Zürich

Hafenkran-Bauer: «Wir haben nie gesagt, das sei Kunst»

Jan Morgenthaler und der Hafenkran: Das Projekt soll in Schlieren nachklingen.Jiri Reiner

Jan Morgenthaler und der Hafenkran: Das Projekt soll in Schlieren nachklingen.Jiri Reiner

Am 19. Januar beginnt der Abbau des Hafenkrans. Jan Morgenthaler zieht Bilanz über das lange umstrittenen Projekts.

Herr Morgenthaler, im Januar wird der Hafenkran abgebaut. Wehmütig?

Jan Morgenthaler: Im Moment noch gar nicht. Aber vielleicht kommt das noch. Ich hatte etwas Angst, als wir den Kran im Frühling aufgebaut haben: Was mache ich nachher, wenn er dann steht? Das Leben ist weitergegangen, und er hat uns jetzt durchs Jahr begleitet. Was wir bei den Leuten feststellen, die jetzt in unseren Infocontainer auf der Gemüsebrücke kommen: Sie finden es unfassbar, dass es schon bald vorbei ist, nach all dem Aufwand, der betrieben wurde. Anfangs hiess es: Spinnt ihr eigentlich, hier einen Hafenkran aufzubauen? Jetzt heisst es: Spinnt ihr eigentlich, dass ihr ihn schon wieder abbaut? Dazu muss ich sagen: Es war ein immanenter Teil dieses Projekts, dass es kommt und wieder geht. Ich vergleiche es mit einem Traumbild, für gewisse SVPler vielleicht ein Albtraum. Träume sind irgendwann wieder vorbei.

War es für Sie nie eine Option, dass der Kran dauerhaft bleibt?

Nein. Es sollte von Anfang an ein temporärer Eingriff in das Herzstück dieser Stadt sein.

Warum ist das Temporäre so wichtig?

Es ist wichtig, gegen den Mythos «Zürich ist gebaut und soll immer so bleiben» anzugehen. Die Stadt ist ein lebendiger Organismus, der sich verändert. Jede Generation sollte wieder das Recht haben, sich in der Stadt auch zu zeigen. Die bestehenden Denkmäler sind grösstenteils vom Bürgertum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erstellt worden, das sein Prestige zeigen wollte. Wir rennen seit Jahren und Jahrzehnten dagegen an, dass dies so konserviert wird.

Seit wann?

1990 brachte ich die Idee eines Denkmalfriedhofs auf, die ich aber nicht realisieren konnte. 1999 gelang es mir dann, vier grosse Denkmäler von ihren Sockeln herunterzuholen und mit ihnen eine Reise zu machen. Dass Denkmäler in Bewegung kommen, ist ganz wichtig. Und das ist auch der Ursprung des Wettbewerbs, an dem wir uns mit dem Hafenkran-Projekt beteiligten: Was ist Kunst im öffentlichen Raum? Die städtische Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum kämpft seit Jahren dafür, dass man temporäre Eingriffe vornimmt.

Der Wettbewerbsauftrag der Stadt, aus dem der Hafenkran resultierte, zielte darauf ab, Diskussionen über die Nutzung des öffentlichen Raums auszulösen, nachdem das Limmatquai vom Autoverkehr befreit wurde. Die Diskussion drehte sich dann aber vor allem um das Pro und Kontra zum Hafenkran und um die Gesamtkosten von 600 000 Franken. Ziel verfehlt?

Das muss die Stadt beantworten. Wir hatten den Auftrag, Augenmerk auf dieses Gebiet zu lenken: auf die seit den 1960er-Jahren leere Fläche der ehemaligen Fleischerhalle und auf die Gemüsebrücke, die irgendwann in den nächsten Jahren renoviert werden soll. Wir haben geliefert, was bestellt war, nämlich Emotion.

Was ist die wichtigste Wirkung des Hafenkrans?

Er ist ein kommunikatives Ereignis. Wir haben nie gesagt, das sei Kunst. Es war eine Kunst, den Hafenkran hierherzustellen, sieben Jahre durchzuhalten, Lobbying zu betreiben, in einer Sandwich-Position, die wir nicht gesucht haben: zwischen dem rot-grünen Stadtrat und einer rechtsbürgerlichen Koalition aus SVP und Jungfreisinn, die im permanenten Wahlkampf ist. Wir brauchten Jahre, um diese Situation zu begreifen und aus dem Sandwich herauszukommen. Das haben wir erst im Februar durch geschickte Koalitionen mit der Zunft zur Schiffleuten, dem Hotel Storchen und der Besitzerfamilie des Gran Cafés geschafft. Und dann war plötzlich alles möglich.

Hat das kommunikative Ereignis Hafenkran überraschende Erkenntnisse gebracht?

Ja, eben die erwähnten Bündnispartner, altes freisinniges Bürgertum, das sich seit dem Swissair-Grounding irgendwie heimatlos fühlte. Dem Kran gelang es, solche Koalitionen zustande zu bringen. Es war in der Folge nicht mehr ein Projekt, das sich an einem Rechts-links-Schema orientierte.

Nachdem wir über die Wirkung des Krans geredet haben: Hatte er auch unangenehme Nebenwirkungen?

Manchmal hätten wir uns mehr Mut von den beteiligten Entscheidungsträgern gewünscht. Aber auch das kehrte sich ins Positive, als der damalige Stadtrat Martin Waser und seine Frau mit 120 000 Franken aus ihrem Privatvermögen für den Hafenkran bürgten und schliesslich 170 Leute ihnen dabei halfen. Dieses Herzblut hat uns berührt.

Es gab auch Nachahmungstäter: Eine Tageszeitung publizierte einen Hafenkran-Bastelbogen, der Limmattaler Künstler Jakob Alt stellte einen Hafenkran in den Wald bei Oetwil. Hat Sie das überrascht?

Wir empfanden das nicht als Nachahmung. Der Hafenkran hat einfach sehr viel Kreativität freigesetzt. Das liegt daran, dass er im öffentlichen Raum steht. Erst durch diese Reibung wird der öffentliche Raum spürbar, wenn viele Leute gleichzeitig Ansprüche stellen. Der Hafenkran soll ermuntern, sich zu zeigen und zu sagen: Ich bin auch da, ich brauche auch Platz. Das funktioniert natürlich nicht, indem man sagt: Ich bin da und ich bleibe für immer. Sondern nur, wenn man auch wieder Platz macht für andere. So wird Erstarrtes verflüssigt und dadurch produktiv und kreativ. Das wird mich ein Leben lang begleiten. Erst kürzlich kamen Leute und fanden: Der Kran ist etwas Fremdes, ein fremder Fötzel, ein Fremdkörper. Und das ist doch das grosse Thema der Schweiz derzeit! Dabei gibt sich der Kran ja solche Mühe. Er passt sich farblich an: Mit seinem Rost sieht er aus wie die Dächer der Umgebung. Nach der ersten Erregung fällt er schon fast nicht mehr auf. Und jetzt reist er weiter, was schon fast wieder Melancholie auslöst. Gleichzeitig werden noch immer Geschichten über ihn erzählt. Kindergartenklassen kamen wochenlang hierher, um ihn abzuzeichnen. Die Medien generierten Klicks in ihren Kommentarspalten. Die Privatbank Rahn & Bodmer, die älteste Bank von Zürich, verwendete das Hafenkran-Sujet für eine Imagekampagne. Es ist paradox, dass etwas, das temporär nach Zürich kommt, schon zum Wahrzeichen wird.

Nach dem Anfangstrubel beruhigte sich die Diskussion.

Das war damals, als das Waldmann-Denkmal 1937 aufgestellt wurde, auch so. Ebenso bei Jean Tinguelys «Heureka» oder Max Bills Pavillon-Skulptur an der Bahnhofstrasse. Anfangs ein Skandal – und nach kurzer Zeit gehörten sie zum Mobiliar der Stadt.

Am 19. Januar beginnt der Hafenkran-Abbau, dann gibts wieder Platz für Neues. Was haben Sie für Ideen, wie dieser Platz zu nutzen wäre?

Wir haben unseren Beitrag geleistet. Jetzt sollen andere ran.

Ohne es gleich als Projekteingabe zu verstehen: Sie haben sich wohl Gedanken dazu gemacht.

Es sollte mehr temporäre Nutzungen geben. Nutzt den öffentlichen Raum! Die Kreativität, mit der junge Leute im Sommer zum Beispiel den Sechseläutenplatz in Beschlag nahmen, finde ich grossartig.

Was passiert jetzt mit dem Kran?

Er wird abgebaut und verschrottet.

Als Sondermüll? Laut «Beobachter» sind giftige Stoffe am Kran.

Nein. Dazu gibts Untersuchungen. Der Kran ist harmlos und an Schmelzereien zuführbar. Wir werden das verfolgen und dokumentieren. Er wird zerlegt und in der Schweiz eingeschmolzen. Wo, entscheiden wir Anfang Januar.

Und was wird aus dem Verein Zürich Maritim, der das Kranprojekt gestemmt hat?

Wir machen noch ein Buch und einen Film, dann lösen wir uns auf. Die SVP zieht das Thema mit ihrer Volksinitiative weiter. Wahrscheinlich im Dada-Jubiläumsjahr 2016 wird es deshalb zur Abstimmung darüber kommen, ob es künftig in Zürich noch möglich sein soll, Hafeninfrastruktur zu erstellen, die nicht der unmittelbaren Schifffahrt dient.

Was passiert mit dem Schiffshorn, das ebenfalls zum Hafenkranprojekt gehört?

Es wird noch einige Monate weiterhornen, mit abnehmender Frequenz. So werden wir uns wahrscheinlich in Richtung Schlieren verabschieden.

Schlieren?

Wir haben für den Frühling eine Zusage für einen Standort am Stadtrand, aber es ist noch nicht bewilligt. Bislang gab es wegen des Schiffshorns, das ja auch auf dem Grossmünster stand, nicht eine einzige Lärmreklamation. Wir hätten nie gedacht, dass das so unproblematisch über die Bühne geht.

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