Ökumenisches Abendmahl

Gläubige sind unglaublich enttäuscht über die «Feigheit»

Im Beisein eines katholischen und von reformierten Kollegen verliest der Kapuziner Willi Anderau eine Erklärung über den Verzicht auf die vollständige Teilnahme am Abendmahl. Die Nachricht löste unter den Anwesenden Katholiken Unmut und Proteste aus. Walter Bieri/Keystone

Im Beisein eines katholischen und von reformierten Kollegen verliest der Kapuziner Willi Anderau eine Erklärung über den Verzicht auf die vollständige Teilnahme am Abendmahl. Die Nachricht löste unter den Anwesenden Katholiken Unmut und Proteste aus. Walter Bieri/Keystone

Die Kapuzinerpater Willi Anderau und Josef Bruhin verzichteten auf die Interzelebration und nahmen am Abendmahl nur als Gäste teil. Als Grund führte Anderau den «grossen Gegendruck vonseiten der römisch-katholischen Kirche an».

«Ich bin hier im falschen Film», sprach der Mann und verliess die Kirche unter Protest. «Das ist feige», ruft einer nach vorn. «Ich kann keine halben Sachen machen», sagt eine Frau und steht ebenfalls auf. Im Anschluss erklärt eine andere den Tränen nahe: «Seit 40 Jahren sind mein Mann und ich verheiratet, katholisch und reformiert. Wir warten schon so lange darauf, dass endlich etwas passiert!» Aus den meisten Gesichtern war die Enttäuschung deutlich lesbar. Doch was war passiert?

Riesiger Medienrummel

Die ökumenische Tischgemeinschaft «Symbolon» wollte zum Mittsommerfest in der Kirche Gfenn bei Dübendorf eine ökumenische Eucharistiefeier abhalten. Mit Beteiligung römisch-katholischer, reformierter griechisch-orthodoxer Geistlicher – wie in den Jahren davor. Doch nachdem erst der «Tages-Anzeiger» und später reihum praktisch alle Medien darüber berichtet hatten, wurde die Angelegenheit zum Politikum. Der bischöflich Zürcher Generalvikar Josef Annen hatte sich deutlich vom Vorhaben distanziert, ebenso der reformierte Kirchenratspräsident Michel Müller. Und der Churer Bischof Vitus Huonder sah darin einmal mehr einen Beweis für den Ungehorsam seiner wenig geliebten Zürcher Schäfchen.

Doch die Gläubigen kamen in grosser Zahl. Rund 150 Menschen füllten die Kirche bis auf den letzten Platz. Selten war in einem Gotteshaus so viel Hoffnung zu spüren wie am vergangenen Samstagabend. Neben dem Organisator, dem ehemaligen Witiker Pfarrer Gerhard Traxel, waren der Grossmünster-Pfarrer Christoph Siegrist und der Blick-am-Abend-Kolumnist Pfarrer Roland Diethelm anwesend. Von katholischer Seite der Kapuzinerpater Willi Anderau und Josef Bruhin, der wie Papst Franziskus dem Jesuitenorden angehört. Ebenso beteiligt war ein Seelsorger der Lutheranerkirche. Mit anderen Worten: an Geistlichen herrschte kein Mangel, auch wenn der Vertreter der Orthodoxen von seiner Obrigkeit ein Teilnahmeverbot erhalten hatte.

Keine Interzelebration

Umso grösser war die Enttäuschung, als der Kapuzinerpater Willi Anderau, zu Beginn der Messe eine Erklärung verlas. Er und Bruhin würden auf die Interzelebration verzichten und am Abendmahl nur als Gäste teilnehmen. Als Grund führte Anderau den «grossen Gegendruck vonseiten der römisch-katholischen Kirche an». Zudem wolle man die diese Woche anstehenden Verhandlungen der Schweizer Bischöfe mit der Glaubenskongregation im Vatikan nicht torpedieren. Die Zelebrierung des Abendmahls hätte Bischof Huonder Munition gegen die Unterstützer der Pfarrei-Initiative in die Hand gegeben.

Viele der Gottesdienstbesucher sahen darin einen feigen Rückzieher und machten ihrem Unmut Luft. «Ich bin dieses Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten», sagte eine Frau, die den Saal verlassen hatte. «Jetzt hatte ich für kurze Zeit wieder Hoffnung, dass sich doch etwas verändert», sagte sie enttäuscht. Die Mehrheit entschied sich jedoch, zu bleiben und dem Abendmahl beizuwohnen.

Ein juristisches Detail

Der Unterschied zwischen dem was war und dem was nicht sein durfte, ist allerdings gering. Hätten die beiden katholischen Priester die Eröffnungsworte der Abendmahlzeremonie mitgesprochen, wäre der Skandal perfekt gewesen. «Dann wären wir auf dem Scheiterhaufen gelandet», bemerkte Willi Anderau ironisch. Doch die beiden schwiegen in jenem Moment, womit die Kirche im Dorf blieb. Wobei schon die Teilnahme als Gäste kirchenrechtlich als Regelverstoss gewertet werden kann. Gemäss römisch-katholischer Auffassung dürfen Katholiken nur dann an einem Abendmahl teilnehmen, wenn ein geweihter römisch-katholischer Priester die Zeremonie leitet.

Diese Spitzfindigkeiten, dieses Beharren auf strengen Paragrafen ist es denn auch, was die anwesenden Gläubigen auf die Palme bringt. Anderau musste auch nach dem Gottesdienst viele aufgebrachte Gemüter besänftigen. «Ich hatte kein gutes Gefühl dabei. In den letzten Tagen war es mir speiübel», sagte der Kapuziner und bat um Verständnis für die Programmänderung. Das erhielt er von den meisten, doch die Wut im Bauch der Gläubigen blieb, auch wenn sie sich nicht mehr gegen Anderau und Bruhin richtete.

Symbolon-Präsident Traxel nimmt diese Proteste in Kauf. Er geht seinen vor Jahren angetretenen Weg der Ökumene weiter: «Wir müssen ins Bewusstsein rufen, wofür der Name Jesus Christus steht: für eine Liebe, die grösser ist als Spaltung und Machtdenken», sagte er während des Gottesdienstes. Nicht er missbrauche das Abendmahl in unwürdige Weise, sondern jene, die andere ausgrenzten, womit er einen Seitenhieb in Richtung der offiziellen römisch-katholischen Doktrin platzierte.

Alles in allem hatte die Abendmahlfeier damit die Qualität einer Demonstration gegen die Sturheit der katholischen Kirchenführung: «Die da oben müssen aufpassen, dass die Tischdecke zwischen der Hierarchie und dem Volk nicht zerreisst», sagte ein Mann nach dem Gottesdienst wütend.

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