Lufthygiene
Hansjörg Sommer: «Die Luft im Kanton Zürich ist sauberer geworden»

Seit 34 Jahren ist Hansjörg Sommer die Koryphäe in Sachen Luft im Kanton Zürich. Im Interview spricht er über die durchaus optimistischen Aussichten in Sachen Luftqualität. Die kommenden strengeren Vorschriften für Autos tragen dazu bei.

Thomas Schraner
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Hansjörg Sommer hat nicht an jedem Feuerwerk Freude.

Hansjörg Sommer hat nicht an jedem Feuerwerk Freude.

Heinz Diener

Herr Sommer, welche Note würden Sie der Luftqualität heute Morgen* an Ihrem Wohnort beim Zürcher Waidspital geben?

Hansjörg Sommer: Die Bestnote sechs. Das Wetter war günstig, es windete und nieselte. Für eine Sechs würde es aber nicht jeden Tag reichen. An ein paar wenigen Tagen im Jahr läge die Note knapp unter vier. Und 300 Meter von hier entfernt an der Rosengartenstrasse läge heute nicht einmal eine Fünf drin.

Zur Person

Hansjörg Sommer (63) ist Senior-Experte für Lufthygiene in der Baudirektion. Der promovierte Chemiker schrieb 1977 als einer der Ersten eine Doktorarbeit zum Thema Luftreinhaltung. Als Pionier auf diesem Gebiet stiess er vor 34 Jahren zur Baudirektion. Dort wurde er 1990 Leiter der Abteilung Lufthygiene, die derzeit 18 Leute umfasst. Im letzten Juli gab er die Leitung seinem Nachfolger Valentin Delb ab und reduzierte sein Pensum auf 60 Prozent. Im März geht Hansjörg Sommer in Pension. (tsc)

Welche Schadstoffe atmen die Leute an der Rosengartenstrasse ein?

Vor allem Feinstaub und Stickstoffdioxid. Wäre es Sommer, käme noch Ozon dazu.

Blenden wir 25 Jahre zurück, gleicher Ort, gleiches Wetter. Ist die Luft heute besser als damals?

Hundertprozentig. Im Schnitt ist sie um die Hälfte besser.

Was atmeten die Leute damals an Schadstoffen ein?

Nebst den schon genannten Stoffen auch Schwefeldioxid. Es stammte aus schwefelhaltigen Heizölen.

Das heisst, heute hat man das Schwefeldioxid-Problem im Griff?

Ja. Heizöl schwer braucht man heute kaum mehr zum Heizen. Und auch beim Heizöl leicht konnte man beim Schwefelgehalt auf einen Bruchteil von damals herunterfahren.

Aus gesundheitlicher Sicht gilt der Russ, der im Feinstaub steckt, als gefährlichster Schadstoff. Woher stammt er?

Die krebserregende Substanz Russ entsteht überall dort, wo etwas verbrannt wird. Rund die Hälfte der Gesamtmenge stammt aus Motorfahrzeugen, und zwar nicht nur aus Diesel-, sondern - wie man neuerdings weiss - auch aus Benzinmotoren. Ein Drittel stammt aus Baumaschinen und Traktoren. Rund 10 bis 20 Prozent gehen auf Holzheizungen zurück. An Wintertagen kann der Holzrussanteil bis auf 50 Prozent steigen. Auch Ölheizungen verursachen Russ, allerdings nur noch wenig. Gasheizungen sind nahezu sauber.

Braucht es bessere Vorschriften zu den Holzfeuerungen?

Sie genügen. Man muss sie aber regelmässig dem technischen Fortschritt anpassen.

Aus energiepolitischen Gründen ist es doch wünschenswert, dass mit Holz geheizt wird?

Schon, aber die Holzheizungen müssen so sauber wie möglich sein. Am besten sind neue, möglichst automatisierte Holzheizungen, bei denen der Mensch kaum mehr eingreifen muss.

Zusammen mit Ihrem Chef, Regierungsrat Markus Kägi, lehrten Sie die Nation einst, wie man Holz in Cheminées richtig abbrennt. Nämlich von oben nach unten.

Ja, das gilt immer noch. Denn man muss der Flamme Platz zum Brennen geben.

Befolgen die Leute Ihre Lektion?

Was ich höre, ja. Ich weiss aber nicht, ob mein Bekanntenkreis repräsentativ ist.

Hand aufs Herz: Die Luftqualität ist deswegen aber nicht besser geworden?

Natürlich ist das nur ein Tröpfchen auf einen grossen heissen Stein. Aber es war Teil einer Kampagne, mit der unter anderem die Kon­trolle der Holzheizungen lanciert wurde. Vor dem Smogwinter 2006 wurde nämlich gar nicht kontrolliert. Man musste den Leuten daher erklären, was sie selber tun können, um bei einer Kontrolle gut abzuschneiden.

Auch Feuer im Freien verursachen Feinstaub und Russ. Zum Beispiel wenn Gartenabfälle verbrannt werden. Welche Vorschriften gelten?

Eigentlich verbietet der Kanton solche Feuer zwischen November und Ende Februar. Ich sage eigentlich, weil es Ausnahmen gibt. Dazu gehören sogenannte Brauchtumsfeuer wie das Verbrennen des Bööggs. Auch bei der Bekämpfung des Feuerbrands werden Ausnahmen gemacht.

Was gilt in den übrigen Monaten?

Dafür sind die Gemeinden zuständig.

Welche Rolle spielen solche Feuer im Freien für die Luftqualität im Grossen?

Im Prinzip keine grosse. Sie sind aber lästig für die unmittelbare Nachbarschaft.

Welche Luftbelastung brachte das grosse Silvesterfeuerwerk in Zürich?

Während etwa drei Stunden lagen die Messwerte für Schadstoffe enorm hoch. Es gab viel Russ und jede Menge Schwefel.

Einem Lufthygieniker muss ein Silvesterfeuerwerk ein Graus sein.

An einem grossen Feuerwerk habe auch ich Freude. Ein Graus ist mir aber, dass bald bei jeder «Hundsverlochete» Feuerwerk abgebrannt wird.

Zurück zum Russ, der aus dem Verkehr stammt und den Löwenanteil ausmacht. Heute stehen doch Technologien wie Filter zur Verfügung, die das Problem lösen könnten?

Wenn Motoren einen guten Filter haben, ist das Problem tatsächlich gelöst. Das ist heute bei rund 80 Prozent der Personenwagen der Fall. Bei den Lieferwagen sind es erst 40 Prozent. Das Problem sind die vielen alten Dreckschleudern.

An heissen Sommertagen kommtes regelmässig zu Grenzwertüberschreitungen beim Ozon. Trotzdem geschieht in der Regel nichts. Warum?

Weil es sich um ein grossräumiges Problem handelt. Werden zum Beispiel in Zürich die Grenzwerte überschritten, so steuert Zürich einen Anteil von nur rund 20 Prozent bei. Weitere 20 Prozent des Ozons stammen aus der übrigen Schweiz. Der grosse Rest kommt von irgendwoher. Dagegen kann man lokal wenig tun. Es braucht internationale Regeln.

Sind schärfere Abgasnormen in Europa denn in Sicht?

Ja. Die EU will bis in fünf Jahren eine einheitliche und ambitionierte Vorschrift lancieren, die für sämtliche Fahrzeuge gilt, egal ob Autos, Lastwagen, Motorräder, Traktoren oder Baumaschinen. Die Vorschrift, die für Lastwagen bereits formuliert ist, ist sehr streng. Sie würde den Verkehr in lufthygienischer Hinsicht endgültig von der Traktandenliste nehmen.

Das klingt nach einer guten Nachricht für die Luft?

Absolut. Allerdings wird die Vorschrift nur für neue Fahrzeuge gelten. Da aber in reichen Ländern der Personenwagenpark alle acht Jahre und der Lastwagenpark alle 15 Jahre erneuert wird, wäre der Effekt dennoch gross.

Glauben Sie, dass diese Neuerung auf europäischer Ebene wirklich in fünf Jahren kommt?

Sie kommt, aber kaum schon in fünf Jahren. Einigen reichen Ländern wird es gelingen, die Vorschriften rasch umzusetzen, andere werden länger brauchen. Ausserdem muss man damit rechnen, dass die hochgezüchtete Technologie fehleranfällig sein wird. In der Schweiz mit drei Millionen Fahrzeugen kann bereits eine Fehlerquote von drei Prozent matchentscheidend für die Luftqualität sein.

Angenommen, Sie würden in zehn Jahren wieder gefragt: Glauben Sie, dass Sie dann erneut konstatieren könnten, die Luft im Kanton Zürich sei besser geworden?

Ich denke schon. Ich habe den Eindruck, die neue Abgas-Technologie für Autos bringt kräftig Schub. Wenn ich zurückschaue auf die letzten 34 Jahre meiner Tätigkeit, muss ich sagen: Wir haben viel erreicht. Aber nun braucht es angesichts des grossen Zustroms von Personen, die heizen und Auto fahren, grosse Anstrengungen, das hohe Niveau zu halten. Und noch grössere sind nötig, damit die Luft auch in hochbelasteten Gebieten mindestens die Note fünf erhält.

* Das Interview mit Hansjörg Sommer ist am letzten Freitag geführt worden.