Zürich
«Gesellschaftsschädlinge aller Art» sollten «korrigiert» werden

Gestern wurde ein Buch präsentiert mit Forschungsergebnissen zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im Kanton Zürich. Erschütterndes wird darin skizziert. Offen bleibt aber, wie viele Menschen betroffen waren.

Katrin Oller
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Im Hof zum Kellerloch in Ringwil richtete der Kanton 1881 eine Korrektionsanstalt für Knaben ab zwölf Jahren ein (Bild von 1914).

Im Hof zum Kellerloch in Ringwil richtete der Kanton 1881 eine Korrektionsanstalt für Knaben ab zwölf Jahren ein (Bild von 1914).

Schweizerisches Sozialarchiv

Der Kantonsrat war dagegen. Die Volksinitiative von 1873 verlangte Korrektionsanstalten für «arbeitsscheue und liederliche Personen». Um gegen die Massenarmut vorzugehen, seien Korrektionsanstalten nicht der richtige Weg, war der Tenor im Rat. Notwendig seien besserer Schulunterricht und die Behebung sozialer Missstände. Auch auf die Gefahr des Missbrauchs wurde hingewiesen.

Es kam anders. Das Stimmvolk sagte mit einer Differenz von nur 271 Stimmen Ja zur Initiative. Darauf folgten kantonale Verordnungen und Gesetze, die in leicht veränderten Form bis 1981 Gültigkeit hatten. Sie erlaubten es Behörden, Erwachsene und Kinder, die nicht den bürgerlichen Moralvorstellungen entsprachen, für lange Zeit zu «versenken», ohne dass sie je einer Straftat schuldig gesprochen worden wären. Dies steht im neuen Buch «Menschen korrigieren. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen im Kanton Zürich bis 1981», das gestern in Winterthur präsentiert wurde.

Vier Themen, neun Betroffene

Im Buch, wofür der Regierungsrat 2016 eine halbe Million Franken gesprochen hat, zeigen Wissenschaftler vier Themen auf, wozu der Kanton Zürich einen Forschungsbeitrag leisten konnte (siehe Nachgefragt unten rechts). Neben der Geschichte der gesetzlichen Grundlagen, wird die Anstaltslandschaft im Kanton skizziert, wie auch die finanzpolitischen und ökonomischen Dimensionen der Zwangsmassnahmen.

Im vierten Kapitel analysieren Medizinhistoriker die Patientenakten des Burghölzli und gehen den Versuchen mit noch nicht zugelassenen Medikamenten nach. Diese wurden nicht nur an Heimkindern oder Zwangsversorgten, sondern an allen Patienten und vor allem Patientinnen durchgeführt (siehe Zweittext).

Zwischen den wissenschaftlichen Ergebnissen stehen kurze Berichte von neun Betroffenen, die sich beim Staatsarchiv Zürich gemeldet haben. Die Frauen und Männer wurden fast alle als kleine Kinder verdingt, bei Pflegefamilien oder in Heimen fremdplatziert oder versorgt.
MarieLies Birchler aus Zürich kam 1951 mit eineinhalb Jahren nach Einsiedeln ins Heim, weil ihre Eltern «sehr jung und überfordert waren». Dort wurde sie als Bettnässerin mit dem Teppichklopfer geschlagen, in kaltes Wasser gedrückt und lernte, sie sei vom Teufel besessen.

Dafür wurde sie tagelang im Estrich isoliert. Sie lebte bis zur Volljährigkeit mit 20 entweder als Haushaltshilfe in einer Familie oder im Heim. Ihre Vergangenheit suchte sie als Erwachsene heim. «Beruflich wie privat konnte ich meine tiefsten Wünsche nicht umsetzen», schreibt die heute 68-Jährige.

Bei einer administrativen Versorgung wurden Menschen nicht wegen Vergehen bestraft, sondern, «um ihres Soseins willen», wie im Buch steht. Oft waren es auch die Eltern, die nicht den Moralvorstellungen entsprachen. Eine uneheliche Geburt, die Scheidung der Eltern oder der Tod des Vaters führten dazu, dass Kinder verdingt, fremdplatziert oder versorgt wurden.

Dies waren präventive Massnahmen zum Schutz der «Gesellschaft vor gefährlichen und unverbesserlichen Personen», wie es im Versorgungsgesetz von 1925 hiess. Ziel war die «Gesellschaftsschädlinge aller Art» wenn möglich zu korrigieren und sonst wegzusperren. Bei Kindern wurde die Fremdplatzierung in einer Familie vorgezogen – es war billiger. Viele kamen auch in private Erziehungsheime irgendwo in der Schweiz.

Die Kontrolle der privaten Anstalten war Ende des 19. Jahrhunderts minimal. Man wollte die «freiwillige Liebestätigkeit» nicht einschüchtern. In der Pfrundweid in Wetzikon etwa, die als private Heil-, Pflege- und Verwahrungsanstalt für Frauen gegründet worden war, wurden auch sogenannte gefallene Mädchen untergebracht.

Wegen massiver Missstände etwa im Umgang mit den Insassinnen, verbot der Regierungsrat 1905 die Aufnahme von «Geisteskranken», die einer speziellen Pflege bedurften. Dennoch wurden weiterhin «schwachsinnige» Personen aufgenommen.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden vor allem weibliche Jugendliche privat versorgt. Denn die damals vom Kanton für die administrative Verwahrung übernommenen Anstalten, der ehemalige Hof zum Kellerloch in Ringwil, die Armenanstalt im Kloster Kappel und die Anstalt in Uitikon waren nur für Männer gedacht.

Prügel an Zöglinge delegiert

Die Korrektionsabteilung in Kappel wurde 1970 geschlossen, Ringwil und Uitikon sind heute Gefängnisse – was sie allerdings schon als «Korrektionsanstalten» faktisch waren – jedoch ohne, dass die Erwachsenen und Jugendlichen gerichtlich verurteilt worden wären. Die Briefe und Pakete der «Zöglinge» wurden geöffnet, sie wurden mit Strafarbeit oder Isolationshaft mit «reduzierter Kost» bestraft.

Auch Prügelstrafen seien an der Tagesordnung und exzessiv gewesen. Nachdem diese durch die Aufsichtsbehörden verboten wurden, delegierte der Ringwiler Verwalter «den Vollzug den anderen Zöglingen, wobei er selbst den Exzessen oft beiwohnte».

«Zögling» der Arbeitserziehungsanstalt Uitikon beim Schmieden (1950er-Jahre).

«Zögling» der Arbeitserziehungsanstalt Uitikon beim Schmieden (1950er-Jahre).

Staatsarchiv des Kantons Zürich

W. W. aus Wädenswil kam 1955 als Fünfjähriger ins Waisenhaus Wädenswil. Er litt unter der Stigmatisierung der «Waisenhäusler», die bei Regen mit schwarzer Pelerine in die Schule mussten. «Ein grosser Teil der Lehrer hasste uns. Wahnsinnig, grausam, so gingen einige mit uns um.» Auch im Heim wurden die Kinder geschlagen oder mit Putzarbeiten bestraft. Obwohl sich seine Mutter beim Fürsorgeamt beklagt habe, sei nichts passiert.

Während die staatlichen Korrektionsanstalten relativ gut dokumentiert sind, war es für die Forscher schwierig, eine Übersicht über die Anstaltslandschaft im Kanton zu erhalten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es noch Sammelwerke zu den Kinder-, Jugend-, Armen- und Behindertenheimen sowie den Drogenentzugsanstalten, Altersheimen und Psychiatrischen Anstalten.

Zwischen 1949 und 2017 fehle aber ein Querschnitt über die gesamte Anstaltslandschaft, wie die Forscher schreiben, wegen des «skandalös mangelhaften Stands der Sozialstatistik in der Schweiz und im Kanton Zürich». Weder die Zahl der eingewiesenen, noch der untergebrachten Personen erschliesse sich aus den Daten. So lässt sich auch nicht eruieren, wie viele Personen im Kanton Zürich von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen betroffen waren.

Die Historiker wählten Heime sowie Betroffene und ihre «Heimkarrieren» aus, um anschauliche Beispiele zu geben. Das Landheim Brüttisellen etwa war eine private Knabenanstalt, 1874 gegründet vom Seidenindustriellen Caspar Appenzeller. Damit die Erziehung durch Arbeit und Gebet auch gelang, gründete Appenzeller in Brüttisellen eine Schuhproduktion. Diese übernahm sein Schwiegersohn, Pfarrer Walder. Zu Beginn des Unternehmens Walder Schuhe stand also auch Zwangsarbeit von administrativ Versorgten.

Ins Landheim Brüttisellen geschickt wurde auch M. B., der als uneheliches Kind bei Pflegeeltern aufgewachsen war. Sein Vormund machte sich Sorgen, weil er lange Haare hatte, Schlaghosen trug und aktiv in der Jugendszene verkehrte. Als er seine Lehrstelle verlor, wurde er für mindestens zwei Jahre ins Landheim eingewiesen. Dort flüchtete er dreimal, was ihn in die Arbeitserziehungsanstalt Uitikon brachte. Dort wurde er vom Bezirksrat zweieinhalb Jahre über die Volljährigkeit hinaus administrativ versorgt.

Armin Meier kam 1927 als uneheliches Kind in Zürich zur Welt und lebte neun Jahre lang in der Erziehungsanstalt Sonnenberg in Kriens. «Es fällt mir schwer, über die 3430 Tage Anstaltsleben zu berichten. Dieses Wissen nehme ich mit ins Grab.» Er musste am eigenen Leib erleben, wie der Heimvater ohne Aufsicht der Behörden schaltete und waltete. Er sei sträflich überfordert gewesen: «Er konnte kein guter Grossbauer und ein erstklassiger Pädagoge sein.»

Durch die administrative Versorgung waren die Betroffenen meist für ihr gesamtes Leben zur Armut verdammt. Denn die Kosten der Massnahmen gingen primär zulasten der Versorgten selbst. Konnten sie und ihre Familien nicht zahlen, mussten die Gemeinden übernehmen, die die Auslagen aber zurückforderten.

Wiedergutmachung

2010 und 2013 entschuldigte sich der Bundesrat bei Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen. Gesetze auf Bundesebene sehen eine Wiedergutmachung für Betroffene vor. Damit sie zum Beitrag von 25 000 Franken kommen, mussten sie bis Ende März 2018 beim Bund ein Gesuch einreichen und belegen, dass sie Opfer wurden.

Schweizweit haben 9018 Betroffene ein Gesuch eingereicht. Aus dem Kanton Zürich sind dies etwas mehr als 1000 Personen, wie diese Zeitung im Sommer schrieb. Die Wiedergutmachung soll 2020 abgeschlossen sein. (kme)

Nicht in die Sek oder ins Gymi

Durften die Jugendlichen eine Lehre absolvieren – in welchem Bereich konnten sie nicht mitentscheiden –, wurde der Lohn oft zur Deckung der Kosten gebraucht. Der soziale Aufstieg der Jugendlichen, deren Eltern meist Arbeiter waren, verhinderte auch die Tatsache, dass ihnen der Zugang zu Sekundarschule oder gar Gymnasium verwehrt blieb.

S. S. aus Zürich wurde von einem «freundlichen Herrn mit noblem Auto» zu einer kleinen Spazierfahrt von ihren Eltern abgeholt – so gelangten sie und ihre Geschwister ins Kinderheim Weidhalde in Saland. Erst allmählich begriff sie, dass eine Rückkehr nicht vorgesehen war.

«Ich suchte meine Puppe», schreibt S. Voller Angst fragte sie die Heimmutter, «wo wohl meine Puppe sei... ‹Verbrännt!›, war die barsche Antwort, dann, mit einem Lachen, das mich erschreckte, ‹...isch z’dräckig gsy!›»

1981 wurden die Gesetze für die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen abgeschafft, primär durch Anstösse von aussen etwa internationale Konventionen und Abkommen. Dennoch bleibt die Möglichkeit eines fürsorgerischen Freiheitsentzugs bis heute im Gesetz: Seit 2013 heisst die Massnahme fürsorgerische Unterbringung (FU) und kann von den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) angeordnet werden.

Bei psychisch Kranken muss ein Arzt beigezogen werden. Aktuell seien im Kanton Zürich rund 3300 fürsorgerische Unterbringung pro Jahr zu verzeichnen, schreiben die Historiker. Das seien im nationalen wie internationalen Vergleich beispiellos viele Fälle: «Die Praxis aussergerichtlicher Zwangsmassnahmen – wenn auch mit anderer Motivation – lebt bis heute fort.»

Beat Gnädinger, Staatsarchivar des Kantons Zürich, und Mitherausgeber des Buches sieht in der FU kein Überbleibsel, sondern eine Weiterentwicklung: Bei den Kesb stehen heute das Kindswohl respektive das Erwachsenenwohl im Zentrum. Früher habe man die Gesellschaft mit administrativen Zwangsmassnahmen vor liederlichen Elementen schützen und die Betroffenen «bessern» wollen.

«Heute will man die Kinder und Erwachsenen vor Willkür schützen», sagt Gnädinger. Die Missbrauchsgefahr sei viel tiefer, aber die Verantwortung der Behörden bleibe riesig.

Medikamentenversuche waren «Routine»

Seit 2002 weiss man, dass in der Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) Burghölzli, aber auch in Rheinau, nicht registrierte Medikamente an Patientinnen und Patienten getestet wurden. Im Rahmen der vom Kanton finanzierten Forschungsprojekte zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wurden die Akten des Burghölzli aus den Jahren 1950 bis 1980 erstmals analysiert.

Der Verdacht, dass Bevormundete oder Heimkinder besonders häufig in der Medikamentenforschung einbezogen wurden, hat sich nicht bestätigt. Vielmehr mussten Psychiatriepatienten zu dieser Zeit grundsätzlich als vulnerable Personen betrachtet werden, da deren Autonomie stark eingeschränkt wurde.

Kaum jemand war freiwillig im Burghölzli, viele wurden auch unter Zwang behandelt – sowohl mit Medikamenten als auch mit Insulin- oder Elektroschocktherapien.

Die Medizinhistoriker schätzen, dass 1250 bis 1500 Patientinnen und Patienten mit mindestens 55 Psychopharmaka behandelt wurden, die noch nicht für die Marktzulassung registriert waren. Viele Medikamente wurden danach zugelassen, manche gelangten aber nie über das Versuchsstadium hinaus. Sie sind in den Akten nur unter ihrem Industriekürzel mit einer Nummer statt einem Namen vermerkt.

Oft liessen die Ärzte Patienten viele verschiedene Antidepressiva oder Neuroleptika ausprobieren – zugelassene wie auch Versuchssubstanzen.

Obwohl 1970 eine Forschungsabteilung gegründet wurde, gab es keine Regulierung der Versuche in der PUK. «Die Psychiater brachen zwar Versuchsreihen ab, wenn akute Gesundheitsschäden drohten oder eingetreten waren. Zugleich nahmen sie einschneidende Nebenwirkungen in Kauf», schreiben die Forscher. Dazu gehörten Sehstörungen, parkinsonähnliche Symptome, Gesichtsrötungen, Unruhe, Angst- und Hitzegefühle.

Keine Zustimmung nötig

Über die Versuche informiert wurden die Patienten kaum. Bei körperliche Kuren wie Elektroschocks beharrte die Klinik auf der schriftlichen Zustimmung der Patienten oder der Angehörigen.

Bei Medikamenten bestanden geringere Anforderungen, egal ob Standard- oder Versuchspräparat. Denn die Behandlung mit Medikamenten galt als vergleichsweise «risikoarme Routinetherapie».

Die von den Forschern betrachteten Zahlen zeigen, dass Frauen deutlich häufiger von den Medikamentenversuchen betroffen waren als Männer. Das spiegelt die Klinikpopulation wieder, denn Diagnosen wie Schizophrenie und Depression wurden Frauen häufiger gestellt. Aggressives Verhalten oder übermässiger Alkoholkonsum sei bei Frauen rascher pathologisiert worden.

Beat Gnädinger, Staatsarchivar

Beat Gnädinger, Staatsarchivar

Staatsarchiv des Kantons Zürich

Die genauen Gründe blieben aber fraglich, schreiben die Historiker. So müsse die Untersuchung nicht nur der Geschlechterfrage, sondern allgemein ausgeweitet werden sowohl auf die Poliklinik, die Klinik Rheinau und die Kinder- und Jugendpsychiatrie, wie auch auf Heime für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen.

«Das Buch ist ein Auftakt»

Herr Gnädinger, warum haben Sie sich für das Buch auf die vier Themenbereiche beschränkt?

Beat Gnädinger: Wir haben uns auf wichtige Fragen im Zusammenhang mit fürsorgerischen Zwangsmassnahmen konzentriert, die noch nicht gut untersucht sind und zu denen Zürcher Quellen vorhanden sind.

Abgesehen von der rechtlichen Situation rücken die Zwangsversorgten eher in den Hintergrund. Liegt das an den Quellen?

Eher an der Forschungssituation. Es gibt für viele Spezialthemen noch keine Basisuntersuchungen für Zürich. Da leisten wir einen ersten Beitrag. Es sind abstrakte Aufsätze. Wir versuchen aber mit Fallbeispielen und vor allem den Texten der Betroffenen, auch deren Perspektive zu zeigen.

Erwarten würde man Themen wie Zwangssterilisation, Missbrauch in Anstalten oder Platzierung von Kindern in Pflegefamilien oder bei Bauern. Das kommt im Buch nicht vor.

Wir mussten uns entscheiden. Zu privaten Platzierungen gibt es oft kaum Quellen. Manchmal wurden Kinder per Handschlag fremdplatziert. Und Gewalt in Heimen wurde auch nicht protokolliert. Leider konnten wir nicht umfassend untersuchen, wie die Behörden ihre Aufsichtspflicht wahrgenommen haben.

Eine Erkenntnis ist aber, dass der Staat oft nicht hin-, vielleicht sogar weggeschaut hat. Da braucht es weitere Forschungen. Das Buch ist in diesem Sinn erst ein Auftakt für den Kanton Zürich.

Gibt es weitere Forschungsbestrebungen?

Wir bezeichnen im Buch verschiedene Forschungslücken. Hoffentlich setzen nun weitere Projekte ein. Die Schweiz hat in diesem Bereich in den letzten fünf Jahren viel geleistet, nachdem lange nichts passiert ist. Das heisst aber nicht, dass man in Zürich die Hände in den Schoss legen soll.

Wie steht es mit den Zürcher Gesuchen für Wiedergutmachung?

Schweizweit sind über 9000 Gesuche eingegangen. Das Staatsarchiv Zürich hat rund 900 Menschen bei der Aktensuche unterstützt. Das ist jetzt weitgehen abgeschlossen. Es wäre für die Betroffenen eine Zumutung gewesen, wenn sie die Akten selbst hätten suchen müssen. Uns gelang es meist, eine Spur aufzunehmen und die Unterlagen zusammenzutragen.

Waren alle Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen auch Opfer?

Nein, wenn zum Beispiel der Vater gesoffen hat und die Mutter krank war, konnte eine Fremdplatzierung eine Verbesserung sein. Vorausgesetzt, die Verantwortlichen verhielten sich fürsorglich und anständig.

Die meisten Verantwortlichen glaubten aber, den Kindern eine Charaktereigenschaft austreiben zu müssen. Da kommt die Gesellschaft ins Spiel. Alle wussten, dass die Behörden ohne Gerichtsbeschluss jemanden lange versorgen konnten wegen liederlichem Lebenswandel oder weil ein uneheliches Kind unterwegs war. Hätte die Gesellschaft das System nicht getragen, hätte es sich nicht so lange halten können.