Schon im 19. und 20. Jahrhundert stiess man bei Bauarbeiten beim und neben dem Oberstufenschulhaus in Unterstammheim auf Gräber aus dem Frühmittelalter; diese Epoche dauerte von 500 bis 1050 nach Christus. Und bald soll dort ein Areal mit 15 Wohnhäusern überbaut werden.

Daher führte die Kantonsarchäologie bereits im März 2016 Sondiergrabungen durch. Wegen eines Rekurses gegen das Bauvorhaben wurden danach vorerst keine weiteren Grabungen durchgeführt.

Verzierte Keramikscherben

Mit Beginn der Bauarbeiten im Juni haben die Archäologen erneut angefangen zu graben. Dabei stiessen sie zwar wieder auf frühmittelalterliche Gräber. Aber die eigentliche Überraschung war eine andere aus einer ganz anderen Zeit: Inmitten des heutigen Unterstammheim stiessen die Forscher auf verzierte Keramikscherben, Holzkohlereste, eine Feuerstelle sowie auf Werkzeuge und Splitter aus Feuerstein aus der Jungsteinzeit. Aus diesem glasartigen Stein fertigten die Menschen damals Werkzeuge, weil dessen Kanten sehr scharf sind. Dass man in Unterstammheim auf jungsteinzeitliche Funde gestossen ist, sei neu, sagt Manuela Camichel, Leiterin der aktuellen Ausgrabungen.

Doch damit nicht genug. Während man das Alter des Pfostenrests auf 3400 bis 3100 v. Chr. bestimmen konnte, liegt das Alter der verzierten Scherben sogar bei 4900 bis 4600 v. Chr. «Das ist sehr speziell für uns», sagt Camichel. Denn aus dieser Phase der Mitteljungsteinzeit sei die Fundstelle in Unterstammheim erst die dritte im Kanton Zürich. Daher gebe es aus dieser Zeit bislang «fast kein Fundmaterial».

Nur etwa zweieinhalb Kilometer südöstlich der jetzigen Fundstelle liegen am Nussbaumersee die Reste von Pfahlbausiedlungen, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Die dort bislang ältesten gemachten Funde stammen aus der Jungsteinzeit etwa um 4000 v. Chr.

Vor dem Bagger retten

Dieser Tage graben die Archäologen in Unterstammheim noch auf einer Fläche von rund 50 Quadratmetern. «Mal schauen, ob wir noch mehr Material aus der Jungsteinzeit finden», sagt Camichel. Alle gemachten Funde werden aus der Erde genommen und die Strukturen dokumentiert, um sie vor der Zerstörung durch den Bagger zu retten.

Wie schon bei den Sondiergrabungen im März 2016 stiessen die Archäologen auch im Juli erneut auf frühmittelalterliche Gräber aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts. So fanden sie zum Beispiel das Skelett eines Mannes mit einem Kurzschwert und einer Gürtelgarnitur (siehe Bild). Laut Camichel weist das Schwert auf einen höheren gesellschaftlichen Status des Verstorbenen hin. Die Menschen wurden damals meist angekleidet und mit Beigaben beerdigt, Stoff und Leder verrotteten bis heute aber vollständig.

Weiter gruben die Fachleute der Kantonsarchäologie die Knochen einer älteren Frau aus. Bei ihr fanden sie ein Messer und eine Gürtelschnalle. Bei frühmittelalterlichen Gräbern sei, so Camichel, generell etwas auffallend: Ältere Frauen und Männer wurden meistens mit weniger Beigaben beerdigt als jüngere. Eine mögliche Erklärung ist, dass etwa die älteren Frauen ihren Schmuck zum Todeszeitpunkt bereits den Töchtern vermacht haben könnten. Bis jetzt wurden in Unterstammheim auch die Überreste von zwei Kindern ausgegraben.

Alle zerbrechlichen Knochen werden aus dem Unterstammer Erdreich genommen und im Anthropologischen Institut der Universität Zürich gelagert. So stehen sie für spätere Forschungsarbeiten zur Verfügung.