Zürich

Harald Naegeli schenkt Zürich ein Werk – Stadt verzichtet auf Forderung von 9000 Franken

«Utopistenauge»: Ein echter Naegeli für die Stadt Zürich. Keystone

«Utopistenauge»: Ein echter Naegeli für die Stadt Zürich. Keystone

Im letzten Oktober stand Harald Naegeli, der «Sprayer von Zürich», wegen Sachbeschädigung vor Gericht. Nun hat man sich gütlich geeinigt.

Im Büro von Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) fand gestern das rechtliche Verfahren um Harald Naegeli und Sachbeschädigungen durch Sprayereien sein Ende. Der «Sprayer von Zürich» überreichte dem Noch-Vorstand des Stadtzürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartements ein Kunstwerk, das kurzfristig auf den Namen «Utopistenauge» getauft wurde.

Leutenegger sprach von einer «kreativen Lösung». Diese bestehe darin, dass die Stadt Zürich ein Kunstwerk aus der Sammlung von Harald Naegeli erhalte und im Gegenzug auf ihre Forderung von rund 9000 Franken verzichte. 9000 Franken hatte es gekostet, die rund 25 Strichfiguren zu entfernen, welche der Künstler zwischen August 2012 und Heiligabend 2013 in der Zürcher Innenstadt aufgesprayt hatte. Aufgeflogen war der Sprayer wegen einer Videofalle der Stadtpolizei Zürich. Sie zeichnete ihn auf, als er am frühen Morgen des 24. Dezember 2013 beim Grossmünster eine mannshohe Fischfigur schuf.

Ein künstlerischer Auftritt

Gestern nun sagte FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger in seinem Büro, er werde den Einzelrichter darüber informieren, dass eine Einigung erzielt wurde. Dann könne man die «Causa Naegeli» ad acta legen. «Das ist ein schöner Schlussstrich, den wir ziehen können», sagte Leutenegger.

Gefragt, ob er sich auch äussern wolle, sagte Naegeli: «Ich muss ja wohl.» Sodann referierte der 78-jährige Künstler – der das Medieninteresse genoss und wiederholt kicherte – über sein Dasein als Utopist. Der Monolog geriet zu einer eigentlichen Kunstperformance. Er habe sich entschieden, die Utopie, welche sich bei den Menschen im Herzen und im Kopf befinde, nach aussen zu tragen. «Daraus sind diese wunderbaren Sprayerarbeiten entstanden», sagte Naegeli, der sich als Wiedergeburt eines frühgeschichtlichen Höhlenzeichners bezeichnete. Dessen Gene würden in ihm fortleben. Und von daher erinnere er sich an die plastischen Felsenwände. Geboren im 20. Jahrhundert, hätten ihn «unsere flachen Betonwände derart erschreckt und herausgefordert, dass ich die Figuren zeichnen musste», sagte Naegeli. Der Künstler zischte und vollführte ausgreifende Bewegungen, als ob er eine seiner Zeichnungen aufsprayen würde.

«Bin ich jetzt versöhnt», fragte Naegeli, um nach einer Kunstpause selber mit «Nein» zu antworten. Wenn man nach einer Utopie lebe, könne man nicht mit Missständen versöhnt sein. Man müsse Verbesserung anstreben. «Ich bin glücklich, dass ich mit Filippo Leutenegger einen Mitarbeiter meiner Utopie gefunden habe», sagte der Sprayer von Zürich und erntete den einen oder anderen Lacher. Um den Akt zu besiegeln, unterzeichneten Naegeli und Leutenegger eine offizielle Schenkungsurkunde. Das «Utopistenauge» kommt nun in die Kunstsammlung der Stadt Zürich.

Grundfrage bleibt ungeklärt

Den Anstoss zur gütlichen Einigung hatte im vergangenen Oktober der Einzelrichter am Zürcher Bezirksgericht gegeben. Er setzte damals das Urteil aus und erteilte Naegelis Verteidiger den Auftrag, mit dem Kläger, Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ), in Kontakt zu treten und zu verhandeln. Sollte ERZ seine Strafanzeige zurückziehen, werde das Verfahren nach dem Grundsatz «Wo kein Kläger, da kein Richter» eingestellt. Am Prozess selber hatte Naegeli noch eine Neuinterpretation des Begriffs Sachbeschädigung gefordert. Mit der Einigung zwischen der Stadt Zürich und dem Künstler wird die Frage, ob es sich bei seinen Strichzeichnungen um Kunst oder Sachbeschädigung handelt, nicht geklärt.

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