Ständeratskandidaten

Hans-Ueli Vogt unterhält Studenten gerne mit pikanten Fallbeispielen

Hans-Ueli Vogt legt grossen Wert darauf, dass seine politische Einstellung an der Uni im Hintergrund bleibt.

Hans-Ueli Vogt legt grossen Wert darauf, dass seine politische Einstellung an der Uni im Hintergrund bleibt.

Der SVP-Ständeratskandidat ist Professor für Privat- und Wirtschaftsrecht und gibt Einblick in seinen Alltag an der Uni

Heute ist ein anstrengender Tag für Hans-Ueli Vogt. Soeben hatte der 46-jährige Professor und SVP-Ständeratskandidat einen Fototermin. Gestern Abend war er Gast an einer hitzigen Podiumsdiskussion. Heute Morgen musste er seine erste Vorlesung an der Uni Zürich um acht Uhr halten. Die zweite ist soeben zu Ende gegangen. In einer Viertelstunde beginnt seine dritte – eine Einführung in die Rechtswissenschaften. Die Zeit läuft ihm davon. Hastig nimmt der jugendlich wirkende Professor im blütenweissen Hemd mit Krawatte noch einen letzten Bissen von seinem Sandwich, bevor er sich auf den Weg zum Hörsaal macht. Dort wimmelt es bereits von Studierenden. Die jungen Leute sitzen auch auf den Treppen und dem Fussboden. «Ich muss mich jetzt mental ausklinken», entschuldigt er sich und installiert sich am Hellraumprojektor.

Gewinnender Vortrag

«Meine Damen und Herren, Sie haben eine folgenreiche Entscheidung getroffen, zu der ich Ihnen nur gratulieren kann», begrüsst Vogt die rund 400 Studierenden. Das Rechtsstudium sei spannend und faszinierend. «Es ist eine Einführung in strukturiertes, logisches und analytisches Denken.» Dann bringt Vogt einen kuriosen Beispielfall: Ein Mann klagt ein Reisebüro ein, weil er im Hotelzimmer nicht wie bestellt ein Doppelbett vorfindet, sondern zwei Einzelbetten. Grund der Klage: Auf den Einzelbetten kann der Beischlaf mit der Frau nicht wie gewohnt stattfinden, weshalb die Ferien im Streit enden. Die Story ist echt und bringt die Studierenden zum Lachen.

Eine billige Anbiederung? Ach was. Vogt hatte seinen Begleiter vorgewarnt. Er bringe diesen Fall heute nicht zum ersten Mal, sondern schon seit zwölf Jahren. Die Geschichte eigne sich gut, um die Grundbegriffe zu erklären. Auch als die juristische Materie spröder wird, versteht er es, das Interesse der Studierenden wachzuhalten. Nie wirkt er überheblich oder herablassend. Er nimmt die Studierenden auch ernst, wenn ihre Antworten naiv oder falsch sind. Man spürt, dass hier ein Dozent am Werk ist, der die Studierenden mag und ihnen etwas beibringen will. Was für ein Unterschied zum Vorabend, als Vogt an einer Podiumsdiskussion inmitten seiner Konkurrenten auftrat. Dort geriet er in den Rededuellen mehrfach in die Defensive und wirkte etwas verkrampft. Hier im Hörsaal blüht er dagegen auf.

Gute Noten

«Er macht es gut», sagt ein Student in der Pause. Ja, er wisse, dass Vogt bei der SVP sei. Wofür er genau kandidiere, sei ihm aber nicht bekannt. Eine junge Studentin fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass der Mann da vorne der SVP angehört. «Das hätte ich nicht gedacht.» Mit der SVP habe sie nichts am Hut. Eine muslimisch gekleidete Studentin ist besser informiert. Sie weiss, wer Vogt ist und wofür er steht. «Man sieht ihn ja überall auf Plakaten.» Solange er seine Einstellung nicht in die Vorlesung hineintrage, sei das für sie in Ordnung. «Bis jetzt habe ich keinen Grund zur Klage», sagt sie lachend.

Vogt sagt, er achte sehr darauf, seine persönliche Einstellung an der Uni im Hintergrund zu lassen. Das sei zwar eine Gratwanderung, weil Recht immer das Ergebnis politischer Entscheidungen sei. Er glaube aber, ihm gelinge das ganz gut. Jedenfalls sei noch nie ein entsprechender Vorwurf an ihn herangetragen worden. Vogt räumt ein, dass ihm der politische Schlagabtausch an Podiumsdiskussionen nicht so liegt. Hingegen schätze er kontroverse Diskussionen, wenn sie sachlich seien. Als Beispiel erzählt er von Begegnungen in einem Restaurant mit einem Anwaltskollegen, der das politische Heu nicht auf derselben Bühne habe wie er. Mit ihm streite er gern über eines seiner politischen Kernthemen: Völker- und Landesrecht.

Grüne Ideologie zu Hause

Vogts Tag beginnt in seiner Eigentumswohnung in Zürich-West oft um 6.15 Uhr. Zum Frühstück gibts meist Milch und Joghurt. Heute fuhr er mit dem Auto zur Uni, normalerweise mit dem Zug und dem Tram. Um abends die Wahlkampftermine einhalten zu können, ist er aufs Auto umgestiegen, obwohl der Arbeitsweg so etwas länger dauert. Keinen Ärger hatte Vogt heute Morgen mit den Rollläden in seiner Minergiewohnung. Sie machten sich nicht selbstständig, wie sie es oft im Sommer tun. Schon in der Frühe gehen sie dann oft automatisch rauf oder runter. Sie sind so eingestellt, um das Innenklima zu regeln. «Das ist staatlich aufgezwungene grüne Ideologie, die hier ungefragt in mein Leben eingreift», ärgert sich Vogt. Manuell lasse sich der Mechanismus zwar unterbrechen, aber nur für fünf Stunden. Beim Kauf der Wohnung habe er davon nichts gewusst, sonst hätte er es sich nochmals überlegt, schmunzelt Vogt.

Neun entscheidende Fragen zu Hans-Ueli Vogt

1. Wo steht Vogt innerhalb der eigenen Partei?
Er trägt fast alle Positionen der SVP mit, hebt sich aber von massgebenden Parteiexponenten dadurch ab, dass er Polemik meidet und differenziert argumentiert. Er ist weder ein Einpeitscher noch ein Polemiker, sondern tritt zurückhaltend auf. Der Rechtsprofessor mit Spezialgebiet Aktienrecht gehört zur neuen Generation der Intellektuellen und Urbanen in der SVP, zu denen im Kanton Zürich Leute wie Gregor Rutz oder neu auch Roger Köppel zählen. Als Homosexueller ist Vogt in seiner Partei aber ein Exot. Gesellschaftspolitisch vertritt er liberalere Positionen. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare begrüsst er.

2. Welche politische Erfahrung bringt Vogt mit und wie ist er vernetzt?
Vogt bewegt sich seit relativ kurzer Zeit auf dem politischen Parkett. Im Frühling schaffte er mühelos die Wiederwahl in den Kantonsrat. Die Kantonspolitik ist aber nicht sein bevorzugtes Wirkungsfeld. Als Rechtsexperte zieht es ihn auf die nationale Bühne. Einen grösseren Auftritt hatte er dort mit SVP-Übervater Blocher, als er die Initiative «Schweizer Recht statt fremde Richter» (Landesrecht vor Völkerrecht) vorstellte. Vogt gab gegenüber Blocher den Anstoss zur Initiative. Von diesem Thema abgesehen ist Vogt auf dem eidgenössischen Parkett ein politischer Neuling.

3. Wie kommt Vogt bei den anderen Parteien an?
Da sich seine Positionen innerhalb des SVP-Spektrums befinden, ergeben sich markante Differenzen zur FDP. So verteidigt Vogt die Masseneinwanderungs- und Minarettinitiative. Dem in Dübendorf geplanten Innovationspark, den FDP-Kandidat Ruedi Noser angestossen hat, steht Vogt skeptisch gegenüber. Der Staat dürfe keinen Einfluss auf die Forschung nehmen. Und die Fliegerei müsse dort weiterhin Platz haben. Über die Parteigrenzen hinaus wird Vogt als kompetenter und umgänglicher Rechtsgelehrter respektiert. Im Kantonsrat gehört er nicht zu den Vielrednern, sondern spricht nur dann, wenn er etwas Substanzielles zu sagen hat.

4. Ist der Kandidat volksnah?
Nicht wirklich. Vogt wirkt beim ersten Kontakt eher kühl und distanziert. Er hat zwar Humor, aber joviale Auftritte und launige Sprüche liegen ihm nicht. Bemerkenswert volkstümlich und unprofessoral ist Vogts Musikgeschmack. Er mag deutsche Schlager, bei denen er gerne mitsingt. Keine Mühe hat er auch mit dem viel geschmähten SVP-Song «Wo ein Willy ist, ist auch ein Weg». Ganz im Gegensatz zum Zürcher Parteipräsidenten Alfred Heer, der den Song (samt Plüschtier) als «gaga» betitelte.

5. Welches Kernanliegen vertritt Vogt?
Ihm liegen Rechtsfragen und Wirtschaftsthemen am nächsten. Beispiele sind die Revision des Steuer- und Finanzmarktrechts und des Kartell- und Aktienrechts. Letzteres lehnt er dezidiert ab. Generell strebt Vogt eine stark liberalisierte und deregulierte Wirtschaft an. Gebraucht er Schlagworte, heissen sie Bürokratie- und Kontrollabbau. Vogt findet, zehn Prozent der Staatsstellen bei Bund und Kanton sollten gestrichen werden.

Die Vogt-Spider

Die Vogt-Spider

6. Was hat er politisch bewegt?
Sichtbare Spuren hat Vogt bis jetzt einzig bei der Ausarbeitung der Initiative Landesrecht vor Völkerrecht hinterlassen. Hinter den Kulissen hat er die Bundesverwaltung bei wirtschaftspolitischen Vorlagen beraten. Im Kantonsrat war er unauffällig.

7. Welche Interessenbindungen weist Vogt auf?
Er ist Mitglied der Auns, der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz. Vogt arbeitete mehrere Jahre nebenamtlich als Konsulent der Wirtschaftskanzlei Homburger. Heute ist er ebenfalls im Nebenamt selbstständiger Anwalt. Ausserdem ist er Mitglied der Eidgenössischen Expertenkommission für das Handelsregister und Verwaltungsratsmitglied bei der Firma Swipra Services AG. Diese berät Investoren bei der Stimmrechtsausübung an den Generalversammlungen börsenkotierter Gesellschaften.

8. Wie steht es um Vogts Wahlchancen?
Als Kandidat der grössten Partei hat Vogt gute Chancen, in den Nationalrat gewählt zu werden – obwohl er auf der Liste erst nach den Bisherigen aufgeführt ist. Als Ständerat dürften seine Chancen aber nicht allzu gross sein. Dafür fehlen ihm die Bekanntheit und der politische Leistungsausweis, den sich viele Ständeräte als ehemalige Nationalräte oder alt Regierungsmitglieder holten. Zu bedenken ist auch, dass vor ihm selbst SVP-Schwergewichte wie Christoph Blocher und Ueli Maurer den Sprung ins Stöckli nicht schafften. Der letzte Zürcher Ständerat aus den Reihen der SVP hiess Hans Hofmann. Er war bis 2007 im Amt und zuvor gut bekannt als Regierungsrat. Punkto Bekanntheit haben die Ständerats-Mitbewerber von SP, FDP, GLP, Grünen und sogar der CVP die Nase vorn. Vogts Kandidatur ist trotzdem nicht chancenlos, weil Zürich ein bürgerlich dominierter Kanton ist. Vieles hängt von der konkreten Konstellation im zweiten Wahlgang ab, der sich abzeichnet.

9. Wie viel eigenes Geld steckt der Kandidat in den Wahlkampf?
Vogt steuert nach eigenen Angaben rund 80 000 Franken aus dem eigenen Sack an den Wahlkampf bei.

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