Zürich
Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbands: «Landwirte können Biodiversität nicht allein retten»

Der Zürcher Bauernverband wehrt sich gegen Kritik: Am Insektensterben sei auch die Lichtverschmutzung schuld.

Michel Wenzler
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Landwirtschaft und Ökologie müssen sich nicht gegenseitig ausschliessen.

Landwirtschaft und Ökologie müssen sich nicht gegenseitig ausschliessen.

Themenbild: Keystone

Die Schlagzeilen der vergangenen Monate haben vielen Zürcher Bauern zu schaffen gemacht. Zu hohe Rückstände des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil im Grundwasser, ein erhöhtes Krebsrisiko im landwirtschaftlich geprägten Zürcher Weinland – viele Bauern fühlen sich zu Unrecht angeprangert.

Dabei habe die Landwirtschaft in den vergangenen Jahren viel punkto Ökologie erreicht, lautet ein Fazit, das der Zürcher Bauernverband (ZBV) am Mittwoch an einer Medienkonferenz zog. An dieser zeigte er, welche Bemühungen die Bauern in den vergangen Jahrzehnten bezüglich Biodiversität unternommen haben.

Die Landwirtschaft reagiere auf gesellschaftliche Entwicklungen, sagte der scheidende ZBV-Präsident Hans Frei. «Wenn man sagt, die Landwirtschaft habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt, ist das falsch. Die Landwirtschaft bewegt sich.»

Weniger düngen für mehr Artenvielfalt

So sind im Kanton Zürich 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche sogenannte Biodiversitätsförderflächen. Darunter fallen zum Beispiel Wiesen, die wenig intensiv bewirtschaftet werden. Unter anderem wird weniger Düngemittel verwendet. Dadurch kommen auf ihnen mehr und auch seltene Arten vor, etwa bestimmte Gräser oder Insekten, Spinnen und Amphibien. Fast 11'000 Hektaren solche Flächen gibt es im Kanton Zürich, das ist vergleichbar mit 15'000 Fussballfeldern.

Ist das viel? Ist das wenig? Könnte die Landwirtschaft mehr für Biodiversität tun? Das ist letztlich Ermessenssache. Der ZBV selbst findet das Erreichte beachtlich. Er räumt aber ein: Ja, die Landwirtschaft könnte noch mehr tun.

Nur etwas findet der Verband ungerecht – wenn für Umweltschutz und Biodiversität nur die Bauern in die Pflicht genommen würden. «Wir alle tragen eine Mitverantwortung», sagte ZBV-Geschäftsführer Ferdi Hodel. Er verwies etwa auf die Lichtverschmutzung, die auch zum Insektensterben beigetragen haben dürfte. «Darüber spricht man aber nicht – man bezieht solche Veränderungen meist auf die Landwirtschaft.» Eine solche isolierte Betrachtung bringe aber nichts, denn: «Auch Pestizide aus dem Baugewerbe und von Privaten landen in unseren Böden. Die Landwirtschaft kann die Biodiversität nicht alleine retten.»

Der Landwirt als Biodiversitätsmanager

Der Verband will erreichen, dass die Bauern künftig häufiger selbst entscheiden können, wie sie die ihnen auferlegten ökologischen Ziele erreichen – ohne dass sie konkrete Massnahmen von oben herab diktiert bekommen. Aus Sicht von SVP-Nationalrat Martin Haab, der das Präsidium von Frei übernimmt, ist es wenig sinnvoll, die Biodiversitätsförderflächen pauschal zu erhöhen. Vielmehr solle man schauen, dass die bisherigen Flächen wirklich auch ökologisch wertvoll seien.

Viel verspricht sich Haab von einem Pilotprojekt, das der Kanton Zürich zusammen mit dem ZBV und weiteren Organisationen vor wenigen Wochen lanciert hat und bis 2027 dauert. Dank diesem sollen Bauern, die daran teilnehmen, mehr Freiheiten erhalten. Ein Landwirt soll ein Biodiversitätsmanagement aufzuziehen, das individuell auf seinen Betrieb angepasst ist – statt dass er wie alle Landwirte dieselben starren Auflagen übergestülpt bekommt.