Unfallprävention in Zürich

«Heute habe ich Schulden und einen kaputten Körper»

Road Cross hat die Junglenker im Visier, da sie ein überdurchschnittlich hohes Unfallrisiko haben (Archiv).

Road Cross hat die Junglenker im Visier, da sie ein überdurchschnittlich hohes Unfallrisiko haben (Archiv).

Verkehr Hohe Geschwindigkeit und Ablenkung am Steuer können gravierende Folgen haben. Die Stiftung Road Cross zeigt Jugendlichen Unfallursachen und -folgen auf. Ein Besuch an der KV Zürich Business School.

«Ein Kollege hat uns beim Driften fast umgebracht», sagt Flamur Selmani. Der 18-jährige KV-Schüler sass im Auto eines Freundes, als dieser ihm zeigen wollte, wie er mit angezogener Handbremse einen Hang runterfährt. Sie rammten mehrere Pfosten, bis das Auto stillstand und nichts mehr ging. Verletzt wurde niemand, aber der Vorfall hat Selmani beeindruckt, der sich derzeit auf seine Autoprüfung vorbereitet.

In der Aula der KV Zürich Business School sass er in der vordersten Reihe, als Serkan Yalçinkaya von der Stiftung Road Cross für Verkehrssicherheit und ein Polizist der Zürcher Stadtpolizei rund 90 KV-Schüler im 4. Semester über Unfallursachen und -folgen aufklärten. Dabei konfrontieren sie die Jugendlichen schonungslos mit Fakten und mit Persönlichem: Letztes Jahr gab es 253 Verkehrstote in der Schweiz. «Wir hier im Raum können deswegen nachts gut schlafen», sagte Yalçinkaya, «wer aber durch so einen Unfall den Bruder verloren hat, der liegt wach.»

Die Junglenker hat Road Cross im Visier, da sie ein überdurchschnittlich hohes Unfallrisiko haben.

Vor allem Ablenkung am Steuer und zu hohe Geschwindigkeit werden ihnen zum Verhängnis. 25 Prozent der Unfälle von Fahrern im Alter zwischen 18 und 24 Jahren passieren wegen Ablenkung. Allem voran ist das Handy eine grosse Versuchung.

Serkan Yalçinkaya sammelt mit den Jugendlichen Strategien, um die Ablenkung durch das Smartphone zu verringern. Den Flugmodus einstellen, ignorieren oder über die Fernsprechanlage telefonieren, sind Vorschläge der Schüler. «Ich schliesse mein Telefon im Kofferraum ein», sagt Yalçinkaya und erntet Gelächter. Er meine das ernst, denn als Trainer einer Juniorenmannschaft könne er nicht verantworten, dass einem seiner Schützlinge etwas passiere.

Als Mitfahrer ein mulmiges Gefühl zu haben, das kennen fast alle im Saal. Viele sprachen die Fahrer darauf an. «Genützt hats wohl kaum», sagt Yalçinkaya. Er rät, mit einem Übelkeitsanfall zu drohen: «Kotzt ihr nämlich in die Klimaanlage, kriegt man den Gestank nicht mehr raus – das weiss jeder Fahrer.» So könnten die Jugendlichen vielleicht keinen Unfall verhindern, aber dafür sorgen, dass sie dann nicht im Auto sitzen.

Kosten massiv unterschätzt

Von Montag bis Donnerstag findet die mittägliche Inputveranstaltung vier Mal an der KV Zürich Business School statt, 450 Schüler werden sie besuchen. Road Cross organisierte im vergangenen Jahr schweizweit knapp 500 solche Veranstaltungen in Schulen und Vereinen.

Vor allem die Unfallfolgen beeindrucken die Jugendlichen. Flamur Selmani hätte die Kosten, die ein Unfall mit Verletzten verursachen kann, massiv unterschätzt. Statt über einer Million tippte er auf 10 000 Franken. Am drastischsten zeigt die Geschichte von Martin Bänz die Folgen eines Unfalls: Bänz ist mit überhöhter Geschwindigkeit verunfallt und wurde im zerquetschten Auto eingeklemmt, während dieses brannte. Er hat knapp überlebt. Seit dem Unfall ist sein Knie zerstört, er hat psychische Probleme und geht am Stock. «Heute habe ich Schulden und einen kaputten Körper», sagt Bänz in einem Videoausschnitt. Alles nur, weil er ein paar Sekunden zu schnell gefahren sei. Flamur Selmani hat sich nach der Veranstaltung erst recht vorgenommen, es mit der Geschwindigkeit nicht zu übertreiben.

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