Stadion

Gescheiterte Kolosse: Die Geschichte der Zürcher Fussballstadien

Die achteckige «sportliche Grosskampfanlage» für 60 000 Zuschauer wurde 1953 vom Stimmvolk abgelehnt.

Die achteckige «sportliche Grosskampfanlage» für 60 000 Zuschauer wurde 1953 vom Stimmvolk abgelehnt.

In Zürich bahnt sich eine leidenschaftliche Debatte über Sinn und Unsinn der neuen Fussballarena an. Auch deshalb, weil die Klubs ihre Stadien heute nicht mehr in Fronarbeit selber errichten, wie sie es früher taten.

Die Stadt Zürich läuft sich warm für die Abstimmung über den umstrittenen Bau eines neuen Fussballstadions, der insgesamt 216 Millionen Franken kosten würde. Noch bevor am Dienstag mit den Grünen, der FDP und der CVP drei Parteien ihre Parole fassen, deren Haltung ungewiss ist, gehen gleich zwei Ausstellungen auf, die sich des Themas auf ganz unterschiedliche Weise annehmen.

Die eine ist eine Werbeveranstaltung des Zürcher Hochbaudepartements, mit Modellen und Visualisierungen des Neubaus (siehe Nachrichten Seite 50). Die andere erzählt eine Bildergeschichte mit offenem Ausgang, ambivalent, ohne Kommentar, sodass sich jeder seinen eigenen Reim auf die Geschichte machen kann. Kein Wunder, findet sie doch im FCZ-Museum statt, in einem Umfeld also, in dem man dem neuen Stadion mit gemischten Gefühlen entgegenblickt. Der Grund: Es würde für den Fussballverein auch den Auszug aus dem Letzigrund und aus dem Quartier bedeuten, nach fast einem Jahrhundert.

Museumsleiter Saro Pepe hat sich durch diverse Bildarchive gewühlt, auf der Suche nach den «Utopien und Wirklichkeiten» der 120-jährigen Zürcher Stadiongeschichte. Er hat dort Schätze gehoben, die für die Generation Google bislang nicht greifbar waren. Wenn Pepe die Motive der Fotografien und Zeichnungen erläutert, die er ausstellt, eröffnen sich überraschende Blickwinkel auf die aktuelle Stadiondebatte. Der Laie erfährt dabei etwa, …

> . . . dass es nicht das erste Mal wäre, dass sich die beiden Spitzenklubs FCZ und GC ein gemeinsames Stadion teilen würden. Vor über hundert Jahren war das schon einmal der Fall. Das damalige Stadion war aber alles andere als ein Kessel mit steilen Zuschauerrängen nah am Rasen, wie ihn sich die Fans heute wünschen, sondern eine offene Velorennbahn mit einem wüsten Bolzplatz in der Mitte. Ob dort auch schon über eine schlechte Akustik und mangelnde Stimmung geklagt wurde, ist nicht überliefert.

> ... dass es nicht das erste Mal wäre, dass in der Stadt innert weniger Jahre gleich zwei grosse Stadien aus dem Boden gestampft würden. Das geschah in den Zwanzigerjahren schon einmal, als die ersten Vorläufer von Letzigrund- und Hardturmstadion entstanden.

> ... dass die beiden Klubs damals ihre Stadien anders als heute auf eigene Kosten errichten mussten, ohne jede öffentliche Unterstützung. Während das für die grossbürgerlich alimentierten Grasshoppers eine Selbstverständlichkeit war, gelang es dem FCZ nur, weil seine Klubmitglieder auf der Baustelle Fronarbeit leisteten – eine heute kaum mehr denkbare Lösung. Trotz allem geriet der Klub übrigens wenige Jahre später in finanzielle Nöte und musste den Letzigrund gratis an die Stadt abtreten. Das Modell, bei dem der Klub nur Mieter im Stadion ist, rührt aus jener Zeit.

> ... dass die Stadien ursprünglich ausserhalb der Stadt lagen, umgeben von Kiesgruben, wo sie niemanden störten. Die Häuser mit Anwohnern, die sich dereinst über Lärm, Mehrverkehr, Schattenwurf und dergleichen beklagen sollten, folgten erst, als die Stadt sich ausdehnte.

> ... dass der rituelle Drohgesang der FCZ-Fans, irgendwann den Hardturm anzuzünden, weniger abwegig ist, als er angesichts der robusten Stadionbauten der Gegenwart vielleicht tönt. Der Hardturm brannte tatsächlich schon zweimal nieder (zuletzt 1968), und auch den Letzigrund erwischte es schon einmal. Möglich war dies nur, weil die Baukosten seit den Anfängen ein Faktor waren und man lange auf günstige Tribünen aus Holz setzte.

> ... dass der FCZ schon einmal von sich aus den Umzug in den Hardturm ankündigte, und zwar per Lautsprecherdurchsage während eines Spiels. Er tat dies, weil das Stadion des Klassenfeindes mehr Platz bot als der Letzigrund, dessen 25 000 Plätze in den goldenen Sechzigerjahren bisweilen nicht ausreichten. Die Stadt pfiff den Verein damals aber zurück, weil sie eigens für den FCZ gerade erst in den Letzigrund investiert hatte.

> ... dass die heute teuer erkaufte Stadionsicherheit in den Achtzigerjahren noch in den Kinderschuhen steckte. Die Fanblöcke waren baulich nicht voneinander getrennt und gerieten an der Demarkationslinie regelmässig aneinander. Dabei flogen zwar keine Pyros, wohl aber Flaschen. In den Siebzigerjahren konnten Fans sogar noch unbehelligt ganze Leitern ins Stadion tragen, um daran ihre Fahnen aufzuhängen – angesichts heutiger Sicherheitskontrollen am Eingang undenkbar. Und noch früher stand nicht viel mehr als ein Lattenzaun rund ums Stadion.

> ... dass die ambitioniertesten Würfe im Zürcher Stadionbau meist scheiterten. In den Dreissigerjahren fabulierten die Behörden im Jargon der Zeit von einem «Gross-Stadion» für «Gross-Zürich». Ergebnislos. In den Fünfzigerjahren versenkten die Stimmbürger dann ein achteckiges Stadion für 60 000 Zuschauer, eine «sportliche Grosskampfanlage» für die Weltmeisterschaft 1954. In den Siebzigerjahren versandete ein Olympiastadion für 100 000 Zuschauer am Hang des Üetlibergs. Und vor vier Jahren schliesslich scheiterte das Hardturm-Fünfeck der Credit Suisse am Widerstand der Quartierbewohner.

Ob das von Form und Fassungsvermögen her deutlich bescheidenere neue Stadionprojekt fürs Hardturm-Areal dereinst in dieser Ahnenreihe nie realisierter Utopien auftaucht oder ob es Wirklichkeit wird, wird am 22. September an der Urne entschieden.

Ausstellung «Zürcher Stadien. Utopien und Wirklichkeiten 1893 bis 2013» FCZ-Museum, Letzigraben 89. Mittwoch bis Samstag, 14–17 Uhr.

Ausstellung «Neubau Stadion Zürich» Amtshaus IV, Lindenhofstrasse 19, Zürich. Wochentags 7–17.45 Uhr.

Meistgesehen

Artboard 1