Öffentliche Verkehrsmittel
Genereller Imageverlust? Den Zürcher Verkehrsbetrieben fehlt es an Chauffeuren

Bei den Zürcher Verkehrsbetrieben gibt es zu wenig Bus- und Tramchauffeure. Um Kursausfälle zu vermeiden, müssen derzeit Überstunden geleistet werden.

Thomas Münzel
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Weil momentan mehrere Stellen beim Fahrdienst der VBZ unbesetzt sind, haben sich nun auch Teilzeitmitarbeitende bereit erklärt, ihr Pensum vorübergehend zu erhöhen.

Weil momentan mehrere Stellen beim Fahrdienst der VBZ unbesetzt sind, haben sich nun auch Teilzeitmitarbeitende bereit erklärt, ihr Pensum vorübergehend zu erhöhen.

Keystone

Den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) fehlten Ende letzten Jahres total 15 Bus- und Tramchauffeure. Bis heute hat sich an dieser Situation nur wenig geändert. Viele Stellen bleiben nach wie vor unbesetzt.

«Um Kursausfälle zu vermeiden, werden Überstunden geleistet und Personal aus anderen Unternehmensbereichen, das über die entsprechenden Fahrbewilligungen verfügt, verstärkt im Fahrdienst eingesetzt», sagt VBZ-Sprecher Andreas Uhl. «Zudem haben sich Teilzeitmitarbeitende bereit erklärt, ihr Pensum vorübergehend zu erhöhen.»

Zum Unterbestand bei den Bus- und Tramchauffeuren haben mehrere Faktoren beigetragen. Im Vordergrund steht laut den VBZ «eine erhöhte Anzahl von Frühpensionierungen» per Ende letzten Jahres. Dazu komme ein allgemeiner Fachkräftemangel. «Die Zulassung als Buschauffeurin oder Buschauffeur ist zudem anspruchsvoll, weshalb nur ein Teil der Interessierten die notwendigen Voraussetzungen erfüllt», sagt Uhl.

Neben den hohen beruflichen Anforderungen an die Chauffeure scheint die Arbeit des Bus- und Tramchauffeurs in den letzten Jahren generell einen Imageverlust erlitten zu haben. Früher war der Chauffeur noch eine Institution, heute muss er sich viel verbale und teilweise gar physische Gewalt gefallen lassen. Dazu kommt eine gewisse Anspannung infolge vermehrter Verkehrsstaus, was wiederum zu einem erhöhten Zeitdruck führt.

Hohe Belastung

Eine aktuelle Umfrage bei den VBZ zeigt denn auch, dass die psychische Belastung der Chauffeure zunimmt. Und dass die Schichtdienste sowie die Arbeit an Sonn- und Feiertagen ihre Spuren bei der Work-Life-Balance hinterlassen.

Andreas Uhl erklärt, dass die Verkehrsbetriebe auf diese Umfrageergebnisse reagieren und Gegensteuer geben wollen. So ist beispielsweise die Einführung einer individuellen Dienstplanung vorgesehen, «mit welcher die Wünsche der Mitarbeitenden besser berücksichtigt und die Work-Life-Balance verbessert werden können».

Die VBZ tauschten sich zudem regelmässig mit Gewerkschaftsvertretern aus und arbeiteten mit diesen daran, die Situation des Fahrpersonals im Rahmen der Möglichkeiten laufend zu verbessern, sagt Uhl.

Um die aktuellen Rekrutierungsprobleme zu beheben, will die VBZ eine «Reihe von Massnahmen ergreifen». Im Fokus stehen dabei verstärkte Werbeaktionen. Dazu gehören offenbar auch Stelleninserate im Ausland. «Rekrutierungen im Ausland wurden durch die VBZ in der Vergangenheit immer wieder durchgeführt, wenn nicht genügend inländische Bewerberinnen und Bewerber zur Verfügung standen», erklärt Uhl.

Zukunft ohne Chauffeure?

Sind vielleicht gar die selbstfahrenden Busse in naher oder ferner Zukunft eine Antwort auf den Chauffeurmangel? Testresultate der bisher in mehreren Schweizer Städten – darunter neu auch Zürich – eingesetzten chauffeurlosen Elektrofahrzeuge sind auf jeden Fall durchwegs ermutigend.

Doch gut Ding will Weile haben. Denn der Bundesrat geht derzeit davon aus, dass solche Fahrzeuge erst in den kommenden 15 bis 25 Jahren einen «nennenswerten Teil der zugelassenen Strassenfahrzeuge darstellen werden».

Denkbar ist natürlich auch, dass genau diese Perspektive zukünftige, potentielle Tram- und Buschauffeure davor abschrecken könnte, ihren Traumjob zu ergreifen. Sind die Nachwuchsfahrer von heute möglicherweise gar die Arbeitslosen von morgen?

«Garantien können wir keine abgeben», sagt VBZ-Sprecher Uhl. «Doch wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und werden das Personal rechtzeitig an die neuen Herausforderungen heranführen und nötigenfalls nachqualifizieren.» Viele Berufsbilder – so zum Beispiel in der Wartung und Reinigung der Fahrzeuge – würden selbst beim vermehrten Einsatz von autonomen Fahrzeugen erhalten bleiben, ist Uhl überzeugt.

Zudem werde man auch in Zukunft auf Bus- und Tramchauffeure aus Fleisch und Blut angewiesen sein. «Die Busse, die heute geordert werden, sind 12 bis 20 Jahre im Einsatz», sagt Uhl. «Das gäbe also eine Jobgarantie, die weiter reicht als in vielen anderen Branchen.»

Situation bei Postauto und Stadtbus Winterthur: Zu wenig Frauen

Im Unterschied zu den VBZ hat man bei Postauto und Stadtbus Winterthur derzeit keinen Chauffeurmangel. «Stadtbus Winterthur erhält regelmässig Blindbewerbungen», sagt deren Sprecher Reto Abderhalden. Man kenne deshalb die Situation des Personalmangels im Fahrdienst nicht. Auch in naher Zukunft zeichne sich kein Engpass ab. «Der Bedarf an neuen Fahrdienstmitarbeitenden für den kommenden Fahrplanwechsel kann voraussichtlich gedeckt werden», sagt Abderhalden.

Einen Mangel registriert er dennoch schon seit geraumer Zeit. «Leider bewerben sich relativ wenig Frauen.» Von den momentan rund 200 Mitarbeitenden im Fahrdienst sind gerade mal 16 weiblichen Geschlechts. Abderhalden ist überzeugt, dass es – trotz den Versuchen mit selbstfahrenden Bussen in manchen Städten – auch mittelfristig weiterhin Fahrerinnen und Fahrer brauchen wird.

Das sieht man auch bei Postauto Schweiz so. «Dass der Linienverkehr mit grossen Bussen dereinst ohne Fahrer auskommen soll, ist noch sehr weit weg», sagt Markus Hegglin, Leiter Postauto-Region Zürich. Auch er ortet derzeit keinen Chauffeurmangel. «Alle Fahrerstellen sind besetzt.» Momentan stünden noch genügend Bewerber zur Auswahl. Doch auch er ist sich durchaus bewusst, «dass die physischen und psychischen Anforderungen an einen Linienbuschauffeur gestiegen sind». (tm)