Zürich

«Heimaufenthalte werden teurer»: Streit um finanziellen Folgen der Coronakrise für Heime ist lanciert

Das Coronavirus hinterlässt Spuren in den Taschen der Pflegeheime.

Das Coronavirus hinterlässt Spuren in den Taschen der Pflegeheime.

Weil Erkrankte Heimbewohnende nur im Notfall ins Spital verlegt wurden – um eine Überlastung zu vermeiden – fallen für Pflege und Altersheime hohe Kosten an. Insgesamt könnte die Coronakrise die Zürcher Heime 35 Millionen Franken kosten.

Für die Alters- und Pflegeheime hat die Coronakrise erhebliche Zusatzbelastungen gebracht. Da ist das menschliche Leid: 78 von bislang 130 Corona-Todesopfern im Kanton Zürich starben in den Heimen. Diese mussten ihren Betrieb stark umorganisieren, seit das Virus hierzulande im März ausbrach. Das schlug auch finanziell zu Buche: Zusätzliches Pflegepersonal musste her, ebenso Schutzmaterial. Gleichzeitig sanken die Einnahmen – zum Beispiel, weil keine Besucher mehr in die Heimrestaurants kommen durften. ­Bisher summiert sich der finanzielle Schaden laut André ­Müller, Präsident des Heim­verbands Curaviva Zürich, auf rund 35 Millionen Franken.

Hinter den Kulissen wird nun gestritten, wer das bezahlen soll. Für Brigitte Röösli, SP-­Kantonsrätin und Co-Präsidentin der Patientenstelle Zürich, zeichnet sich ab: «Die Heimaufenthalte werden teurer für die Bevölkerung.» Darauf deute die kürzlich veröffentlichte Stellungnahme des Regierungsrats zu einer Anfrage von Röösli hin.

Die Regierung schreibt darin, der Aufwand für die Pflege von Heimbewohnenden, die an Covid-­19 erkrankt seien, gehe wie alle Nebenaufwände zulasten der Heime. Dies fliesse «in der Regel in die allgemeinen Grund- und/oder Betreuungstaxen ein». Mit anderen Worten: «Die Heime bleiben auf den Kosten sitzen. Und vielleicht auch die Gemeinden», sagt Röösli.

Das sei stossend, da ein grosser Teil der Coronakosten für die Heime auf Anordnungen des Bunds und des Kantons beruhe. Die Heime hätten sich mit enormem Aufwand auf die ausserordentliche Lage eingestellt. Zudem hätten die Behörden Druck gemacht, damit Coronakranke nicht aus den Heimen in die Spitäler kämen.

Gemäss Regierungsrat geschah dies, um eine Überlastung der Spitäler zu vermeiden. Für Röösli ging es dabei auch um Kostenverschiebungen. Klar ist: Es wirkt sich auf die Kostenverteilung aus. Denn an Spitalbehandlungen beteiligt sich gemäss Gesetz der Kanton, nicht aber an der Pflege in Heimen. Laut Röösli stiehlt sich der Kanton aus der Verantwortung, da so manche Corona-Patienten ins Spital gehört hätten, aufgrund der kantonalen Empfehlungen aber im Heim blieben.

Curaviva-Präsident Müller sagt, es sei schwierig zu beziffern, welcher Teil der Coronakosten ohne die behördlichen Anordnungen auf die Spitäler entfallen wäre. Doch er bestätigt, was auch SP-Kantonsrätin Röösli annimmt: «Es ist denkbar, dass die Tarife steigen.» Müller weist allerdings auch darauf hin, dass die 35 Millionen Franken gemessen am Gesamtaufwand aller Zürcher Alters- und Pflegeheime zwar erheblich, aber nicht dramatisch seien. Dieser belaufe sich pro Jahr auf rund zwei Milliarden Franken. Dennoch sei die Kostenfrage wichtig, denn: «Alle Betriebe kämpfen mit den Finanzen.»

«Wir haben ein starres System»

Zu klären sei auch, ob die Krankenkassen sich stärker beteiligen. Der Regierungsrat schreibt dazu, Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) setze sich im Kreise der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren dafür ein, dass die Versicherer ihren Teil der Coronakrise tragen müssen. Allzu grosse Hoffnungen setzt der Heimverbands-Präsident darauf aber nicht: «Wir haben ein starres System», sagt Müller. Er glaube nicht daran, dass die Krankenkassen den Alters- und Pflegeheimen zusätzliche Beiträge bezahlen würden.

Röösli wünscht eine klare kantonale Regelung zur Finanzierung der Coronakosten in den Heimen, wie sie gegenüber dieser Zeitung sagt. Es werde willkürlich, wenn jede Gemeinde die Sache auf ihre Art regle.

Der Regierungsrat wiederum betont, der Kanton habe die Heime im Umgang mit der Coronakrise ohnehin schon unterstützt. So konnten sie im März und April bei der Kantonsapotheke Schutzmaterial gratis und ab Mai zum Selbstkostenpreis beziehen. Die Kantonsapotheke habe den Heimen beispielsweise 6522 Liter Händesdesinfektionsmittel, knapp 800'000 Schutzmasken und knapp 40'000 Schutzkittel geliefert.

Zudem habe die Gesundheitsdirektion die Heime und Gemeinden Mitte September 2019 schriftlich aufgefordert, sich auf eine mögliche Pandemie vorzubereiten. Dies geschehe regelmässig aufgrund des nationalen Epidemiegesetzes, erklärte ein Sprecher der Gesundheitsdirektion. In dem Schreiben hiess es, Grippepatienten sollten dort behandelt werden, wo sie erkrankten – und nur in Ausnahmefällen ins Spital.

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