Von 18 bis 22 Uhr können heute Abend zwölf Wohnobjekte ausserhalb der üblichen Arbeitszeiten besichtigt werden. Das Immobilienportal Homegate spricht in einer Medienmitteilung von «stressfreier Besichtigung ohne Gedränge und Zeitdruck». Auch die Anreise kann ohne Stress erfolgen – sie ist gemütlich sitzend im Zug möglich. Und dies erst noch gratis.

Denn: «Der ZVV offeriert Gratis-Tickets.» In den Besitz dieser Tickets gelangt man einfach über ein paar Mausklicks. Auf der Internetseite der «zweiten langen Nacht der Wohnungsbesichtigungen» lässt sich ein PDF-Dokument öffnen und ausdrucken. Darauf enthalten ist auch ein Billett des Zürcher Verkehrsverbundes ZVV.

Von 9 bis Betriebsschluss gültig

Doch es ist nicht nur für die Wohnungsbesichtigungen am Abend gültig: Obwohl der Titel der Veranstaltung aufgedruckt ist, handelt es sich um einen 9-Uhr-Pass (gültig von heute 9 Uhr bis Betriebsschluss, alle Zonen, zweite Klasse). Dies bestätigt die ZVV-Pressestelle. Das zuhause über das Internet auszudruckende Gratis-Ticket lässt sich heute also theoretisch auch unabhängig von den Wohnungsbesichtigungen für andere Fahrten nutzen.

Von einem massenhaften Missbrauch geht der ZVV nicht aus – zumal das Angebot auch limitiert ist. Auf der offiziellen Internetseite wurde gestern Nachmittag nach der Anfrage durch diese Zeitung der Hinweis «Ticket des ZVV ausdrucken» mit einem Klammerzusatz ergänzt: «kostenloses Kontingent von 500 Tickets». Dass dieses Kontingent früher nicht klar ausgewiesen worden sei, sei ein Fehler gewesen, heisst es bei der ZVV-Pressestelle. Das Angebot werde vom Netz genommen, sobald das Kontingent ausgeschöpft sei, wie dies von Anfang an geplant gewesen sei.

Vorerst lässt sich aber noch ein Gratis-Ticket für heute anklicken und ausdrucken (fraglich ist auch, wie 500 Ausdrucke auf privaten Printern registriert werden). Und schlaue Schnäppchenjäger dürften sich das PDF bereits auf ihren Rechner heruntergeladen haben – sie könnten das Gratis-Ticket, da sie es bereits besitzen, dann in unbeschränkter Zahl ausdrucken und verteilen.

Den öffentlichen Verkehr pushen

Wie kommt es überhaupt dazu, dass der ZVV für den kommerziellen Anlass einer Firma «Gratis-Tickets offeriert»? Das sei kein einseitiges Geschäft, erklärt Pressesprecher Thomas Kellenberger. «Das ist ein Bestandteil einer Kooperation zwischen dem Immobilienportal und dem Zürcher Verkehrsverbund.»

Der ZVV sei im Gegenzug auf den Homegate-Internetseiten mit Wohnungsinseraten präsent, um den öffentlichen Verkehr zu pushen – dort, wo das Reisebedürfnis entstehe. Das sei Teil der bestehenden ZVV-Strategie. «Wohnungssuchende sehen gleich auf einen Blick, wie nahe unsere Haltestellen und Bahnhöfe bei ihrem möglichen neuen Zuhause liegen.» Bei einem späteren Umzug könnten sie, so die Hoffnung, dann auf das ZVV-Angebot umsteigen.

Sollte nun eines der 500 Tickets, die für Wohnungsbesichtigungen geplant waren, für einen Kinobesuch in Zürich oder einen Ausflug ins Weinland genutzt werden, stuft dies der ZVV nicht als gravierend ein: «Unsere Kunden sind grundsätzlich ehrlich, und viele besitzen bereits ein Abo. Sollte aber dennoch ein Billett anders verwendet werden, dann haben wir wohl einen zufriedenen neuen Kunden gewonnen, der spätestens ab morgen unsere Tickets kaufen wird.»