Earth, Wind & Fire, Larry Carlton oder Mike Mainieri: Wer das Programm des Jazznojazz überfliegt, denkt an ein Klassentreffen gealterter US-Stars. Doch im Bestreben, nicht nur stilistische Grabensprünge zu zelebrieren, sondern auch Altstars und Nonames auf die Bühne zu bringen, bietet das Zürcher Festival eines der buntesten Line-ups seiner Geschichte.

So tritt zur Eröffnung mit Anouar Brahem ein formidabler Oud-Spieler auf die Hauptbühne im Theaterhaus Gessenralle. Ein Brückenbauer zwischen Orient und Okzident, der in Tunis lebt und mit Musikern der internationalen Jazzszene spielt. Als "Star" im Sinne des Mainstreams darf Brahem aber nicht bezeichnet werden.

Ebensowenig das am Kaleidoscope String Quartet: die vier jungen Schweizer Streicher gastieren als Gewinner des diesjährigen ZKB-Jazzpreises und werden Klassik- wie Jazz-Liebhaber begeistern.

Stille Töne und tanzbare Sounds

Stille Töne und viel Grooves Mike Mainieri sorgt für den Star-Appeal. Doch auch der 74-jährige US-Vibraphonist ist ein Mann der stillen Töne. In Zürich tritt er mit seiner skandinavischen Band rund um Norwegens Kult-Keyboarder Bugge Wesseltoft auf.

Am zweiten Abend dominieren satte Fusion- und Soul-Sounds. Mit Marcus Miller rast der bekannteste Funk-Bassist durch die Gessnerallee, der seine Sporen bei Aretha Franklin, Miles Davis oder Al Jarrau abverdient hat.

Vor Miller spielt mit Gitarrist John McLaughlin einer der Pioniere des avancierten Fusionjazz. Sein Mahavishnu Orchestra hat in den 70er-Jahren Jazzgeschichte geschrieben.

Urbane Spielarten von Neo-Soul und Funk offenbaren die Deutsch-Ghanaerin Y'akoto und US-Sängerin Nicole Willis mit ihrer finnischen Band Soul Investigators. Aus Finnland stammt auch der junge Saxer Timo Lassy.

Tanzbare Sounds spielen nebst Lassy vier Bands: Earth, Wind & Fire waren Megastars des Soulfunk der 70er-Jahre. Bis heute zieht die US-Truppe mit ihrem Happy-Sound durch die Welt. Incognito prägten die 80er mit süffigem Brit-Soul, und Larry Carlton ist einer der einflussreichsten US-Fusiongitarrist. Der norwegische Trompeter Nils Petter Molvær ist ein Meister hymnisch-wummernder Soundwolken.

Junger CH-Soul

Zwei starke Frauen prägen den Abschlussabend. Während Sängerin Lizz Wright aus Georgia an die Gospel-Wurzeln des Jazz erinnert, zelebriert die quirlige Bassistin Esperanza Spalding an ihrem zweiten Jazznojazz-Gastspiel hippen Popjazz.

Das Berliner Kollektiv Jazzanova und der Gitarrist und Arrangeur Nicola Conte aus dem süditalienischen Bari erfreuen mit gepflegt-fröhlichem Mix-Jazz der multistilistischen Retroart. Mit James Gruntz ist der zweite Schweizer Act zu hören. Der blutjunge Sänger (und Grossneffe von Pianist George Gruntz) ist der Rising Star des helvetischen Soulpop.