Christian Greis sitzt in einem Besprechungszimmer der dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich (USZ). «Ich wollte immer noch etwas anderes ausprobieren», sagt der 30-jährige Assistenzarzt. Ein schneller Doppelklick und eine Tastenkombination später erscheint das Logo des Projektes «derma2go» auf dem Bildschirm.

Die Rollläden schützen die Sitzungsteilnehmer vor der Wintersonne. So ist es im Zimmer beinahe ebenso dämmrig, wie auf dem gelblichen Gang vor der Türe. Dort reiht sich ein Behandlungszimmer ans andere. Der Geruch von Desinfektionsmittel steigt den Besuchern in die Nase. Hinter den geschlossenen Türen werden Menschen mit harmlosen Ausschlägen, Hautkrebs oder entzündlichen Hauterkrankungen behandelt.

Im Normalfall stehen den Ärzten dafür Dermatoskope, Hautkuretten und ein ganzer Schrank Medikamente zur Verfügung. Im spartanisch eingerichteten Sitzungszimmer stehen jedoch nur ein Whiteboard, einige Stühle, und ein Laptop auf einem Tisch. Doch damit hat Christian Greis bereits alles, was er braucht um Patientinnen und Patienten zu diagnostizieren. Konkret bräuchte er noch weniger: nur den Laptop.

Arzt und Unternehmer: Christian Greis ist Assistenzarzt im Unispital, daneben gründete und leitet er das Start-up «derma2go». ZVG

Arzt und Unternehmer: Christian Greis ist Assistenzarzt im Unispital, daneben gründete und leitet er das Start-up «derma2go». ZVG

Greis hat eine Website aufgebaut, bei der Patienten nach ein paar Klicks und einer Wartezeit von maximal 24 Stunden eine Einschätzung erhalten. Mit dem Tool umgehen sie die Geduldsprobe bis zur Terminvergabe, die harten Sitzpolster im Wartezimmer und die Autofahrten zum Arzt. «Wir haben sogar eine Funktion, in der Ärzte Rezepte ausstellen können», sagt Greis. Auf jeden Fall weiss der Patient in kürzester Zeit, ob sein Ausschlag ungefährlich ist oder ob er sich für eine weitere Abklärung an einen Hautarzt wenden soll.

Algorithmus hilft bei Diagnose

Es melden sich bereits regelmässig Patienten auf der Plattform an. «Das System eignet sich besonders für entzündliche Erkrankungen», sagt er. Auch bei Muttermalen kann man eine Anfrage bei «derma2go» stellen, doch in diesem Falle sei die Zurückhaltung der Ärzte grösser, da die Fehldiagnose schwerwiegender sei. «Mit dieser Plattform wollen wir Patienten einen einfacheren Zugang auch zu Schweizer Spitälern ermöglichen.

Anstelle einer telefonischen Anfrage laden die Patienten Fotos hoch und erhalten dann eine qualifiziertere ärztliche Auskunft, ob und wie rasch sie einen Termin im Spital benötigen.» Greis’ Finger flitzen über die Tastatur des Laptops. Seine blauen Augen fixieren die Worte, die auf dem Bildschirm erscheinen. Er kennt jede Funktion auf der Website: «Wenn man hier im Anfrageformular seine juckende Hautveränderung beschreibt, dann stellt der hinterlegte Algorithmus automatisch die nächste Frage», erklärt Greis.

Da ihm während seiner Zeit als Assistenzarzt immer wieder Fotos von Patienten gezeigt wurden, kam er auf die Idee, eine schnelle Online-Diagnostik für Patienten zu erstellen. Patienten hätten ihm häufig gesagt: «So sah das vor einigen Wochen aus, doch heute, wo ich den Termin habe, sieht man kaum mehr etwas.»

Programmieren im Selbststudium

Gedacht, getan: Monatelang programmierte Greis nachts, während er tagsüber weiterhin im Spital arbeitete. «Das Programmieren brachte ich mir im Eigenstudium bei.» Nebst diesem Projekt absolvierte er einen Masterstudiengang zu Healthcare Management und Digital Transformation in Luzern. Nach rund zwei Jahren zahlte sich sein Einsatz aus: Im letzten Herbst gewann er den Publikumspreis bei der Start-up Challenge für den Schweizer Gesundheitsmarkt und wurde vom Schweizer Botschafter an die grösste Start-up-Konferenz Europas eingeladen. «Es war viel, doch die positiven Rückmeldungen motivieren mich.»

Noch müssen die Patienten die Anfrage selbst zahlen, denn die Konsultation kann nicht über die Krankenkasse abgerechnet werden. Doch Greis ist bereits mit einigen Krankenkassen im Gespräch, um das zu ändern.

Damit er das Start-up weiter vorantreiben kann, will er sich künftig zunehmend «derma2go» widmen. Was nun ansteht, ist die Organisation des jungen Unternehmens. Greis wird im Start-up nicht als Dermatologe agieren, sondern im Hintergrund die Patienten dem örtlich am nächsten gelegenen Arzt zuordnen.

Für die wachsende Komplexität der Website hat er sich mit einem Team an Informatikern zusammengetan. Während des Gesprächs zeigt er das komplette Team von «derma2go» auf der Website. In Kürze rechnet Greis damit, dass er noch weitere Mitglieder auf die Teamseite schalten wird. «Wir brauchen schon bald jemanden für das Marketing und die Finanzen», sagt er. Einige Dermatologen bieten das Tool bereits auf ihrer Website an und auch mehrere Spitäler haben Interesse an «derma2go» angemeldet. Überdies möchte Greis mit seinem in der Schweiz entwickelten Projekt ins Ausland expandieren.