schrauben vom Mähdrescher. Dann kommt das Getreide in einen Kornlift, ein Endlosband aus Bechern, die es hinauf in die Spitze des Silos befördern. Künftig wird es dabei 100 Höhenmeter überwinden.

Die Bauarbeiter stellen das neue Silo derzeit gleichsam auf das bestehende drauf, während dort der Betrieb weiterläuft. Verbunden werden beide durch einen weiteren Wald aus Rohren. Das Innere des rekordhohen Turms wird dereinst unterteilt sein in 45 sogenannte Zellen, unzugängliche Schächte, die sich von ganz oben bis ganz unten erstrecken. In diese ergiesst sich das neu gelieferte Getreide nach seiner Liftfahrt unters Dach, sortiert nach Sorte, Qualität und Backeigenschaften. Sobald die Müller dreissig Stockwerke tiefer die Schleuse öffnen, um Korn zu mahlen, rutscht der Inhalt des Schachts unter dem eignen Gewicht in die Tiefe.

Bis zum Ausgang ist es bei der enormen Höhe des Turms ein weiter Weg. Dennoch bleibt ein durchschnittliches Korn nur zwei bis drei Wochen im Silo liegen. Deshalb sind laut den Betreibern der Mühle auch die wenigen Schädlinge, die den Reinigungsmaschinen entkommen sind, keine Bedrohung. In dieser kurzen Zeit könnten sie keinen nennenswerten Schaden anrichten. Es lohne sich nicht, die Tierchen zu vergasen – obwohl das im Prinzip möglich wäre.

Das neue Silo hat auch Auswirkungen im Grossen weit über den Kanton Zürich hinaus. Vor allem dort, wo das Rohmaterial per Bahn abgeholt wird. Getreidekörner wachsen nicht in allen Ecken des Landes genau gleich heran. Die Müller müssen deshalb Körner unterschiedlicher Herkunft zusammengeben, um den Kunden gleichbleibende Mehlmischungen anbieten zu können. Bisher war deshalb ein kompliziertes Bahnwagendomino nötig: Die Getreidezüge mussten so komponiert sein, dass mit jeder Lieferung etwas Korn aus jeder Region nach Zürich gelangte.

Künftig schickt – vereinfacht gesagt – jede Region einen ganzen Zug voll Korn nach Zürich. Dank der massiv erhöhten Lagerkapazitäten wird dort trotzdem immer genug Getreide jeder Herkunft verfügbar sein. Kurz: Der hohe Turm erlaubt einen Gegenentwurf zur Philosophie der Just-in-time-Produktion, die die Wirtschaftswelt seit Jahrzehnten prägt – noch so ein Anachronismus.

Die Müller von Zürich haben gelernt, ihren Weg quer zum Lauf der Zeit zu finden. Schon in den Achtzigerjahren bekamen sie zu hören, dass sie keine Zukunft mehr hätten. Stattdessen bauen sie den Betrieb heute kontinuierlich aus. Der neue Turm ist für sie nicht der grandiose Schlusspunkt, wenn er im Herbst 2015 steht, sondern erst der Anfang.