Im Jugendtreff der Offenen Jugendarbeit (OJA) der Zürcher Kreise 3 und 4 war letzten Mittwochabend viel los. Der Töggelikasten ist voll besetzt, zwei Mädchen fläzen auf dem Sofa und hören Musik, und vor dem Spiegel probieren ein paar Jungs ihre Tanz-Schritte aus. In einer Ecke werden gerade grosse Themen diskutiert: Religion, Familie, Identität und Sex.

Zu Besuch sind Giulia, Jan und Dani. Die drei jungen Erwachsenen sind Freiwillige der Beratungsplattform «Du-bist-du» und lesbisch respektive schwul. Sie und andere Freiwillige sind derzeit in Stadtzürcher Jugendtreffs und Gemeinschaftszentren unterwegs, um den abstrakten Begriffen Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung ein Gesicht zu geben.

Grosses Interesse an den Workshops

Die Zürcher Fachstelle für Gleichstellung, die Offene Jugendarbeit und «Du-bist-du» hatten den März zum Aktionsmonat gegen Homo- und Transphobie erklärt. Veranstaltungen, Workshops und Diskussionen sollten Vorurteile von Jugendlichen gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen abbauen und Diskriminierung verhindern.

Wie der Augenschein zeigt, ist das Interesse gross. In Grüppchen kommen die Jugendlichen im OJA Kreis 3 und 4 zum Tisch der drei Freiwilligen und ordnen den Fotos, die auf dem Tisch liegen, Berufe und sexuelle Orientierungen zu. Wer ist der schwule Polizist und wer die lesbische Transfrau, die als Sanitärinstallateurin arbeitet? Die Freiwilligen erklären nicht nur, was pan- oder bisexuell bedeutet, sondern auch, was ein Agronom macht und wo ein Account-Manager arbeitet.

Ein etwa 15-Jähriger will es genauer wissen und fragt Jan: «Seit wann bist du schwul?» Der 19-Jährige antwortet: «Schon immer, gemerkt habe ich es aber mit 12.» «Krass», sagt der Jugendliche, «kannst du das nicht ändern?»

Andere Kulturen, andere Ansichten

Der Jugendliche tut sich schwer, zu verstehen, dass es für Giulia, Jan und Dani normal ist, homosexuell zu sein. Sie würden daran nichts ändern wollen, selbst wenn sich Fussballer Ronaldo um Giulia oder Sängerin Nicki Minaj um Jan bemühen würden. «Was sagen denn deine Eltern?», fragt der Jugendliche Giulia. Dass diese volles Verständnis haben, klingt für ihn seltsam: «Bei Ausländern ist das anders. Bei uns Kurden gibt es keine Schwulen.»

Darauf gibt Jan zu bedenken, dass man bei fünf bis zehn Prozent der Menschen davon ausgeht, dass sie homo- oder bisexuell sind – überall auf der Welt. Es gebe also sicher auch unter Kurden Homosexuelle. «Das glaube ich nicht», sagt der Freund des jungen Kurden, dessen Eltern aus Afghanistan stammen. «Wir sind Muslime, und das ist haram.»

Das Gespräch wird immer lauter. Jetzt mischt sich die Jugendarbeiterin Sevin Güden ein. Die 30-Jährige ist ebenfalls Kurdin und erzählt von Freunden und Verwandten, die lesbisch und schwul seien. «Als mein Bruder so alt war wie ihr, hat er genauso gedacht. Nun hat er einen schwulen Kollegen.»

«Wäre froh, wäre mir das passiert»

Jan freut sich über die rege Diskussion. Wichtig sei, dass die Jugendlichen zum Nachdenken angeregt werden über ihre Denkmuster und Klischees. Sie drei seien wohl die ersten offenen Schwulen und Lesben, die die beiden Jungs kennen lernen. «Ich wäre froh, wäre mir das passiert, als ich so alt war.»

«Wir haben ja nichts gegen Schwule und Lesben», sagt der junge Kurde. «Aber was machen zwei Frauen zusammen im Bett? Das ist doch langweilig!» Als Giulia erklärt, dass dem nicht so sei, meldet sich ein dritter Jugendlicher zu Wort: «Jeder soll doch machen, was er will und mit wem er will.»

Der Koch-Lehrling kennt selber einen Transmenschen. Sein Kollege habe sich eine Zeit lang zurückgezogen, weil er Depressionen gehabt habe aus Unsicherheit über seine Geschlechtsidentität. Dann habe er sich wieder gemeldet und gesagt, er sei nun eine Frau und heisse Lea: «Ich habe mich gefreut für sie. Das ist jetzt meine erste Kollegin, die einmal ein Mann war.»