Von «Chances» war die Rede, und von «Threats». Also Chancen und Gefahren. Wenn zwei Regierungsräte, die Zürcher Stadtpräsidentin und ein Vertreter von Lugano auf Englisch ein Podiumsgespräch führen, merkt der Zuhörer: Hier passiert etwas Unübliches, dafür muss es einen Grund geben.

Den gab es: Das Publikum, bestehend aus Vertretern von Regionen und Städten zwischen Süddeutschland, Piemont, Steiermark und Slowenien - Teilnehmer einer Tagung zum «Transportkorridor Gotthard als Kooperationsachse». Die Tagung war Teil eines von der Europäischen Union geförderten Projekts für mehr Zusammenarbeit in der gesamten Alpenregion. Nicht ganz grundlos, bildet sie doch das wirtschaftliche Zentrum Europas - und sie hat gleichzeitig von allen Regionen die Finanzkrise bislang am besten gemeistert.

Pendler aus Italien

Anlass für das Gespräch bildete die Aussicht auf die ab 2020 auf zwei Stunden reduzierte Bahnverbindung Zürich-Lugano. Damit rücken das Tessin und Lombardei in Pendlerdistanz zu Zürich, beziehungsweise umgekehrt.

Der Tessiner Regierungspräsident, Paolo Beltrametti, warnte bereits vor einer Grenzgängerschwemme aus Norditalien: «Die Leute werden am Montag in den Zug steigen und bis Freitag in Zürich arbeiten, am Wochenende reisen sie wieder zu ihren Familien.» Im Tessin, so Beltrametti, sei schon heute einer von drei Arbeitnehmern ein Italiener.

Dass zwei starke Wirtschaftsregionen näher zusammenrücken, sei eine grosse Chance, meinte hingegen die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch: «Ich denken nicht nur an einen wirtschaftlichen, sondern auch einen kulturellen Austausch.» Zürich sei jetzt schon die grösste italienischsprachige Stadt in der Deutschschweiz. Mauch, die sich darum bemüht, Zürich vom Image der monokulturellen Banken-Metropole zu befreien, nannte die Kreativbranche als mögliche Nutzniesserin einer Zusammenarbeit mit der Region Mailand. «Der Designbereich wächst, hier könnten wir viel von der Anbindung an Mailand profitieren», so Mauch.

Alpine Regionen werden darben

Hier boomt Zürich, dort Mailand. Nimmt man den Gotthard als Spiegelachse, haben der unmittelbare Norden und Süden hingegen dieselben Probleme. Hier Uri, das künftig grösstenteils unterfahren und noch mehr links liegen gelassen wird, dort die Leventina, der Norden des Tessins. Die Gefahr ist gross, dass diese Gebiete zu den Verlierern der schnellen Verbindung der Metropolitanräume Zürich und Lombardei gehören werden.

Dem will der Urner Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind entgegenwirken. Seine Regierung will einen Businesspark um den Bahnhof Altdorf bauen, mit Büros und nahen Wohnungen. So soll die Mitte zwischen Mailand und Zürich attraktiv werden, vielleicht für Pendler, die in beiden Regionen tätig sind.

In Lugano träumt man derweil davon, die Kulturinstitutionen auszubauen. Laut dem Luganer Wirtschaftsförderer Giorgio Maric will auch seine Stadt weg vom Finanzplatz-Image. Wege dafür sieht in der wachsenden Biotech-Branche, die sich im Tessin breitmacht - und in den Investitionen in Hochschulen.

Mal schnell im Tessin operieren

Interessant werde es im Tessin vor allem aber für die Region Bellinzona: Sie wachse durch die neue Verbindung auch näher an Lugano heran. «Ein Arzt vom Zürcher Unispital könnte zu einer Operation ins Tessin fahren», so Beltrametti. Bereits heute arbeiteten die Uni Zürich und das Tessiner Herzzentrum eng zusammen.

Zwischen der Vielzahl an Chancen dürfe aber eines nicht vergessen werden: «Die Neat wurde für Güter gebaut, nicht für den Personenverkehr», erinnerte Beltrametti. Auch der Urner Camenzind will verhindern, dass sonnenhungrige Deutschschweizer oder lombardische Pendler die Röhren für den Gütertransport verstopfen. Die Lebensqualität hänge davon ab, dass der Lastverkehr von der Strasse auf die Schiene verlegt werde.

Nordseehäfen steuern Transport

Der Kernidee der Neat steht jedoch die Entwicklung an den Europäischen Hochseehäfen entgegen. Während Häfen wie Rotterdam Milliarden in ihren Ausbau investieren, existiert zwischen Genua und Mailand nicht mal eine anständige Bahnstrecke für Güter. Dies habe zur Folge, dass Waren aus Asien via Nordseehäfen ins Hinterland verteilt würden, also künftig vermehrt durch die Alpenregion transportiert würden.

Ein anderes Problem bildet gemäss den anwesenden Politikern das Nadelöhr zwischen Chiasso und Mailand, eine kurze, aber miserabel ausgebaute Bahnstrecke. Sie ist typisch für das Planungsdenken des 20. Jahrhunderts: Nationale Verbindungen wurden ausgebaut, aber der Bahnverkehr über die Grenzen musste mit Strecken vorliebnehmen, die fürs gelegentliche Tschipfubähnli angelegt wurden. Dasselbe Bild ergebe sich auf den Routen Zürich-Stuttgart und Zürich-München, wie Mauch einwarf.
Die Alpenregion will nun den Dialog fortführen. Zürich fühlt sich zurecht mitten im Geschehen.