Wer in Zürich Wiedikon am Optikgeschäft Vohdin vorbeiläuft, der erhält derzeit einen Rabattgutschein von zehn Prozent. Der Gutschein wird dem Passanten nicht in der Form eines papierenen Flyers in die Hand gedrückt. Er wird ihm aufs Handy geladen und auf dem Bildschirm angezeigt. Praktisch automatisch (es braucht eine App, doch dazu später mehr). In der Nähe einer Apotheke werden die Monatsaktionen angezeigt, beim Ortsmuseum wird auf die bis 21. Januar laufende Sonderausstellung zu optischen Illusionen hingewiesen.

Im Stadtzürcher Quartier läuft seit vergangenem November ein Pilotprojekt. Drei Startup-Unternehmen haben gemeinsam mit dem lokalen Gewerbe die erste Schweizer «Beacon-Zone» eröffnet. Beacons – etwa mit «Funkfeuer» zu übersetzen – sind kleine Sender, die in einem sehr begrenzten Raum Daten auf ein Smartphone übermitteln.

In Wiedikon werden die Beacons in den beteiligten Geschäften unterschiedlich eingesetzt. Einige senden etwa in einem Radius von bis zu 20 Metern; sie sind also auch auf dem Trottoir im Auto oder allenfalls ganz kurz im vorbeifahrenden Tram zu empfangen. Andere Funkfeuer werden von einem Smartphone nur in unmittelbarer Nähe des feuerzeuggrossen Senderkastens wahrgenommen. «Damit können beispielsweise einzelne Produkte beworben werden», sagt Projektleiter Marc Hauser. Wer beim Elektroroller-Shop «E-Move» vor einem bestimmten Fahrzeug steht, kann auf seinem Handy ohne langes Suchen und Nachschlagen anschauen, in welchen Farben dieses auch noch lieferbar wäre.

Nutzer kann Werbung abschalten

Das Ziel des Pilotprojektes, das unter dem Namen «#WiedikonValley» läuft, ist es nicht, den Passanten alle paar Meter eine neue Werbebotschaft zu schicken. Das wäre auch kontraproduktiv: «Das würde nerven», ist sich auch Hauser bewusst. «Und alle Nutzer würden unsere App wieder löschen.» Denn die Funkfeuer können nur empfangen werden, wenn die spezielle Wiediker-App geladen und aktiviert wurde.

«Deshalb muss der Kunde, damit er unsere App nutzt, einen Zusatznutzen erhalten», sagt Hauser. Er denkt etwa daran, dass ein Kunde in einer Modeboutique Bilder von Kleiderstücken auf seinen Handybildschirm geschickt erhält, die zu jener Hose passen, vor der er gerade steht.

An den Möglichkeiten, die die neue Technik KMU-Betrieben und kleinen Shops eröffnen könnte, wird in diesen Monaten in Wiedikon herumgetüftelt und gefeilt. Die Programme werden laufend ergänzt und verfeinert, neue Angebote aufgeschaltet. In zwei, drei Wochen soll die «Beacon Zone»-App auch eine grundlegend neue Funktion erhalten, wie die Projektverantwortlichen ankündigen. Noch hüllen sie sich aber in Schweigen, was diese umfassen wird. Wiedikon werde dann aber in aller Munde sein, glaubt Hauser.

Gestartet wurde das Projekt «#WiedikonValley» von Marc Hauser, Fabio Trentini und Patrick Dürsteler. Hauser (Stratac AG) ist der Initiant und Projektleiter. Trentini (BTC Business Technology Consulting) ist für die technischen Aspekte zuständig, Dürsteler (Sunsus GmbH) für die Programmierung und die App. Der lokale Gewerbeverein «Gewerbe Zürich 3» hat das Projekt unterstützt. Rund 20 Geschäfte zwischen Goldbrunnenplatz und Schmiede Wiedikon nehmen teil, insgesamt 60 Sender sind dort individuell platziert worden. Laut Beschrieb ist das Projekt «als offenes, agiles und interdisziplinäres Projekt zu verstehen». Es wird bis mindestens Ende März kontinuierlich weiterentwickelt.

Gestern ist, etwas abseits der Valley-Meile, ein weiterer Beacon-Zone-Standort hinzugekommen. Die Chemia-Tankstelle in der Binz nimmt am Pilotprojekt neu auch teil. Fährt ein Autolenker bei der Zapfsäule vor, erscheint auf seinem Smartphone nun, sofern er die App für iOS- und Android-Handys installiert hat, automatisch der Hinweis auf einen Rabatt. Da kommt dieses Funkfeuer natürlich zu spät (wer hier anhält, der will ja ohnehin tanken). Aber an der Zapfsäule eröffnen sich andere technische Möglichkeiten, wie Fabio Trentini und Patrick Dürsteler andeuten. Denkbar wären etwa neue, einfache Bezahlmodelle über das Handy, die in naher Zukunft eingeführt werden können.

Zudem spannen die lokalen Gewerbler auch zusammen. Auf einem grossen Screen preist die Tankstelle einen Beacon-Zone-Kleiderladen an, in dessen Schaufenster, vor dem sich oft die Wagen stauen, wird derweil auf einem Bildschirm auf die etwas versteckte Tankstelle hingewiesen. «Das Gewerbe rückt zusammen und arbeitet branchenübergreifend zusammen», sagt Matthias Knecht von der Chemia Brugg AG. Es brauche neue, innovative Wege, damit sich kleinere Betriebe im Konkurrenzkampf gegen grosse Ketten halten könnten.