Zürich
Haus Konstruktiv-Direktorin: «Wir fördern eine kritische Gesellschaft»

Dorothea Strauss ist Direktorin des Haus Konstruktiv in Zürich. Im Interview spricht sie über die Bedeutung der Zürcher Konkreten, Kunst und Gesellschaft.

Matthias Schärrer
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Dorothea Strauss, Direktorin Haus Konstruktiv, in der Jubiläumsausstellung «Die phantastischen Vier – Zürich konkret».

Dorothea Strauss, Direktorin Haus Konstruktiv, in der Jubiläumsausstellung «Die phantastischen Vier – Zürich konkret».

Emanuel Freudiger

Das Haus Konstruktiv hat seine Wurzeln bei den «Zürcher Konkreten» Max Bill, Verena Loewensberg, Camille Graeser und Richard Paul Lohse und stellt deren Werke zum Jubiläum aus. Welche Alltagsrelevanz haben die Konkreten?

Dorothea Strauss: Die konkrete Kunst als ein -Ismus ist eine abgeschlossene Kunstrichtung. Aber ihre Errungenschaften und Ziele wirken bis heute weiter und inspirieren junge Künstlerinnen und Künstler, Gestalterinnen und Gestalter.

Konkret?

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gab es einen fundamentalen Umbruch in der Gestaltungswelt, vom Gegenständlichen über die Abstraktion bis hin zum Konkreten. Diese Prozesse eines freien Sehens, einer freien Assoziation und der Ansatz, dass Kunst eine Bedeutung für Gesellschaft hat: Das wirkt lange nach. Die konkreten Künstler haben eine Basis fürs 20. und 21. Jahrhundert gelegt.

 Max Bill: Strahlung von vier gleichen Farbquanten. 1972/73
7 Bilder
 Richard Paul Lohse: Bewegung von gelb über rot zu rotviolett, 1965/77
 Camille Graeser: Gestoppte Rotation, 1943
 Max Bill: Quadrat-rund Tisch, 1949/50, Schubladenhocker, 1962, Schreibmaschine patria, 1944, Dreibeinstuhl, 1949/50, Stapelbarer Pressholzstuhl, 1950/51
 Camille Graeser: Esszimmerstuhl, 1927; Beistelltisch, 1927/2002; Teppich, 1927
 Max Bill: Rotes Quadrat (2. Version), 1946
 Verena Loewensberg: Ohne Titel, 1978/79

Max Bill: Strahlung von vier gleichen Farbquanten. 1972/73

Emanuel Freudiger

Welche Bedeutung hat denn konkrete Kunst für die Gesellschaft?

Die konkrete Kunst hat sich für Themen eingesetzt, die dann wieder aufgegriffen wurden, zum Beispiel eine Schärfung der Beobachtungsgabe, eine Stärkung des Selbstbewusstseins, für eine eigene Sichtweise, ein Bewusstsein dafür, dass die Ästhetisierung des Alltags wichtig ist für die Qualität des Lebens. Entsprechend übertrugen sie künstlerische Prozesse in den Alltag, zum Beispiel mit Design, Architektur, Mode.

Wie ist das heute in Zürich präsent, auch ausserhalb Ihres Museums?

In Zürich gibt es eine sehr breit angelegte und lebendige Szene von Gestalterinnen und Gestaltern, die sich mit konkreter Kunst und ihrem Umgang mit Farbe und Form auseinandergesetzt haben. Schon Richard Paul Lohse war ein hervorragender Plakatgestalter, wie auch Max Bill, der sich wiederum in fast allen Sparten von Malerei über Möbeldesign bis hin zur Architektur betätigte. Und auch Camille Graeser hat viele tolle und zeitlose Möbel entwickelt.

Max Bills Skulptur an der Zürcher Bahnhofstrasse löste Anfang der 1980er-Jahre, als sie platziert wurde, eine heftige Kontroverse aus. Wie hat sich das Klima gegenüber konkreter Kunst in Zürich seither verändert?

Da gab es Wellenbewegungen. Zeitweise rückte konkrete Kunst in den Hintergrund. Ende der 1990er-Jahre gab es dann wieder eine Hinwendung zur Avantgarde, viele Rückgriffe auf geometrische Formen auch in Mode und Design. Man kann von einem Revival der konkreten und konzeptuellen Kunst sprechen.

Sie haben sich intensiv mit Kunst im öffentlichen Raum befasst. Zuletzt gab es in Zürich die Debatte über das Hafenkran-Projekt. Ist eine neue Kunstfeindlichkeit auf dem Vormarsch?

Ich hoffe nicht. Aber es ist immer wieder die Aufgabe einer intensiven Kunstvermittlung, diese Themen der breiten Öffentlichkeit schmackhaft zu machen. Es gibt Wellenbewegungen zwischen Offenheit und Skepsis. Wirtschaftskrisen und Ängste, die dabei geschürt werden, lassen Kunst als «nice to have» erscheinen. Aber Kunst ist nicht «nice to have». Sie macht die Qualität des Lebens aus - und auch die Qualität einer Stadt Zürich. Was wäre Paris ohne Louvre, ohne seine Museen? Was Zürich ohne Kultur? Wir haben anstrengende Zeiten, in denen sehr viel Vermittlungsarbeit gefragt ist. Kunst musste sich schon immer legitimieren. Doch der Legitimationsdruck ist jetzt wieder einmal grösser als auch schon.

Warum also braucht Zürich ein Haus Konstruktiv?

Wir beschäftigen uns mit einem Echoraum von 100 bis 150 Jahren Kunstgeschichte. Die Kunst lehrt uns, dass wir genau hinschauen müssen. Dass etwas da sein kann, obwohl wir es zunächst nicht erkennen. Oder dass wir etwas zu schätzen lernen können, das wir zuerst nicht verstehen. Ein Haus Konstruktiv lehrt das Publikum über die Sprache der Kunst, andere Sichtweisen oder auch andere Kulturen besser zu verstehen. Ein Haus Konstruktiv fördert eine aufgeschlossene, kritische Gesellschaft. Und es beschäftigt sich mit einer weltweit wirksamen Kunstrichtung, die auch von Zürich und der Schweiz ausging.

Wie gehts dem Haus Konstruktiv?

Die Resonanz ist sehr gut. Wir bekommen viel Feedback und bieten ein breites Vermittlungsprogramm für Kinder und Erwachsene, auch interdisziplinär mit Musikern und Theaterleuten. Aber wir müssen punkto Finanzierung immer wieder unglaublich kämpfen, um den Status Quo zu halten. Dennoch ist klar: Diese Institution hat eine Geschichte aufgebaut, die weitergeht.