Zürich

Helvetas zeigt: Der Blick über Tellerrand lohnt sich

Die Jugendlichen begeben sich auf eine kulinarische Reise durch acht Länder. Dabei erfahren sie, unter welchen Bedingungen unsere Lebensmittel produziert werden.

Die Jugendlichen begeben sich auf eine kulinarische Reise durch acht Länder. Dabei erfahren sie, unter welchen Bedingungen unsere Lebensmittel produziert werden.

Dietiker Schüler lernen an der Helvetas-Ausstellung, woher Nahrungsmittel kommen. Zudem sollen sie sich Gedanken über ihr Konsum- und Essverhalten machen.

«Wir essen die Welt» heisst die Ausstellung der Helvetas über Genuss, Geschäft und Globalisierung, die zurzeit im Folium im Zürcher Sihlcity gezeigt wird. Die Führung, bei der es fast ausschliesslich ums Essen geht, tritt die dritte Sekundarklasse von Beat Hess aus Dietikon gestern Morgen prompt mit leerem Magen an. «Ihr habt heute alle noch nichts gegessen?», fragt Marianne Candreia der Schulstelle Helvetas ungläubig in die Runde. Die 16- bis 17-jährigen Schüler schütteln verlegen den Kopf. Die eigentliche Frage von Candreia, ob die Schüler denn wüssten, woher ihr Morgenessen stamme, hat sich damit erübrigt.

Doch die Austellungsführerin ist vorbereitet. Sie reicht den Schülern stattdessen ein paar ausgewählte Produkte aus aller Welt, dessen Herkunft die Jugendlichen herausfinden sollen: Reis aus dem Himalaja, Büchsenananas aus Südamerika und Cornflakes, deren Herkunft nicht genau auszumachen ist. Die Schüler sind erstaunt über die langen Wege, die die Produkte zurücklegen, bis sie bei uns zu kaufen sind. «Alles, was auf unseren Tellern landet, hat eine Geschichte», sagt Candreia. «Indem ihr entscheidet, was ihr kauft und esst und was nicht, nehmt ihr bewusst oder unbewusst Einfluss.»

Klassenlehrer Beat Hess wird die Thematik der Ausstellung in den nächsten Wochen ebenfalls im Schulunterricht behandeln. «Es ist mir wichtig, dass sich meine Schüler Gedanken über ihr Konsum- und Essverhalten machen», sagt er. Ziel sei es, dass die Jugendlichen Bescheid wissen, woher ihr Essen stammt und wie es verarbeitet wurde.

Chips enthalten Orang-Utan

Die erste Station, die die Klasse besucht, ist eine grosse Schweizer Küche, auf deren Kästchen jeweils eine Behauptung rund um das Thema Essen geschrieben steht. Eine davon interessiert die Jugendlichen besonders. «Wieso enthalten Pommes Chips denn Orang-Utan?», fragt eine Schülerin ungläubig. Candreia klärt die Schüler auf. Da in Pommes Chips Palmöl enthalten sei, und da für dessen Anbau Unmengen an Urwald abgeholzt werden, verkleinere sich der Lebensraum der Orang-Utans. Der Rundgang in vertrauter Umgebung ist eine Einladung an die Schüler, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken.

Nachdem die Jugendlichen weitere Fragen geklärt haben, bekommen alle einen Pass. Acht verschiedene Nationen sind vertreten. Die Jugendlichen sind nun für den Rest der Führung Angehörige der Staaten Honduras, Amerika, Peru, Brasilien, Indien, Äthiopien, Burkina Faso oder Bangladesch. Neugierig begeben sie sich durch den Zoll. Sie erhalten den Auftrag, ihr jeweiliges Land besser kennenzulernen. Dafür ist an der Ausstellung für jede Nation ein Informationsstand aufgebaut worden. Jedes Land wird durch eine dort wohnhafte Person repräsentiert, die die Schüler über Kopfhörer über ihr Leben und ihre Arbeit vor Ort informiert. Am Stand von Äthiopien ist beispielsweise eine Frau zu hören, die als Kleinbäuerin fast keine Tomaten mehr verkaufen kann, da auf dem Markt Büchsen aus Frankreich erhältlich sind, die mittlerweile viel günstiger sind.

Nachdem sich die Jugendlichen über ihr Land informiert haben, treffen sie sich wieder und erzählen ihren Kollegen, was sie an ihrem Stand gelernt haben. Dabei erstaunt etwa, dass in Peru über 3000 Sorten Kartoffeln angebaut werden oder Jugendliche in Afrika bis zu 25 Kilo Wasser auf dem Kopf balancieren. Die Schüler erfahren auch viel über die Welt des globalisierten Essens: über fairen Handel, industrielle und Bio-Landwirtschaft, Wassernot und die Schattenseiten der Fleischproduktion.

Mehlwürmer statt saftige Steaks

Nach der Weltreise schliesst der Ausblick in die Zukunft unseres Essverhaltens die Ausstellung ab. Candreia reicht ein Bild umher, auf dem Mehlwürmer und Insekten zu sehen sind, und fügt an, dass es durchaus denkbar sei, diese bald auch auf unserem Speiseplan zu finden. «2,5 Milliarden Menschen essen Insekten beinahe täglich.» Die Jugendlichen rümpfen allesamt die Nase. «Pfui, das würde ich niemals essen», sagt der 17-jährige Fabian Zbinden angeekelt. Gleichzeitig weiss er nach der Führung durch die Ausstellung aber auch, dass die Mengen an Fleisch, die täglich konsumiert werden, bedenklich sind und Insekten eine Co2-ärmere Alternative zum saftigen Steak mit ebenso hohem Eiweissgehalt wären.

Die Jugendlichen nehmen von der Helvetas-Ausstellung mit auf den Weg, sich künftig vermehrt auf die Inhaltsstoffe und die Herkunft der Produkte zu achten, die sie konsumieren. Die erste Gelegenheit dazu bietet sich ihnen direkt nach der Ausstellung. Als es 12 Uhr schlägt, haben die Jugendlichen nämlich noch immer nichts zwischen die Zähne bekommen.

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