Es ist eine Schätzfrage, bei der wohl die meisten mit ihrer Antwort weit daneben liegen: Wie hoch ist der Anteil aller Flüchtlinge im Kanton Zürich gemessen an der ausländischen Bevölkerung? Diese Frage stellte Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) gestern am Gemeindeforum für Behördenmitglieder. Die Antwort: Nicht einmal vier von hundert Ausländern sind Flüchtlinge. Dass man auf eine höhere Zahl tippt, mag mit der erhöhten Aufmerksamkeit zu tun haben, die Politik und Medien dem Thema zurzeit entgegenbringen.

Selbst in absoluten Zahlen wirkt die Ziffer überschaubar: 14'300 Menschen im Kanton sind Flüchtlinge. Würde man sie an einem Wohnort zusammenziehen, käme man auf die Gemeindegrösse von Stäfa. Demgegenüber steht die Gesamtzahl ausländischer Einwohner von 390'000 Personen – etwas weniger, als in der Stadt Zürich leben.

Zahlen wie diese zeigten, dass besonders die Nachfrage nach Arbeitskräften die Zuwanderung steure, sagte Nina Gilgen, Leiterin der kantonalen Fachstelle für Integration. Unter den Arbeitsmigranten stammt fast jeder vierte aus Deutschland, gefolgt von Italien (14 Prozent), Portugal (7 Prozent), Kosovo (5 Prozent), Spanien und Mazedonien (je 4 Prozent). Die Flüchtlinge wiederum kommen grösstenteils aus Eritrea, Syrien, Afghanistan, Somalia, Sri Lanka, Irak, der Türkei und China. Alle Migranten, insbesondere aber Flüchtlinge, weisen ein erhöhtes Armutsrisiko auf: 5,9 Prozent der Ausländer im Kanton Zürich benötigen Sozialhilfe, unter den Schweizern sind es lediglich 2,2 Prozent.

«Eine Frage des Glücks»

Was also ist zu tun, um Migranten besser zu integrieren? «Rechtzeitig in die Menschen investieren», sagte der Zürcher Sozialvorstand Raphael Golta (SP). Er zählte gleichzeitig mehrere Hürden auf, die dies erschweren: Mangelnde Sprachkenntnisse, fehlende Bildung, Diskriminierung, hohe Ansprüche des Arbeitsmarkts und lange Asylverfahren. Aufhören, in die Integration zu investieren, sei aber falsch. So will die Stadt Zürich nach der Annahme des verschärften Sozialhilfegesetzes ihre bisherigen Integrationsmassnahmen beibehalten.

Da jede Gemeinde für sich entscheidet, welche Integrationsleistungen sie erbringt, führt dies zu einer gewissen Beliebigkeit. «Es ist heute eine Frage des Glücks, in welcher Gemeinde man ein Flüchtling ist», sagte Golta. Auch dem Gossauer Jörg Kündig (FDP), Präsident des Gemeindepräsidentenverbands, behagt dies nicht. «Es braucht eine gemeinsame Praxis und nicht unterschiedliche Modelle. Das kann zu Rosinenpickerei unter den Asylsuchenden führen.»

Der Spezialfall Horgen

Andererseits sind die Gemeinden punkto Integration mit unterschiedlichen Ausgangslagen konfrontiert. Das zeigt das Beispiel Horgen: Die 20'500 Einwohner zählende Gemeinde hat erstens mit 30,6 Prozent einen hohen Ausländeranteil, zweitens handelt es sich am häufigsten um Deutsche, Italiener und Engländer. Das liegt daran, dass es in der Gemeinde viele Arbeitsplätze für Hochqualifizierte gibt.

Zu meinen, diese Menschen bräuchten keine Integration, findet Lisa Ehrler falsch. Sie ist Integrationsbeauftragte und lädt ausländische Neuzuzüger zu einem Gespräch ein – und empfiehlt auch mal einen Deutschkurs, wenn sie merkt, dass es mit der Sprache hapert. Oft sind die Migranten auch mit anderen Bereichen nicht vertraut. «Manche wissen nicht, dass man Billag und Steuern zahlen muss.»

Allerdings folgen nur 40 Prozent der Zuzüger der Einladung. Und der Rest? «Es ist schwierig, an alle heranzukommen. Manche haben keine Zeit, keine Lust oder sind skeptisch gegenüber den Behörden.»