Zürich

Gentech-Mais: Zürcher Forscher experimentieren mit genetisch veränderten Pflanzen

Noch ist der Gentech-Mais, zu dem Teresa Koller forscht, jung.

Noch ist der Gentech-Mais, zu dem Teresa Koller forscht, jung.

Vor den Toren der Stadt experimentieren Zürcher Forscher auf einem gut abgeriegelten Feld mit genetisch veränderten Pflanzen. In der Bevölkerung löst dies teils Unbehagen aus – obwohl die Projekte zu mehr Ökologie führen könnten.

Der Name klingt geheimnisvoll: Protected Site. Doch auf dem Feld vor den Toren Zürichs geht nichts Geheimes vor sich, das man vor neugierigen Blicken schützen müsste. Es ist zwar eingezäunt und bewacht, aber von überall her einsehbar – versteckt wird hier nichts.

Der Zaun ist vielmehr da, um militante Gentech-Kritiker wie jene, die vor zwölf Jahren eines der Versuchsfelder der Forschungsanstalt Agroscope stürmten, draussen zu halten. Deshalb wurden hier am Standort Reckenholz in Zürich Affoltern mehrere Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die aus taktischen Gründen nicht fotografiert und auch nicht im Detail beschrieben werden sollen.

Interessanter ist aber ohnehin, was sich innerhalb des Zauns befindet: verschiedene Pflanzenkulturen – Apfelbäume, Weizen, Gerste und Mais. Zwar sehen sie nicht anders aus als jene, die man in der freien Natur antrifft. Aber sie sind gentechnisch verändert worden und wachsen unter freiem Himmel.

«Überhaupt kein Risiko für die Umwelt»

Erlaubt ist dies nur zu Forschungszwecken, da in der Schweiz noch bis nächstes Jahr ein Moratorium für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft gilt. Die Forscher müssen ein Gesuch stellen, und es gelten strenge Auflagen.

Vor einigen Monaten hat der Bund die Bewilligung für ein Projekt mit gentechnisch verändertem Mais erteilt. Es ist nach zwei Feldversuchen mit Weizen und je einem mit Kartoffeln, ­Äpfeln und Gerste das sechste auf der Protected Site – einer europaweit fast einzigartigen Anlage. Eine vergleichbare findet sich lediglich in England.

Der Mais, der hier zurzeit wächst, ist noch jung, erst wenige Zentimeter hoch. «Und überhaupt kein Risiko für die Umwelt», betont Teresa Koller. Sie arbeitet am Institut für Pflanzen- und Mikrobiologie der Universität Zürich und leitet das Projekt, das auf dem Gelände der Agroscope durchgeführt wird. «Wer Gentech hört, denkt oft an irgendwelches Super-­Gemüse, das herangezüchtet wird», sagt die Forscherin. «Das hat aber nichts mit dem zu tun, was wir machen.»

Gentechnik hat einen grossen Vorteil

Koller interessiert sich vielmehr für das Immunsystem von Pflanzen. «Wir wollen wissen, wie gut sich eine Pflanze gegen krankheitserregende Mikroorganismen wehren kann.» Die Forscher haben deshalb ein Resistenzgen gesucht, das vor Pilzkrankheiten wie Mehltau und Rost schützt. Bei einigen Weizensorten sind sie fündig geworden. Deren Resistenzgen haben sie den Maispflanzen eingebaut. Im Labor und im Gewächshaus waren die Resultate der veränderten Pflanzen positiv. Nun wird getestet, ob es sich auf dem Feld mit natürlichen Bedingungen ebenso verhält. «Ein Reality Check», sagt Koller.

Eine unveränderte Pflanze ist vom Mehltau befallen.

Eine unveränderte Pflanze ist vom Mehltau befallen.

Für Roland Peter, er ist bei der Agroscope für den Forschungsbereich Pflanzenzüchtung sowie für die Protected Site zuständig, hat Gentechnik einen grossen Vorteil. «Mittels Genom Editing können wir bei einer Pflanze punktuell eingreifen und ganz gezielt etwas ändern.»

Im Idealfall könnten so ­dereinst pilzresistente Pflanzen für die Landwirtschaft heran­gezüchtet werden, was weniger Chemieeinsatz zur Folge hätte und umweltschonender wäre. «Ökologie und Gentechnik sind also keine Gegensätze», sagt Teresa Koller. Und Gentechnik sei weder Wunderwaffe noch des Teufels – sondern eines von vielen Verfahren, das einen Beitrag zu gesunden Pflanzen leisten könne.

Logische Fortsetzung der Zucht

Für die Wissenschaftlerin ist Gentechnik die logische Fortsetzung der Zucht, welche Pflanzen über die Jahrhunderte ohnehin schon verändert hat. So hat der wilde Vorfahre des Maises, dessen Kolben lediglich einige Zentimeter lang sind und wenige Körner enthalten, äusserlich nicht viel zu tun mit der heutigen Maispflanze, die im wahrsten Sinne des Wortes hochgezüchtet worden ist.

Was das Resistenzgen bei den Maispflanzen bewirkt, ist auf der Protected Site noch nicht sichtbar. Auf dem Versuchsfeld für Weizen ist der mögliche Effekt aber auch für den Laien zu erkennen. Dort wachsen Pflanzen heran, die ursprünglich nicht über ein Resistenzgen gegen Mehl- tau verfügten, dieses aber von einer anderen Weizensorte erhalten haben. Sie sind gegen den Pilz immun und wirken gesund, während auf einigen der benachbarten, genetisch unveränderten Weizenpflanzen weisse Punkte zu erkennen sind: Sie sind vom Mehltau befallen.

Ängste in der Be­völkerung werden ernst genommen

Wie aber sieht es mit all­fälligen unerwünschten Nebeneffekten der gentechnisch veränderten Pflanzen aus, die im Reckenholz unter freiem Himmel wachsen? «Wir nehmen die Ängste in der Be­völkerung ernst und stellen uns der Diskussion», sagt ­ Teresa Koller. Aus wissen­schaftlicher Sicht seien die Sorgen aber ­unbegründet.

Die Versuche werden zudem so gut wie möglich kontrolliert, um allfällige Risiken zu minimieren. Roland Peter räumt zwar ein, man könne nicht zu 100 Prozent garantieren, dass gar kein gentechnisch verändertes Material von den Versuchsfeldern in die freie Natur gelange. Die Wahrscheinlichkeit sei aber aufgrund der strengen Auflagen gering.

Über dem Weizenfeld etwa muss ein Netz aufgespannt werden, sobald das Korn reif ist. Dies soll verhindern, dass Vögel die Körner weitertragen. Helfer sind gerade daran, das Netz über dem Feld anzubringen. Beim Gerstenfeld ist dies bereits geschehen.

Auch die Imker reden ein Wörtchen mit

Für den Mais sind ebenfalls Vorkehrungen vorgesehen. Die Forscher müssen die männlichen Blüten entfernen, damit die Pflanzen nicht bestäubt werden können. Dies hatten Imker in der öffentlichen Auflage des Gesuchs gefordexrt. Sie waren besorgt, dass Bienen gentechnisch veränderte Pollen sammeln. Sollten Spuren davon im Honig gefunden werden, liesse sich dieser nicht mehr verkaufen.

Aber nicht nur Tiere, auch Menschen könnten Samen verschleppen. Wer in den Feldern arbeitet, trägt deshalb Gummistiefel, die auf dem Gelände bleiben. Besucher erhalten Überschuhe aus Plastikfolie, die sie überstreifen. So bleibt alles drin, was drin bleiben soll. Und das gilt, leider, auch für die herrlich roten Äpfel, die in der Obstplantage unter Netzen heranreifen und von denen man am liebsten einen stibitzen würde.

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