GROSSES THEATER
Das Schauspielhaus Zürich interpretiert Macbeth – und übt dabei harsche Kritik an Brasiliens Indigenen-Politik

Die brasilianische Regisseurin Christiana Jatahy verbindet am Zürcher Schauspielhaus phänomenal Shakespeares «Macbeth» mit scharfer Kritik an Brasiliens Präsident Bolsonaro. Und sie thematisiert die Vernichtung des Lebensraumes indigener Völker im Amazonas.

Valeria Heintges
Drucken
Geisterspiel um Schein und Sein, Szene mit mit Liv Hellat.

Geisterspiel um Schein und Sein, Szene mit mit Liv Hellat.

Bild: Diana Pfammatter

Was ist Schein, was Sein? Eine Raucherlounge mit Stühlen. Ein Spiegel, in dem sich der Rang des Zürcher Pfauen spiegelt. Türen und Bilder, alte Schinken wie Vermeers «Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster». Plötzlich merkt man, auch wissend wie das ist in Inszenierungen der brasilianischen Regisseurin Christiane Jatahy: Türen und Gemälde sind nur Schein, nur Video (Julio Parente). Wiebke Mollenhauer liest am Fenster, leicht flattert ihr Brief.

Vier Männer purzeln im ­Video die Treppe herunter, erscheinen auf der Bühne (Thomas Walgrave), beschwingt vom Geschäft, das sie abgeschlossen haben. «Drei Milliarden!» Ein Landgeschäft, inklusive Rohstoffen wie Holz und Gold. Perfekt spielen Daniel Lommatzsch als Macbeth, Benjamin Lillie, Matthias Neukirch und Lukas Vögler diese toxische Männlichkeit als Mischung von Alkohol, Machtrausch und Aggressivität. Nur vor dem König müssen sich alle in Acht nehmen, seine Wut kann sie jeden Moment treffen.

Brasilianischer Lehrer des Waldes

Als Banquos Geist bewegt sich Kay Kysela schweigend durch die Szenerie. Einer von vielen Geistern, die sich eingefunden haben. Denn «Before the sky falls» basiert nicht nur auf Shakespeares «Macbeth» und Auszügen einer Versammlung des brasilianischen Präsidenten mit seinen Ministern im April 2020. Sondern auch auf Davi Kopenawas Buch «The falling sky». Der Yanomani beschreibt die Philosophie seines Volkes, das sich eine von Geistern beseelte Natur vorstellt, die die Menschen schützt – wenn sie nicht erzürnt werden.

Die Geister sind auch Macbeths Hexen. Auch Lady Macbeth erscheint als Geist, auch die Damen auf den Bildern bewegen sich und werden mit Blut überschüttet. Zu Wort kommen sie nicht.

Bolsonaros Wüten ist das Thema des Abends: sein Raubbau an Umwelt, Menschen und Menschlichkeit. Die Zerstörung des Lebensraumes und der Kultur der Yanomani durch Goldsucher, die den Wald abholzen und die Flüsse mit Quecksilber vergiften. Wie, fragt Jatahy, müssen Männer ticken, dass sie die Folgen ihrer Unternehmungen achselzuckend in Kauf nehmen? «Und wir lassen uns auch nicht vom verfickten Kothaufen irgendeines Indio abhalten», sagen die Militärs.

Die Verantwortung der Schweiz

Immer wilder treibt der Tanz auf dem Vulkan dem Höhepunkt zu. Der Wald und die Indigenen werden zum Palast kommen. Im Video erscheinen die Töpfe schlagenden brasilianischen Demonstranten. Und Kinder, die für ihre Zukunft kämpfen und die die demons­trierenden Brasilianer mit den Fridays-for-Future-Demos verknüpfen. Da rastet Macbeth aus, reisst die Stellwände ein, den Schein, sitzt in der Stille.

Innig verbindet sich Yanomani-Text mit Macbeth, Alltagsgerede mit Shakespeare. Alles passt an diesem phänomenalen Abend: Video und Live-Performance, historisches und gegenwärtiges Drama. Mischt sich zur grossen, wütenden Anklage gegen Populisten wie Bolsonaro und die globalisierte Wirtschaft, die den Regenwald zerstört, um Gold zu scheffeln. Und auch gegen den Rohstoffhandelsplatz Schweiz, auf dem Gold damals wie heute vom Dreck seiner Geschichte gereinigt wird.

«Before the sky falls», auf dem Spielplan des Schauspielhaus Zürich bis auf weiteres, nächste Vorstellung am 29.10. Am 30.10., ab 17 Uhr, Empfang und Artist Talk mit Davi Kopenawa, Christiane Jatahy und Julia Büsser im Pfauen Foyer. Am 14. 11. , 11.30 Uhr Filmvorführung von «The Last Forest» des Regisseurs Luiz Bolognesi im Zürcher Kino Riffraff - Im Fotomuseum Winterthur läuft bis zum 13. Februar 2022 die Ausstellung von Claudia Andujar: Der Überlebenskampf der Yanomami.