Martin Neukom schafft den Coup. Bei der ersten Hochrechnung, die um 12.20 Uhr vorlag, glaubte der 32-Jährige noch an einen Fehler, wie er am Sonntagabend sagte. Doch was diese erste Prognose vorausgesagt hatte, blieb auch nach der Auszählung aller Stimmen kurz nach 17 Uhr noch so: Der Winterthurer zieht für die Grünen in den Zürcher Regierungsrat ein.

Und es war keine Zitterpartie: Neukom, der anfänglich eigentlich als Aussenseiter und als eher unbekannter Kantonsrat in den Wahlkampf gestartet war, erreichte den sechsten Platz. Er überholte selbst die landesweit bekannte SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. Und er distanzierte auch FDP-Fraktionspräsident Thomas Vogel klar, der die Wahl auf dem achten Platz nicht schaffte.

Der neue grüne Regierungsrat habe im Wahlkampf bewiesen, dass er der «klimakompetenteste Kandidat» sei, begründete Parteipräsidentin Marionna Schlatter das Resultat.

Zürcher FDP: Nur noch ein Sitz

Für die FDP ist dies ein Debakel. Der staatstragende Zürcher Freisinn stellt nach dem Verlust des Sitzes, der nach dem Rücktritt von Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) frei wurde, zum ersten Mal nur noch einen einzigen Vertreter in der Regierung.

Für Vogel kam das Wahlresultat nicht ganz unerwartet. Prognosen hatten darauf hingedeutet, dass es knapp werden könnte, sagte der 47-Jährige. «Nun bin ich von einer grünen Welle richtiggehend weggeschwemmt worden.» Der Wahlkampf sei mit der Klima-Debatte praktisch nur von einem einzigen Thema beherrscht worden, wie er es noch nie erlebt habe, meinte Vogel. Deshalb hätten ihm am Ende auch ein paar linke Stimmen gefehlt, auf die er bei einer normalen Wahl hätte zählen können. «Aber die Linke witterte die Chance, in dieser Klima-Wahl Neukom in die Regierung zu bringen, dazu mussten sie mich verhindern und durften mich nicht wählen.»

Vogel dürften aber insbesondere auch von bürgerlicher Seite Stimmen gefehlt haben: Das bürgerliche Bündnis funktionierte nicht. Zudem gingen weniger SVP-Wähler an die Urnen, wie sich auch bei den Kantonsratswahlen zeigte. Darauf deutet auch das Abschneiden von Natalie Rickli, die es bloss auf den siebten Rang schaffte.

Rickli: "Viele Leute wissen gar nicht, wie man wählt"

Rickli: "Viele Leute wissen gar nicht, wie man wählt"

Neo-Regierungsrätin Natalie Rickli erklärt sich den Verlust der SVP-Wahlstimmen durch das Unwissen vieler möglicher Wähler.

Rickli zeigte sich über dieses Resultat nicht überrascht: «Ich ging davon aus, dass es zur Wahl reicht, nicht aber für ein sehr gutes Ergebnis.» Geschadet habe ihr, dass die Medien von einer «sicheren Wahl» geschrieben hätten. Weil sich ihre Basis sicher gefühlt habe, sei die Mobilisierung gering geblieben.

Auf der Gegenseite glückte die Mobilisierung hingegen. So haben die beiden bisherigen SP-Regierungsräte am meisten Stimmen geholt. Bei Sicherheitsdirektor Mario Fehr überraschte dies nicht sonderlich. Der 60-Jährige holt stets auch Stimmen bis ins bürgerliche Lager hinein.

Dass aber Justizdirektorin Jacqueline Fehr das zweitbeste Resultat erzielte, ist eine Überraschung. Die 55-Jährige, die mit ihren klaren Positionen und Stellungnahmen oft auch aneckt, hatte dies ebenfalls nicht erwartet. Das gute Abschneiden führte sie in einer ersten Reaktion darauf zurück, dass die Wählerinnen und Wähler es achten und respektieren würden, wenn man die Diskussion nicht scheue.

Bisherige ungefährdet

Die weiteren bisherigen Regierungsräte schafften die Wiederwahl erwartungsgemäss problemlos. Hinter dem SP-Duo folgten Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP), Bildungsdirektorin Silvia Steiner und Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) auf den weiteren Plätzen.

Von der grünen Welle nicht profitieren konnte Jörg Mäder: Der Kandidat der Grünliberalen erzielte zwar ein gutes Resultat. Doch erreichte er einen Viertel weniger Stimmen als der Grüne Neukom. Dies zeigt, dass die GLP bei den Regierungsratswahlen von der linken Seite nicht stark unterstützt wurde.