Kunsthalle Zürich
«Graffiti besser etablieren»: Diese Galerie bietet Raum für Kunst, die sonst keinen Platz hat

In Zürich Nord steht die einzige Graffiti-Halle, wo man die Spraydosen gleich vor Ort kaufen kann.

Lina Giusto
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Kopie von Einblick in die überdachte "Hall of Fame" in Zürich Nord
19 Bilder
Yassin Tair (links) und Till Boller (rechts) eröffnen am Freitag die Industrie Galerie in der Kunsthalle von doesendealer.ch.
Noch vor kurzem prangte an der Wand der "Hall of Fame" dieses Werk vom Graffiti-Künstler Pest aus Zypern.
Die Werke sind farbig, kreativ – und sind allesamt vergänglich.
Am Freitag eröffnet nun die Industrie Galerie, die für urbane Künste wie auch Graffiti eine Plattform bieten will.
Im Graffiti-Shop dosendealer.ch gibt es...
... mehr als 500 Farbtöne zur Auswahl.
Damit werden flache Wände zu ansprechenden Kunstwerken verwandelt.
Neben Fotografie..
gibt es in der Industrie Galerie auch Werke der Zürcherin C-Line.
Auch von Cruze, einem Zürcher Graffiti-Pionier aus den 90er-Jahren gibt es Werke zu kaufen.
Und noch weitere Künstler können hier ihre Werke zum Verkauf anbieten.
In der Haupthalle befindet sich die Spielwiese für Künstler und Laien.
Auf einer Fläche von über 250 Quadratmetern haben sie die Möglichkeit zu sprayen.
Am Recover Jam treffen sich die Graffiti-Künstler, um gemeinsam die Wand zu gestalten.
Im März 2017 war auch Pest anwesend..
oder Chromeo aus Winterthur.
Tasso aus Deutschland bei der Arbeit.
Er gilt als einer der Fotorealisten der ersten Graffiti-Stunde.

Kopie von Einblick in die überdachte "Hall of Fame" in Zürich Nord

Mario Heller

Am Freitagabend wird Zürich um einen Ausstellungsort reicher: Die Industrie Galerie liegt auf dem ehemaligen Stierli-Areal in Zürich Seebach. Zwischen drei SBB-Gleisen erhält jene Kunst einen Raum, für die es sonst in Galerien kaum einen Platz gibt. Ausgestellt werden hier Graffiti-Werke, Fotografien und weitere urbane Künste von regionalen und internationalen Künstlern.

Lanciert haben das Projekt Yassin Tair und Till Boller, die Inhaber von dosendealer.ch. In der Industrie Galerie finden sich Bilder der beiden Stadtzürcher C-Line und Cruze, einem der Graffiti-Pioniere aus den 1990er-Jahren. Wie in einer Galerie üblich sind diese Werke käuflich. Vom Verkaufspreis erhalten Tair und Boller 30 Prozent, womit sie das Projekt finanzieren wollen. «Ein fairer Preis, wenn man bedenkt, was in anderen Galerien pro verkauftem Kunstwerk abgezwackt wird», findet Boller.

Die Eröffnung der Galerie ist nun eigentlich der dritte Geburtstag, den die beiden Mittzwanziger zusammen feiern. Vor einem Jahr durften sie schon einmal die Korken knallen lassen. Damals zur Eröffnung der angemieteten 800 Quadratmeter grossen Lagerhalle auf dem ehemaligen Industrieareal. Eingerichtet haben sie hier zuerst ihren Spraydosen-Laden und die «Graffiti Hall of Fame».

Am Anfang war die Spraydose

Tair und Boller führen den einzigen Graffiti-Shop in Zürich, der Montana-Dosen, mit einer über 500-teiligen Farbpalette im Angebot hat. «Wir hoffen, mit einem solchen Projekt das Graffiti besser zu etablieren, sodass die Schweiz etwas mehr Farbe bekommt», so Tair. Angefangen haben die beiden Jungs mit dem Vertrieb in einem Wohnhauskeller an der Zürcher Langstrasse. «Durch mein Umfeld wurde mir klar, dass das Angebot von Spraydosen für Graffiti-Künstler hier nicht zufriedenstellend ist», sagt der 23-Jährige weiter. Er selber könne keine einzige gerade Linie sprayen. Der 24-jährige Till mit dem Künstlernamen «CIKS» dagegen malt oder sprayt, seit er Farbstifte oder Dosen in den Händen halten kann. Boller ist zu 100 Prozent für dosendealer.ch tätig. Anders Tair, er arbeitet Teilzeit im Aussendienst für einen Zürcher Bierbrauer.

Daneben bauen und basteln die beiden Stadtzürcher regelmässig in der Kunsthalle. So haben sie Wände hochgezogen, Zwischenböden eingebaut, den Laden und das Büro eingerichtet und nun den Umbau in den Hochregalen vollzogen, um darin, die Galerie einzurichten und verschiedene Bilder kuratiert.

Der Respekt vor der Wand

Das alles wäre schon beeindruckend genug, wären da nicht noch die meterhohen Graffiti-Werke in der Haupthalle – der einzigen überdachten «Hall of Fame» der Schweiz. Auf einer Fläche von über 250 Quadratmetern üben hier Laien, Interessierte, aber auch bekannte Namen aus der nationalen und internationalen Graffitiszene. Verglichen dazu ist laut Boller und Tair der berühmte Graffiti-Ort am Zürcher Letten oder die Rote Fabrik ein «Mauseloch».
Mit der Einweihung der Halle vor einem Jahr entflammte auf der Dosendealer-Torte die zweite Geburtstagskerze.

Bei einem Spray-Jam, so werden die Treffen von Künstlern zum gemeinsamen Sprayen genannt, standen hier schon mehrmals während zwei bis drei Tagen namhafte ausländische Künstler nebeneinander an der Wand. Beispielsweise waren Tasso, der Deutsche Vorreiter des Hyper- und Fotorealismus der Graffitikunst, oder der Zypriot Pest, der mit weiteren Künstlern zusammen die Crew Colournomads bildet, anwesend. Diese Jams finden derzeit alle zwei bis drei Monate statt. «Unser Ziel ist es, diese bald monatlich durchzuführen», sagt Tair.

Die Werke in der Kunsthalle sind vielfältig: von politischen Statements bis hin zum klassischen Writing – mit Bildern oder Zeichen angereicherte Schriftzüge – wirken die Wände der Halle wie ein einziges immenses Kunstwerk. Bei der Betrachtung verliert man sich schnell im Detail, entdeckt neue Kürzel und filigrane Farbübergänge.

Befristeter Freiraum

Wie üblich in der Graffiti-Kunst leben die Gemälde lediglich wenige Tage und sind damit vergänglich. «Wir kontrollieren gemeinsam was übermalt wird und auch wer, wo malt, aber hauptsächlich wie», sagt Boller. Trotzdem ist das Credo der beiden Dosendealer: «Dieser Raum ist für alle da, solange der Grundrespekt vor der Wand und den Mitmenschen vorhanden ist.» Es ist eines der ungeschriebenen Gesetze, nach der diese Kunstrichtung lebt. Dass Bilder komplett übermalt werden, wenn ein neues Werk entstehen soll, ist eine weitere Regel.

Die Galerieeröffnung am Freitagabend freut die beiden Stadtzürcher, da solche Orte Mangelware seien. Das Stierli-Areal ist derzeit im Besitz einer privaten Investorengruppe, die noch in diesem Jahr eine Baueingabe plant. Entstehen sollte hier laut Plänen ein Kreativzentrum mit dem klinischen Namen «Art Center Zürich Nord». Was das Ende für die vielseitige Mieterschaft wäre. Neben den Dosendealer sind hier Ateliers, Schreiner und Grafik-Designer zu Hause. Auch als Überwinterung für Boote dienen einzelne Einstellplätze. «Die Nachbarschaftsliebe hier ist gross. Deshalb hoffen wir, dass wir hier noch länger wirken können», so Yassin, denn «das Dreieck zwischen den Gleisen ist unser Freiraum.»