12 Anekdoten
HB-Facts: Damit beeindrucken Sie Ihren Stammtisch

Welche Figuren thronen über dem Portal? Ist der Bahnhof ein Provisorium?

Oliver Graf
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Facts rund um den Hauptbahnhof Zürich
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Um 1930 ist die Wanner-Halle zu eng: Vor ihr wird eine Querhalle erstellt, an der sich mehr Gleise anbinden lassen. Ein Provisorium – es steht noch heute.
Im Jahr 1867 befindet sich die Wanner-Halle im Bau: Am Standort des ersten Zürcher Bahnhofs entsteht wegen der Verkehrszunahme ein grosser, repräsentativer Bau.
Der erste Zürcher Bahnhof im Jahr seiner Eröffnung 1847: Er befand sichzwar am heutigen Standort, aber er lag doch noch ausserhalb der Stadt.

Facts rund um den Hauptbahnhof Zürich

Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Den Zürcher Hauptbahnhof, den kennt jeder. Manche, wie die Pendler, die selbst exakt wissen, an welchem Punkt des Perrons die Türe der S12 zu stehen kommt, etwas besser. Andere, die nur sporadisch die Hauptverkehrsdrehscheibe des öffentlichen Verkehrs aufsuchen und sich ob all der unter- und oberirdischen Gänge jeweils unsicher umschauen, etwas weniger. Doch die Grund-Züge, etwa die leere Wanner-Halle und die schlichten Perrondächer über den Gleisen, die kennen alle.

Nun ist der HB im Zusammenhang mit dem Bau der Durchmesserlinie nach Oerlikon ausgebaut worden. Ein weiteres Mal. Denn Aus-, Um- sowie – oft auch bloss Fantasie gebliebene – Neubauten gab es am und um den Hauptbahnhof Zürich viele. Seit der Eröffnung 1847 blieb sich eigentlich nur eines gleich; das Verkehrswachstum, das Planer, Ingenieure und Architekten stets auf Trab hielt.

Dieser langen Bau- und Planungsgeschichte ist Architekt Werner Huber nachgegangen; im sechsten Band der von den SBB und der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte herausgegebenen Reihe «Architektur- und Technikgeschichte der Eisenbahnen in der Schweiz» zeichnet er die Entwicklung des landesweit grössten Bahnhofs nach. Der Band zeigt die Geschichte des HB Zürich detailliert auf.

Historische und aktuelle Pläne vermitteln dem Leser exakte Einblicke in die Bahninfrastruktur und zeigen darüber hinaus auf, welche Herausforderungen sich bei der Einbindung der Anlage ins regionale Schienennetz stellten. Zahlreiche historische Abbildungen runden den Band ab.

Eine kleine Auswahl von Anekdoten und Fakten rund um den HB, mit denen Sie im Gespräch mit ihren Freunden Eindruck schinden können, finden Sie hier:

1. Der Urbahnhof

Am 7. August 1847 wurde die erste Schweizer Bahnlinie eröffnet; die Nordbahn legte die Strecke zwischen Zürich und Baden, die zuvor fast fünf Stunden in Anspruch nahm, in 33 Minuten zurück. Der erste Zürcher Bahnhof, der über fünf Gleise verfügte, lag bereits an seinem heutigen Standort – damals aber noch ausserhalb der Stadt. Vom Paradeplatz, der sich zum Geschäftszentrum entwickelt hatte, führten nur schmale Pfade und eine Promenade entlang des Fröschengrabens zum Bahnhof.

2. Der Wanner-Bahnhof

Nach der «Spanisch-Brötli-Bahn» kamen in rascher Folge weitere Linien hinzu. Es brauchte einen grösseren Bahnhof, den Jakob Friedrich Wanner, der Chefarchitekt der Nordostbahn, plante. Beim Bau kam es zu verschiedenen Verzögerungen (Cholera-Epidemie; Beinbruch Wanners beim Sturz ins Kellergeschoss). 1871 nahm der neue Bahnhof den Betrieb auf. Die NZZ lobte das «herrliche Bauwerk», das «Reichthum, Eleganz und Zweckmässigkeit» verbinde.

3. Die Prachtstrasse

Die Stadt Zürich liess, wie von «Eisenbahnkönig» Alfred Escher gefordert, eine Verbindung zum neuen Wanner-Bahnhof erstellen. Die Prachtstrasse, die Bahnhofstrasse, läuft nicht, wie sonst in Grossstädten üblich, rechtwinklig auf den HB zu, und sie ist mit ihren zwei Knicken auch nicht schnurgerade – damit wurde einerseits der Paradeplatz angebunden, andererseits könnte der See erreicht werden, ohne zu viele Gebäude schleifen zu müssen.

4. Der Haupt-Bahnhof

Nach der Eingemeindung von 1893 lagen auch die Bahnhöfe Wiedikon, Enge, Letten, Stadelhofen, Tiefenbrunnen und Selnau auf Stadtgebiet. Der Bahnhof Zürich wurde nun Hauptbahnhof genannt.

5. Das Wachstum

Um 1900 verkehrten täglich 270 Züge. 1913 waren es 402. «Am dringlichsten ist die Erweiterung des Personenbahnhofs, in welchem bei weiterem Anwachsen des Verkehrs die Verhältnisse missliche würden», hielt die SBB-Generaldirektion fest. Heute gibt es fast 3000 Zugfahren pro Tag.

6. Das ewige Provisorium

1924 legten die SBB Pläne vor, um den Hauptbahnhof, in welchem die Züge zu diesem Zeitpunkt noch in der alten Wanner-Halle hielten, neu zu bauen. Allerdings liess sich der vorgesehene Neubau aus betrieblichen Gründen nicht gleich erstellen. Erst mussten noch verschiedene bauliche Anpassungen vorgenommen werden. Die SBB rechneten für diese Arbeiten, die unter anderem die Verlegung der im Weg stehenden Abstell- und Eilgutanlagen umfassten, mit 15 bis 20 Jahren. Erst dann könnte mit dem HB-Neubau begonnen werden. Bis dahin sollte ein Provisorium das Verkehrswachstum abfangen; die Perrons wurden aus der (zu eng gewordenen) Wanner-Halle davor ins Freie verlegt; das ermöglichte eine Ausdehnung in die Breite auf 16 Gleise. Diese Gleise wurden 1929/1930 mit einer mehrschiffigen Halle überdeckt, eine neue Querhalle band sie an die alte Wanner-Halle an. Der neue Bahnhof wurde in der Folge nie gebaut. Die Perrondächer, 1930 als Provisorium für 20 Jahre erstellt, stehen noch immer – und sind inzwischen denkmalgeschützt.

7. Die leere Halle

Die Wanner-Halle, in der einst Züge hielten, beeindruckt heute durch ihre Leere. Bis in die 1990er-Jahre hinein war sie mit Bauten vollgestellt. In der Mitte stand etwa das Bahnhofskino, in dem ab den 1950er-Jahren den auf einen Zug wartenden Reisenden «1 Stunde Aktualität und Kurzweil» in Endlos-Wiederholungen geboten wurde.

8. Der Haupteingang

Es lässt sich formidabel darüber streiten, wo sich der Haupteingang zum HB befindet. Ein Blick in die Geschichte hilft da nicht weiter – denn die Passagierströme wurden mehrmals verändert; einmal galt das Seitenportal in Richtung Bahnhofstrasse als Haupteingang, später das Portal auf der Kopfseite in Richtung Limmat. Heute ist der HB von allen Seiten erreichbar; er ist offen und trennt die Stadt nicht mehr. Bildlich dafür stehen auch die einladenden Flügel-Perrondächer über den Gleisen 3 und 18 auf den Seiten des Bahnhofs, die Ende der 1990er-Jahre entstanden sind.

9. Der Untergrund

Es gab hochfliegende Pläne von U-Bahnen (zweimal an der Urne gescheitert). Den Untergrund hat der HB aber dennoch längst erobert. Wobei am Anfang der Bau des Shopvilles stand, das 1970 eröffnet wurde und mit seiner Architektur und seinen Angeboten wie dem «Tag+Nacht Automatenshopping» die «Zukunft beginnen» liess, wie Werner Huber in seinem Buch festhält.

10. Fussgängerfrei

Dass der Untergrund erobert wurde, war damals auch ein verkehrspolitisches Statement: Die Passanten wurden von der Oberfläche verdrängt – der Bahnhofplatz wurde zugunsten von Tram und Auto «fussgängerfrei» gestaltet. Erst seit 1992 lässt sich der Platz beim Escher-Denkmal wieder ebenerdig queren.

11. Die Figuren

Bei den Frauenfiguren, die über dem von Wanner geschaffenen Triumphportal des Zürcher HB thronen, handelt es sich um Helvetia (als Förderin des Verkehrswesens), die von Figuren eingerahmt ist, die die Telegrafie und den Schriftverkehr symbolisieren.

12. Der Durchgangsbahnhof

Es gab immer wieder Pläne, aus dem Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof zu machen. Die Ideen reichten bis zu Visionen (oder Utopien) eines zweistöckigen Bahnhofs tief unter dem Lindenhof. 1951 analysierte der Deutsche Edmund Frohne die verschiedenen Pläne – er sprach sich gegen einen nur mit teuren Tunnelbauten zu erreichenden Durchgangsbahnhof aus: Die bestehenden 16 Gleise seien ausreichend, wenn die Zufahrten entflochten würden. Mit den aufkommenden Pendelzügen, bei der die Position der Lokomotive keine Rolle mehr spielt, sei ein Richtungswechsel im Kopfbahnhof nicht mehr mühsam.

Werner Huber: «Hauptbahnhof Zürich». Scheidegger & Spiess, 69 Fr.