Caliente

«Hey, wir machen einen Latino-Rave»

Roger Furrer, Caliente-Gründer.

Roger Furrer, Caliente-Gründer.

Festival-Gründer Roger Furrer spricht über sein Festival, verpinkelte Hinterhöfe und seine Pläne in Havanna.

Es ist heiss auf dem Helvetiaplatz – genau das richtige Wetter für das Festival, das die Hitze auf Spanisch zum Namen hat: Caliente. Zum 20. Mal findet das Latin-Music-Festival ab heute im Zürcher Kreis 4 statt. Und zum 20. Mal hat Roger Furrer den Grossanlass organisiert. Furrer, der von sich sagt: «Ich bin der Spirit von Caliente.» Der das Festival nach Kuba, Miami und in die Dominikanische Republik exportiert hat. Der für nächstes Jahr eine Caliente-Pause in Zürich plant – vielleicht aber doch nicht ganz –, um Caliente-Versionen in Havanna, Rio und Bangkok zu veranstalten. Furrer wirkt gehetzt, als wir uns in seinem Büro im Volkshaus treffen. Er hat noch viel zu tun, so kurz vor dem Festival, das von Freitag bis Sonntag über 300 000 Besucher in den Kreis 4 locken dürfte: Rechnungen sind zu bezahlen, Pläne an die 250 Standbetreiber auf dem Festgelände zu verschicken, und und und. Erst als wir uns im Restaurant «Volkshaus» bei Kaffee und Bier in Ruhe unterhalten, entspannen sich die Gesichtszüge des 56-Jährigen, der bei Plattenfirmen zu arbeiten begann und heute beruflich nichts als Caliente macht.

Herr Furrer, wie feiern Sie die 20. Ausgabe von Caliente?

Roger Furrer: Ich habe nur Arbeit. Seit drei Monaten laufe ich auf den Felgen. Während des Jahres sind wir ein kleines Team, erst während des Fests kommen mehr Leute dazu. Am Fest selber wird ständig nach mir gerufen. Danach kommt nochmals viel Administration – und irgendein Nachbar findet wieder, jemand habe ihm in den Hof gepinkelt und wir müssten putzen.

Sie setzen musikalisch fast ausschliesslich auf DJs. Warum nicht mehr auf Konzerte?

Wir haben alle Latino-Stars schon gebracht. Und beim Publikum hat sich das Interesse hin zur Party auf der Strasse verlagert. Ausserdem ist es schwierig zu organisieren, dass die Stars der Latin-Musik gerade während des Caliente-Festivals in Zürich sind. Und es gibt nicht so viele Latino-Stars, die das Volkshaus füllen.

Was gibts zum Jubiläum Spezielles am Caliente?

Zur Eröffnung heute Freitagabend gibts eine Parade mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus zehn lateinamerikanischen Ländern. Sie repräsentieren ihre Länder mit Tänzen und Kostümen.

Lassen Sie die Paradeteilnehmer aus Lateinamerika einfliegen?

Nein. Der Grossteil kommt aus der Schweiz, einige auch aus Berlin und London.

Wie geht es nach 20 Jahren mit Caliente weiter?

Ich arbeite zuviel, mache alles selber. Vielleicht gebe ich einen Teil der Arbeit an eine Veranstaltungsfirma ab. Nach dem Caliente fliege ich nach Kuba, um dort ein Caliente-Festival zu organisieren.

Sie planen für 2016 Caliente-Ausgaben in Havanna, Bangkok und Rio. Wie muss man sich diese Ausgaben vorstellen?

In Kuba wird es viele Konzerte und Kunst von Malern und Bildhauern geben, auch ein grosses Openair, wie 2001, als wir schon einmal Caliente in Kuba machten. Damals gab es als Abschluss ein Konzert für 100 000 Leute. So will ich das 20-Jahr-Jubiläum von Caliente feiern. Was wir hier nicht mehr machen, machen wir jetzt in Kuba. In Bangkok sind während fünf Tagen Events in verschiedenen Locations geplant, zudem ein Salsa-Schiff für 1000 Salseros. Rio müssen wir noch auskundschaften.

Was bedeutet Ihnen Caliente?

Da ist mein Herzblut drin. Ich bin der Spirit von Caliente. Das kann ich nicht einfach abgeben. Ich kenne alle, habe ein Riesennetzwerk und mache das Programm. Caliente ist wie mein Kind. Und bei diesem Wetter erwarten wir wieder einen Besucherrekord.

Macht Ihnen das nicht auch Angst, wenn Zigtausende am Caliente auf der Strasse sind und Sie die Verantortung tragen?

Bis jetzt ist nie etwas Gravierendes passiert. Die Polizei unterstützt uns gut. Und wir haben viele Security-Leute im Einsatz.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Behörden entwickelt?

Vor Elmar Ledergerbers Zeiten war es schwieriger mit den Behörden. (Ledergerber war ab 1998 Stadtrat und von 2002 bis 2009 Stadtpräsident von Zürich; Anm. d. Red.). Wir profitierten von der Aufbruchstimmung im Zürich der 1990er-Jahre. Heute kriegt man ja für einen neuen Grossanlass kaum noch eine Bewilligung.

Und wie hat sich Caliente entwickelt?

1985 bis 1990 hatte ich auf Ibiza gelebt und dort Festivals veranstaltet. Ich kannte alle spanischen Bands und brachte sie nach meiner Rückkehr nach Zürich ins Volkshaus. Es war immer voll – und mit der Zeit kamen immer mehr Lateinamerikaner. So kam ich auf die Idee, ein Festival für alle Latinos zu machen. 1995 fingen wir auf dem Kasernenareal an. 1996 wechselten wir ins Limmathaus, das verschiedene Dancefloors bot. Mein Freund Arnold Meyer machte damals viele Raves. Ich zog mit ihm überall herum. So kam mir der Gedanke: Hey, wir machen einen Latino-Rave, mit Food und Kunsthandwerk. 1997 zog Caliente dann ins Volkshaus. Compay Secundo trat dort auf...

... der damals mit dem Buena Vista Social Club weltweit Furore machte...

Ende der 90er-Jahre platzte das Festival aus allen Nähten. Und die Eintrittspreise für die Konzerte waren für viele Latinos zu hoch. So veranstalteten wir parallel zu den Konzerten im Volkshaus eine Gratis-Party auf dem Helvetiaplatz. Dann kam jedes Jahr ein weiteres Stück Strasse zum Festgelände dazu. Caliente explodierte immer mehr.

Warum?

Die Schweizer sind halt auch Festbrüder. Und zu jedem Latino gehört ein Schweizer, sonst kriegen sie hier kaum eine Aufenthaltsbewilligung. Der Schlüssel zum Erfolg ist Werbung in der ganzen Schweiz und im Ausland. Wir setzten schon 1995 voll aufs Internet.

Was machen Sie nächstes Jahr?

Nächstes Jahr konzentriere ich mich auf Havanna, Bangkok und Rio. In Zürich gibts nächstes Jahr kein Caliente – zumindest nicht im Kreis 4. Vielleicht machen wir dann aber wieder eine Bühne am Züri Fäscht.

Caliente beginnt heute Freitag ab 19 Uhr mit einer Parade im Zürcher Kreis 4. Zentren des Festivals sind der Helvetiaplatz, das Volkshaus und das Zeughaus 5 in der Alten Kaserne. Das Festival mit rund 250 Ständen und diversen DJ-Bühnen erstreckt sich auch auf viele Strassen zwischen Helvetiaplatz, Langstrasse und Kaserne. Am Freitag und Samstag dauert es bis 2 Uhr, am Sonntag bis 22 Uhr.

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