Ein Sturm der Entrüstung fegte durch die Leserbriefspalten, nachdem die Medien im Dezember 2009 darauf hingewiesen hatten, dass Richtlinien des Volksschulamtes – streng interpretiert – auf ein Verbot von Weihnachtsliedern an Schulen hinauslaufen. Die Rede ist von «Richtlinien zum Umgang mit muslimischen Schülerinnen und Schülern», datiert vom 24.Juni 2009. Der Text ist über weite Strecken unproblematisch. Nicht aber dieser Satz: «Von der aktiven Teilnahme muslimischer Kinder an Handlungen und Liedern mit religiösen Inhalten, welche ihrem eigenen Glauben widersprechen (zum Beispiel solchen, die Jesus als Gottes Sohn bezeichnen) soll abgesehen werden.» Da in diversen gängigen Weihnachtsliedern Jesus als Gottes Sohn bezeichnet wird, lässt sich der Satz als Warnung vor Weihnachtsliedern interpretieren.

Neutral formuliert

Weil dies viel Unmut hervorrief, stellte Bildungsdirektorin Regine Aeppli Ende 2009 in Aussicht, die Richtlinien allenfalls zurückzuziehen. Das hat sie nun getan. Sie hat sie aber nicht nur zurückgezogen, sondern durch etwas Neues ersetzt: durch religionsübergreifende Empfehlungen, die der religiösen Toleranz klarere Grenzen setzen, gleichzeitig aber die Legitimität christlicher Unterrichtselemente betonen. Textpassagen im Stil der Gottes-Sohn-Warnung sind ausgemerzt. Das neue Papier heisst «Umgang mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Religionen an der Volksschule» und datiert vom 29.November 2010. Aber erst am 19.Januar dieses Jahres hat das Volksschulamt die Empfehlungen an Schulverwaltungen, Schulleitungen, Verbände und Parteien verschickt. Dort und auch bei Lehrkräften sind sie bis jetzt kaum zur Kenntnis genommen worden, wie Nachfragen zeigen. Vermutlich deshalb nicht, weil die brisante Vorgeschichte des Papiers ebenso unklar blieb wie dessen Stellenwert: Ersetzt es die Muslimrichtlinien oder ergänzt es sie nur?

Nicht mehr zeitgemäss

«Die neuen Empfehlungen ersetzen die Richtlinien vom 24.Juni 2009», erklärt Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamtes. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass die Beschränkung auf muslimische Kinder nicht mehr zeitgemäss ist», sagt er. Er räumt auch ein, dass einzelne Passagen der Richtlinien zu Unsicherheit und Missverständnissen geführt haben, weshalb man nach dem Wirbel Ende 2009 die Überarbeitung an die Hand genommen habe.

Worin unterscheiden sich die neuen Empfehlungen vom Muslimpapier?

Verbindlichkeit: Die Empfehlungen sind weniger verbindlich als die früheren Richtlinien.

Religionsübergreifend: Bis auf eine Ausnahme wird im Papier keine Religion genannt.

Christlich zentriert: Die einzige Religion, die erwähnt wird, ist die christliche. Dies geschieht in einem gesonderten Abschnitt, wo es um «Unterrichtssequenzen auf der Grundlage christlicher Wertvorstellungen» geht. Mit Verweis auf das Volksschulgesetz heisst es dort: «Themen auf dem Hintergrund der christlichen Kultur und ihrer Traditionen sind im Schulunterricht erlaubt und entsprechen der Schultradition im Kanton Zürich.» Ein so deutliches Bekenntnis zur eigenen Tradition findet sich im Muslimpapier nicht.

Obligatorien: Deutlicher als bei den Muslimrichtlinien wird auf die Obligatorien im Schulunterricht hingewiesen. «Es gibt keine Schulangebote, an dem Schülerinnen (…) aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen nicht teilnehmen können», heisst es zum Beispiel. Ausnahmen bleiben in begründeten Fällen weiterhin möglich. Wie im Muslimpapier wird zudem festgehalten, dass für das Fach Religion und Kultur keine Dispensation möglich ist. Gleichzeitig wird die Lehrperson wie früher verpflichtet, für einen ausgewogenen Unterricht zu sorgen.

Schwimmunterricht: Dass das Fach Schwimmen obligatorisch ist, stand schon in den Muslimrichtlinien. Unverändert ist auch die Empfehlung, dass beim Umziehen oder Duschen der Wunsch nach Schutz der Intimsphäre berücksichtigt werden soll. Neu ist aber folgende Einschränkung: Die Massnahmen sollen keinen unverhältnismässigen Aufwand verursachen.

Die Religionsempfehlungen werden auch am interreligiösen runden Tisch des Kantons demnächst besprochen. Philippe Dätwyler, Sprecher des Kirchenrates und Sekretär des runden Tisches, sagt, er habe den Mitgliedern des runden Tisches vor zwei Wochen das neue Religionspapier geschickt. Bis jetzt habe er keine Rückmeldungen erhalten. Dies deute darauf hin, dass die Empfehlungen auf keinen Widerstand stiessen. Am runden Tisch sind nebst den drei christlichen Konfessionen Vertreter des Islam, des Judentums, des Buddhismus und neu auch der Aleviten vertreten.