Street Parade
Go-Go-Tänzerinnen und Ghetto Gangster: Diese Raver haben wir am Bahnhof Dietikon angetroffen

Die 27. Street Parade lockte am Samstag rund eine Million Tanzfreudige nach Zürich. Eine Redaktorin der Limmattaler Zeitung wagte sich zum ersten Mal auf ein Love Mobile und erlebte den Techno-Umzug aus einer völlig neuen Perspektive.

Sibylle Egloff (Text) und Céline Geneviève Sallustio (Umfrage und Fotos)
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Kim (22) und Amira (21) (von links) aus dem Aargau «Unser Outfits sollten möglichst crazy wirken und wir wollen ein bisschen auf Ghetto Gangster machen.»
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Juliana (22) und Graciella (25) (von links) aus Dietikon «Wir gehen als brasilianische Studentinnen an die Street Parade.»
Aaron (20), Mattia (24) und Shane (22) (von links) aus Lugano «Wir aus dem Tessin nach Zürich gereist und gerade angekommen. Die Nacht verbringen wir in einem Hotel in Dietikon.»
Michelle (29) aus Bergdietikon und Timea (29) aus Otelfingen (von links) «Heute feiern wir für mehr Liebe und Akzeptanz. Jeder soll so sein, wie er will.»
Denise (26) aus Bern «Das Coachella-Festival in Kalifornien inspirierte mich bei meiner Outfit-Wahl. Zudem sollte es so glitzernd wie möglich sein.»
Conny (33), Jessy (25) und Debi (36) (von links) aus Würenlos «Wir waren schon 15 Mal an der Street Parade. Dieses Jahr feiern wir auf einem Love Mobile.»
Karsten (52) aus Dietikon «Ich bin schwul und passe mich nicht gerne an. Ich mag es, anders als die anderen zu sein. Warum kann man sich nicht jeden Tag so anziehen?»
Raver am Bahnhof Dietikon
Marino (36) aus Eggenwil «Bei meinem Outfit habe ich mir gedacht: Locker-flockig.»
Raphaela (19), Rebekka (29) und Saskia (26) (von links) aus Waldshut-Tiengen «Dieses Jahr werden wir auf einem Love Mobile feiern. Der Wagen fährt unter den Motto rot/schwarz.»

Kim (22) und Amira (21) (von links) aus dem Aargau «Unser Outfits sollten möglichst crazy wirken und wir wollen ein bisschen auf Ghetto Gangster machen.»

Céline Geneviève Sallustio

Es ist 16 Uhr. Die Street Parade ist bereits in vollem Gange. Doch am Tanzen sind meine Kollegen und ich noch lange nicht. Wir warten perfekt gestylt in der Bellerivestrasse auf das Love Mobile Nummer 20. Das Motto: Welcome to the jungle. Unser Grüppchen besticht durch schwarze und goldige Outfits, die innert kürze die Aufmerksamkeit einiger Hobbyfotografen auf sich ziehen.

Es ist das erste Mal, dass ich auf einem Wagen am Umzug teilnehme. Sonst habe ich mich immer am Bellevue unters Partyvolk gemischt. Die Erwartungen sind hoch. Schliesslich habe ich 140 Franken für den Spass hingeblättert. So gross die Vorfreude auf die neue Erfahrung auf dem Love Mobile auch ist, die Geduld sinkt. Eine gefühlte Stunde warten wir bereits, dass wir auf den Wagen steigen können. Einige beklagen sich, sie seien bereits wieder nüchtern. Andere haben mit der Sonne zu kämpfen und wieder andere müssen dringend aufs WC.

Auf dem Love Mobile bot sich der Redaktorin ein anderes Bild auf die Menge.

Auf dem Love Mobile bot sich der Redaktorin ein anderes Bild auf die Menge.

Limmattaler Zeitung

Ein paar Minuten und eine schlecht organisierte Bändeliabgabe später stehen wir dann endlich auf dem Love Mobile. Die erste Ernüchterung: Zum Tanzen hat es kaum Platz. 210 Leute tummeln sich auf dem Wagen, der mit zwei Bars, zwei Toi-Tois und einem DJ-Pult ausgerüstet ist. Alle stürmen an die Ränder mit der besten Sicht auf die tanzende Menge. Wir ergattern ein kleines Stück. Die Boxen hängen aber direkt über unseren Köpfen. Die kleine Kollegin hat Glück, sie passt perfekt darunter. Wie viele Male ich mir das Haupt stosse, will ich an dieser Stelle nicht erwähnen. Drinks werden verteilt. Die sind im Ticketpreis inbegriffen. Rücksäcke und Taschen landen in einer Ecke am Boden. Die Party kann beginnen. Der Wagen beginnt langsam zu rollen und der erste DJ legt auf. Ich lerne eine New Yorkerin kennen, die extra für die Street Parade nach Zürich gereist ist. «Ich bin begeistert. Es hat sich absolut gelohnt, hierherzukommen. In New York hören wir solche Musik selten», sagt sie und schiesst mit ihrem Handy Bilder von sich und der tanzenden Menge auf der Strasse.

Pelzige Plateauschuhe

Ich blicke auf das Fussvolk. Vom Wagen aus hat man eine gute Sicht auf alle farbenfrohen und fröhlichen Menschen. Kostüme sehe ich wenige, mal eine Polizistin, ein Seemann oder ein Street Parade-Gänger der ersten Stunde mit pelzigen Plateauschuhen und Lederdress. Sonst sind es die kleinen Details wie Hüte, Brillen, gefärbte Haare, metallic Tattoos, die herausstechen. Und natürlich viel nackte Haut. Bei den warmen 27 Grad ist es auch keiner und keinem zu verübeln.

Auf den Balkonen der Fünf-Sterne-Hotels wird uns auf dem Wagen zugewinkt. Die Stimmung ist ausgelassen. Immer wieder schrecke ich auf, weil wieder jemand ein Getränk verschüttet und es mir den Rücken herunterläuft. Schuldbewusst zuckt man mit den Schultern und entschuldigt sich. Ich lache und ernte ein breites Lächeln getreu dem Motto der diesjährigen Street Parade «Culture of tolerance». Das Partymachen auf dem Love Mobile verbindet. Es fühlt sich an, als gehöre man einer kleinen Familie an. Wildfremde holen füreinander Getränke an der Bar, halten einem die Toi-Toi-WC-Türe zu, die einfach nicht richtig schliessen will und stützen einander, wenn der Wagen abrupt stoppt, sodass man nicht vorneüber fällt.

Nach drei Stunden auf dem Love Mobile erlebe ich mein persönliches Highlight. Der Wagen fährt über die Quaibrücke. Es ist herrlich anzusehen, wie die Menge bei untergehender Sonne vor der Kulisse des Grossmünsters, des Fraumünsters und der Münsterbrücke feiert. Die Boote auf dem See schaukeln im Takt der Musik. Doch nicht nur die Szenerie ergreift mich, sondern auch die Tatsache, dass ich endlich einen Sitzplatz gefunden habe. Und zwar wortwörtlich an prominentester Stelle. Ich sitze auf dem Geländer am Rand angelehnt an die Metallkonstruktion des Wagens.

Die Menge winkt mir zu, Luftküsse flattern in meine Richtung. Handykameras sind auf mich gerichtet. Ich will gar nicht wissen, auf wie vielen Bildern ich verewigt werde. Ich lächle und bewege die Arme zum Beat. Vielleicht fühlt es sich so an, wenn man berühmt ist, denke ich mir. Um halb 10 Uhr abends kommt das Love Mobile beim General-Guisan-Quai nahe des Bahnhofs Enge zum Stehen. «Afterparty», rufen die Kollegen. Ich verzichte, steige vom Wagen, verschwinde in der Partymeute und verwandle mich wieder in eine Normalsterbliche.

Mehr Einsätze für Schutz und Rettung

Die grösste Techno-Parade der Welt knackte nach 2001 und 2015 zum dritten Mal die Millionen-Grenze. Grund dafür dürften nicht nur die idealen Wetterbedingungen gewesen sein, sondern auch bekannte DJ-Grössen wie Paul Kalkbrenner, die auf acht Bühnen entlang der Umzugsstrecke auflegten. Selbst die 28 Love Mobiles kamen wegen der vielen Besucher nur langsam voran. Gegenüber dem Vorjahr um ein Drittel zugenommen haben die Einsätze von Schutz und Rettung der Stadt Zürich. Bis um 20.30 Uhr am Samstag wurden total 461 medizinische Behandlungen wegen Schnittwunden, Insektenstichen und übermässigen Alkohol- und Drogenkonsums durchgeführt. Zwei Männer verletzten sich bei Stürzen schwer. Auch die Sicherheitskräfte der Kantonspolizei hatten viel zu tun. Insgesamt wurden 32 Männer verhaftet. Die Festnahmen erfolgten wegen Betäubungsmittelhandel, Raub, Körperverletzung, Widerhandlungen gegen das Waffengesetz, Taschendiebstahl und Ausnüchterung.