Erlenbach ZH
Gesichtet: Ausgebüxtes Äffchen Kelso lebt vielleicht doch noch

Im Schülerclub haben vier Mitarbeiterinnen eine unglaubliche Beobachtung gemacht: Ein Kapuzineräffchen soll sich ganz in der Nähe getummelt haben. Der Kurator des Zoos Zürich bezweifelt allerdings, dass es sich dabei um den vermissten Kelso handelt.

Regine Imholz
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Gelbbrustkapuzineraffe im Zoo Zürich

Gelbbrustkapuzineraffe im Zoo Zürich

Zoo Zürich, Enzo Franchini

Es ist kurz nach ein Uhr am Dienstagmittag. Zusammen mit drei Kolleginnen räumt Maria Grazia Petronelli die Küche des Schülerclubs in Erlenbach auf. Plötzlich hält eine der Frauen mitten in der Arbeit inne, starrt auf die nicht weit entfernte Bushaltestelle und zeigt aufgeregt auf eine kleine Mauer. «Da ist ja ein Affe», ruft sie ihren Kollegen zu. Ungläubig starren nun alle vier auf das Tier, das sich auf dem Mäuerchen tummelt. «Das ist Kelso», sagt Petronelli sofort. Und meint damit den kleinen Gelbbrustkapuzineraffen, der am 27. August aus dem Zürcher Zoo ausgebüxt war.

«Ich habe die Geschichte damals mitverfolgt und die Bilder gesehen», sagt Maria Grazia Petronelli. «Und das Tier, das wir gesehen haben, war mit Sicherheit ein Kapuzineraffe.» Sie alle seien völlig verblüfft gewesen - sie hätten nicht einmal daran gedacht, mit dem Handy ein Foto zu schiessen. Nach ein paar Augenblicken machte sich das Tier geschwind davon und verschwand auf dem verwilderten Grundstück, das hinter der Haltestelle Schulhaus liegt.

Kälte kaum überlebt

Der bald zweijährige Kelso ist etwa 25 Zentimeter gross und gut ein Kilo schwer. Abgehauen war er, nachdem er aus seinem Gehege in einen Graben gestürzt war. Nach seiner Flucht meldeten sich zwar mehrere Personen, die Kelso gesehen haben wollten - doch das Äffchen blieb unauffindbar. Als die Temperaturen unter null fielen, stellte der Zoo seine Suche nach Kelso ein. Da er auch in den kalten Tagen keinen Kontakt zu Menschen suchte, sei die Chance geschwunden, dass er noch lebe, teilte der Tierpark mit.

Nach der Beobachtung der vier Mitarbeiterinnen rief die Hortleiterin sofort im Zürcher Zoo an und informierte über die Affensichtung. Doch Kurator Robert Zingg ist skeptisch: «Von den klimatischen Bedingungen her wäre es für Kelso sehr schwierig, an Futter zu kommen», sagt er. Und ohne die Möglichkeit, sich zwischendurch aufzuwärmen, ha¬be er die Winterkälte wohl kaum überlebt. Aber aus der Biologie wisse er, dass man nie etwas für unmöglich halten solle.

Zoo unternimmt nichts

Kelso lebte im Zoo zwar zusammen mit seiner Familie, war es aber gewohnt, sein Essen von Menschen zu bekommen. Trotzdem: «Für ein so junges Tier wäre es eine reife Leistung, sich Futter und ein warmes Plätzchen zu besorgen», sagt Zingg. Und die Gegend sei so bevölkert, dass man Kelso schon vorher hätte sichten müssen. Von Seiten des Zoos wird man auf den Hinweis aus Erlenbach hin nichts unternehmen. Auf eine vage Beobachtung hin könne man keinen Aufwand betreiben, denn man werde keine Spuren des Äffchens finden.

Maria Grazia Petronelli ist sich ihrer Sache sicher: «Acht Augen können sich nicht irren.» Sie habe auch keineswegs den Eindruck, das Äffchen sei krank: «Es wirkte munter und beobachtete neugierig, was sich auf der Strasse so tat.» Sie habe zwei Seelen in der Brust, sagt sie. Einerseits fände sie es schön, wenn der Affe seine Freiheit geniessen könnte. Anderseits mache sie sich Sorgen, dass er verhungern oder erfrieren könnte. Die Möglichkeit, dass Kelso nicht mehr lebt, sei tatsächlich sehr hoch, sagt der Kurator, «aber wenn es anders wäre, würde ich mich riesig freuen».