Glühwein
Glühwein-Test: Ein Streifzug durch Zürichs Innenstadt

Vorweihnachtszeit ist Glühweinzeit. Wo auch immer derzeit eine Ansammlung von Holzhütten steht, die dazu dient, mehr oder weniger brauchbare Geschenkideen zu verhökern, dampft es aus Kochtöpfen, Kupferkesseln oder Zapfhahnen.

Matthias Scharrer
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Am Sechseläutenplatz dampft es aus Zapfhahnen.

Am Sechseläutenplatz dampft es aus Zapfhahnen.

Limmattaler Zeitung

Und es breitet sich der Geruch von warmem, würzigem, süsslichem Wein aus. Glühwein eben. Doch die geschmackliche und qualitative Vielfalt des wärmenden Tranks ist gross. Das offenbart ein Streifzug durch Zürichs vorweihnachtliche City. Nebenbei lassen sich ein paar Rezepte mitnehmen.
Üble Gerüchte hört man über kopfwehträchtigen, industriell vorgefertigten Glühwein, der an den Ständen verkauft werde. Umso mehr lockt das Schild eines Glühwein-Standes gleich beim Ausgang des Hauptbahnhofs, dort, wo es zum neugebauten Stadtteil Europaallee geht: «Glühwein hausgemacht» steht darauf. Der Stand verkauft vorwiegend Obstbrände und Whisky, die Familie Käser im Fricktal hergestellt hat.

Auch den Wein im Glühwein, einen Blauburgunder, haben die Brüder Raphael und Michael Käser selbst gekeltert, wie vom Verkäufer Yan Kurth zu erfahren ist. «Besserer Wein wird wohl an keinem Glühweinstand verwendet», sagt Kurth. «Und Mama Franziska Käser würzt ihn dann.» Dazu nehme sie Orangenschalen und -saft, Sternanis, Zimt, Kardamom und Zucker. Das Resultat ist ein fruchtiger Glühwein mit feiner Gewürznote: ausgewogen, vollmundig, gerade richtig süss. Am Stand wird er auf nicht mehr als 70 Grad erwärmt, sodass sich kaum Alkohol verflüchtigt, warnt Kurth den Glühwein-Tester.
An bester Passantenlage befindet sich auch der nächste getestete Stand: Gourmet-Zauber am Central. Es handelt sich um eine im st. gallischen Wil beheimatete Kette. Die gleiche Leuchtschrift, die gleichen Kupferkessel und gleichermassen weihnachtlich kostümiertes Personal findet sich in Zürich auch auf dem Werdmühleplatz, im Niederdorf, beim Globus nahe der Bahnhofstrasse sowie auf dem Sechseläutenplatz.

Über das Glühwein-Rezept weiss die Verkäuferin zu sagen, dass die Grundsubstanz, der gewürzte Wein, immer gleich sei. Angeboten wird der Gourmet-Zauber-Glühwein in drei Varianten: zum einen als «Magic Cherry» mit Kirschsaft und -schnaps, zum anderen mit Amaretto und schliesslich auch als Feuerzangenbowle mit Rum. Dem Tester wird «Magic Cherry» gereicht, «unser Klassiker». Der Kirschsaft dominiert, an Würze fehlt es, sodass der Klassiker etwas eintönig schmeckt: warmer Kirschsaft mit gesüsstem Wein.
Im Niederdorf am Hirschenplatz sticht das Angebot «Glühwein nach Winzerart» ins Auge. Den Stand, an dem sie auch selbst gemachte Krippenfiguren aus Holz verkaufen, betreiben Yvonne und Fritz Heussi aus Näfels (GL) seit 13 Jahren.

Das Glühweinrezept stamme von einem befreundeten Walliser Winzer, sagt Yvonne Heussi: Eine halbe Orange und eine halbe Zitrone mit wenig Wasser aufkochen, Merlot-Tafelwein aus Italien und Zimtstängel dazugeben und das Ganze mit einigen Löffeln Zucker kochen, bis es schäumt. Wegen des Wasseranteils von zehn Prozent schmeckt dieser Glühwein dünner als die anderen getesteten. «Dafür ist man nicht gleich nach dem ersten Becher besoffen», sagt Heussi.
Letzte Station des Testlaufs ist die Karussell-Bar auf dem Sechseläutenplatz, eine Art sich drehende Après-Ski-Bar, die auf ihre Art zum Ambiente des Weihnachtsmarkts auf dem neu gepflasterten Platz beiträgt. Im Angebot sind heisse Drinks namens «Hot Hugo», «Hot Caipirinha» und der unvermeidliche Glühwein. Er ist sehr süss und wird aus Zapfhahnen in rote Tassen mit goldenen Engeln ausgeschenkt.

Als Grundsubstanz verwendet Lieferant Christian Indrak einen nicht herben Rotwein, dessen Herkunft er in Frankreich vermutet. Dazu kommen Nelken, Zimt, Schalen von Orangen und Zitronen, Ingwer und auf zehn Liter Wein 1,1 Kilogramm Zucker. Neben der Süsse fällt der Ingwer-Geschmack auf. Und den Tester packt ein Heisshunger auf Salziges.
Fazit: Am besten mundete Käsers Glühwein an der Europaallee. Das Ambiente ist hingegen auf dem Sechseläutenplatz am schönsten, vor allem wenn die Nachmittagssonne scheint. Und: Nach ein, zwei Bechern erschöpft sich die Lust auf das warme Süssgetränk. Ausser Müdigkeit gabs aber keine Nachwehen.