Zudem arbeitet die 41-Jährige derzeit am Neustart des Literaturmuseums Strauhof mit, der im kommenden September erfolgen soll – und damit an einem Thema, das wie kaum ein anderes in den letzten Jahren für kulturpolitischen Wirbel in der Limmatstadt sorgte.

Zur Erinnerung: Ursprünglich wollte der Zürcher Stadtrat das kleine, aber weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Museum Strauhof schliessen. Ein Literaturlabor für Jugendliche – abgekürzt: Jull – sollte stattdessen in das Haus am Strauhof in der Altstadt ziehen.

Namhafte Vertreter der Kulturszene protestierten. Ihr Protest fand Nachhall auch im Feuilleton grosser deutscher Zeitungen. In der Folge krempelte der Stadtrat seine Pläne um: Das Jull wird nun andernorts realisiert, und für das Literaturmuseum Strauhof suchte der Stadtrat eine neue Trägerschaft.

Mehrere Interessenten reichten Projekte ein. Den Zuschlag erhielt vergangenen Dezember jenes, das Gesa Schneider konzipiert hatte. Wer ist die Frau, die nun den Literaturbetrieb in Zürich prägt? Und: In welche Richtung gehen ihre Pläne?

Schneiders Werdegang ist vom Kontakt mit verschiedenen Kulturen geprägt: Geboren in Bonn, zog sie mit ihrer Familie im Alter von drei Jahren nach Brasilien. Ein Jahr später kehrten sie nach Deutschland zurück, genauer: nach West-Berlin. «Berlin in den 70er- und 80er-Jahren war speziell, mit der Maurer», erinnert sie sich. «Wir lebten unter dem Damoklesschwert des Kalten Krieges. Aber als Kinder hatten wir viele Freiheiten.»

Von West-Berlin gings weiter in die Welschschweiz: zunächst nach Neuenburg, wo sie als Zehnjährige Französisch lernte; dann nach Lausanne, wo sie zu studieren begann. Germanistik, Romanistik, Philosophie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sollten ihre Studienfächer werden – eine Kombination, die ihrer weltoffenen Grundhaltung entspricht.

Seit ihrem 25. Lebensjahr lebt Schneider nun in Zürich. Beim Interview im Rathaus-Café sagt die inzwischen Eingebürgerte den bemerkenswerten Satz: «Zur Ausländerin bin ich erst in Zürich geworden.»

Da war zum einen der Dialekt, der sie zur Fremden machte. Zum anderen nahm sie bisweilen eine Mischung aus Sattheit und Unzufriedenheit, manchmal Selbstgenügsamkeit wahr.

«Es gibt hier nicht grosse kulturelle Neugier, sich auf Feldern zu bewegen, wo man nicht zu Hause ist», sagt Schneider, während sie ihre Teetasse fest mit beiden Händen umschliesst – und sinniert: «Darf man das sagen? In Berlin wäre das kein Problem, da motzen alle über ihre Stadt.»

Mehr Literaturhaus-Besucher

Man darf. Besonders wenn man, wie Schneider, die Fähigkeit hat, kulturelle Neugier zu wecken: Die Besucherzahl bei Veranstaltungen des Literaturhauses stieg unter ihrer Leitung im letzten Jahr von 8000 auf 11 000 an. «Das Interesse an Lesungen in Zürich ist enorm», stellt Schneider fest.

Mit ihrem Programm im Literaturhaus öffnet sie das Spektrum herkömmlicher Lesungen und sucht die Zusammenarbeit mit anderen Kulturhäusern wie dem Theater Neumarkt, dem jungen Schauspielhaus, dem Kaufleuten und der Tonhalle, um nur die bekanntesten zu nennen.

«So wird es spannend, nicht nur für Leute, die lesen», sagt Schneider. Schwellenängste mit neuen Formaten abzubauen, ist bei ihr Programm. Gleichzeitig ist es ihr ein wichtiges Anliegen, das vorwiegend ältere Stammpublikum zu halten.

Während im Literaturhaus Lesungen das Kerngeschäft bleiben, werden es im Literaturmuseum Ausstellungen sein. Das Konzept für den Strauhof sieht auch Kooperationen mit anderen Institutionen vor, ausgehend von einem offenen Literaturverständnis, ohne Angst vor Mischformen und neuen Medien. Allzu viel mag Schneider darüber noch nicht verraten, vieles sei noch in der Schwebe.

Ursprüngliche Idee verworfen

Doch das angedachte Strauhof-Programm, das sie im Dezember an einer Medienkonferenz skizzierte, zeigt: Es geht in viele Richtungen. Auf eine Science-Fiction-Ausstellung soll unter dem Arbeitstitel «Auf der Couch» etwas zum Thema Psychoanalyse folgen, später mit «Der Zauberberg» eine klassische Literaturausstellung; dann etwas über Comics, sodann unter dem Titel «RebellInnen!» eine Ausstellung für Kinder; ferner ist eine Ausstellung von Manuskripten jüdischer Gelehrter angedacht.

Die ursprüngliche Idee einer Eröffnungsausstellung über Tomi Ungerer in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich musste Schneider inzwischen verwerfen. Doch sie ist zuversichtlich, dass sich eine attraktive Alternative finden lässt.

«Wir können noch viel zusammen machen», lautet der Titel eines Kinderbuchs von Friedrich Karl Wächter, das Schneider als für sie prägend bezeichnet. Sie fügt an: «Literatur öffnet Türen. Wenn man den Teil der Fantasie vernachlässigt, ist das Leben grauer.» So grau wie Zürich an einem Hochnebeltag.