Zürich
Gemeinsam statt einsam arbeiten: Coworking-Arbeitsplätze florieren

Gemeinschaftsarbeitsplätze, sogenannte Coworking-Spaces, verzeichnen in der Stadt Zürich eine steigende Nachfrage. Dabei geht es aber nicht um gemeinsames Kaffeetrinken und eine hippe Arbeitsumgebung, sondern um aktive Netzwerke.

David Torcasso
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Daniel Frei (rechts), Mitbetreiber von Colab in Zürich, mit einem Arbeitskollegen.
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Gemeinsam statt einsam arbeiten: Coworking-Arbeitsplätze florieren
Holztische sorgen für ein gemütliches Ambiente.

Daniel Frei (rechts), Mitbetreiber von Colab in Zürich, mit einem Arbeitskollegen.

John Patrick Walder

Zürich wandelt sich in der jüngsten Geschichte vom Finanzplatz zum Kreativstandort. Nicht erst mit der Finanzkrise und dem Ausfall der Steuergelder der Grossbanken, sondern bereits vor Beginn der Legislaturperiode 2010/2014 hat die Stadtzürcher Regierung erkannt, dass eine Positionierung als Kreativ- und ICT-Standort auch zum Prosperieren der Stadt beitragen kann. Die grösste Stadt der Schweiz ist zwar nach wie vor eine weltweite Drehscheibe für den Finanzhandel – aber nicht nur: Die Kreativwirtschaft und ICT-Branche gewinnt zusehends an Bedeutung. Immer mehr Menschen gründen ihre eigene Firma.

Entrepreneur ist ein neuer Traumjob geworden. Wie früher Fotograf, Model oder DJ möchten heute viele junge Menschen Unternehmer werden», sagt Daniel Frei, Mitbetreiber vom Colab in Zürich. Das Colab ist ein Coworking- und Eventspace in Zürich Wiedikon, wo sich rund 50 Personen Räumlichkeiten auf zwei Etagen teilen.

Initiiert vom Software-Ingenieur Panter AG möchte Colab seit rund einem Jahr die wachsende Community aus Start-ups, Selbstständigen und Jungunternehmern zusammenführen. Frei nennt zwei Gründe für den Bedarf: «Der knappe und teure Büroraum in Zürich und das Bedürfnis der digitalen Nomaden, Kreativen und Jungunternehmenden nach einem inspirierenden Umfeld, wo sie sich austauschen können».

Frei ist überzeugt, dass die Nachfrage nach solchen Arbeitsplätzen in Zukunft weiter zunehmen wird: «Diese Arbeitsweise unterstützt in unserem Falle vor allem die «Techies», die Programmierer und Applikationsentwickler, die unabhängig von Ort und Zeit ihre Arbeit ausüben können», sagt Frei.

Doch die Mitglieder des Colabs arbeiten hier nicht nur wegen des Arbeitsplatzes, des Club-Mate-Getränks und der grosszügigen Fenster, sondern nutzen vor allem die Veranstaltungen. Frei sagt, dass im vergangenen Jahr über 80 Events wie «Creative Mornings», «Webtuesdays», «Pantalks», verschiedene Hackathons und Workshops stattgefunden hätten. Dazu sei das Colab ein Treffpunkt für die «Lean-Start-up-Community», also für Gründer, die kaum Startkapital benötigen, sondern mit einer guten Idee im Internet Geld zu verdienen versuchen.

Neben dem Colab gibt es einige Coworking-Spaces: Den Impact Hub in den Viaduktbögen für Social Entrepreneurs existiert schon seit drei Jahren, dann den Rocket Park in der Binz, den Citizen Space in der ehemaligen Steinfelsfabrik in Zürich West, den BlueLion, der von der Stadt Zürich und weiteren Partnern in Schwamendingen betrieben wird, sowie den von den SBB initiierten Coworking-Space an der Europaallee.

Grossunternehmen wie die Schweizerischen Bundesbahnen suchen in jüngster Zeit den Kontakt zu Jungunternehmern und sind wie andere etablierte Konzerne auf die Innovationskraft von Start-ups aufmerksam geworden. Trotz der Fokussierung auf das Kerngeschäft denkt das Transportunternehmen über neue Geschäftsfelder nach: «Was könnte man am Billettautomaten sonst noch verkaufen?» «Wie können wir unsere Werbeflächen ansonsten noch nutzen?».

Coworking-Spaces wie der Impact Hub arbeiten seit längerem mit Schweizer Grosskonzernen zusammen, um den Austausch zwischen innovativen Köpfen aus der Start-up-Szene und Führungskräften aus der Teppichetage zu fördern. Einige Coworking-Spaces fungieren als sogenannte Acceleratoren und Inkubatoren, auf Deutsch könnte man sagen «Beschleuniger».

Sie bieten Kurse und Workshops für Jungunternehmer an, führen Bootcamps und Pitches für neue Ideen durch. An diesen Veranstaltungen entstehen fortlaufend neue Ideen und Geschäftsmodelle. Doch neun von zehn Ideen verschwinden wieder von der Bildfläche und viele Jungunternehmer gehen wieder in die Privatwirtschaft zurück.

Anita Martinecz, stellvertretende Leiterin der Standortförderung beim Amt für Wirtschaft des Kantons Zürichs, sieht einen Ursprung für den Entrepreneur-Spirit bei den Hochschulen: «Es gibt seit Jahren eine wachsende Zahl Initiativen und Programme, die Studenten ermutigen, ihr eigenes Unternehmen zu gründen.» Dazu kommen andere Plattformen wie die Start-up-Weekends und das Venture-Programm, die verstärkt ihre Wirkung zeigen und zur «Goldgräberstimmung», die besonders im Netz herrscht, beitragen.

Eine finanzielle Unterstützung von Coworking-Spaces oder gar einzelnen Start-ups gehöre aber nicht zum Förderverständnis des Kantons: «Wir unterstützen punktuell Veranstaltungen in Coworking-Spaces oder innerhalb der Start-up-Szene und setzen damit Impulse», sagt Martinecz. Finanzielle Mittel für einzelne Initiativen würden aber nicht gesprochen. «Wir arbeiten zurzeit am Cluster-Bericht, der das Wirtschaftsgeschehen in den Cluster Finance, ICT, Cleantech, Life Science und Kreativwirtschaft im Raum Zürich beleuchtet. Dieser wird Anfang Mai vorliegen.»

Obwohl sich die derzeitigen Start-up-Hubs Europas in Berlin und London befinden, wächst die Wahrnehmung für diese Form von Unternehmen auch in der Schweiz.

Das Ökosystem der Start-ups steckt hierzulande jedoch noch in einer Findungsphase. Neue Geschäftsmodelle, die etwa im Internet aufgesetzt werden, sind nach wie vor eine Nische und eine Art Subkultur. Daniel Frei vom Colab beobachtet hier aber eine Entwicklung: «Start-ups, Unternehmen, Grosskonzerne oder KMUs existieren nicht mehr ausschliesslich nebeneinander, sondern beginnen miteinander zu kommunizieren, sich zu inspirieren und Neues zu erschaffen.»

In den letzten Monaten haben gar einige ausländische Medien über die Entwicklung der Start-up-Szene in der Schweiz geschrieben. Das deutsche Magazin «Stern» berichtete etwa vom Schweizer Start-up SuitArt, das amerikanische Techmagazin «Wire» schrieb über EveryCook, «Bloomberg News» über GoBeyond und «Euronews» über einen britischen Unternehmer, der in der Schweiz Käse herstellt. Dieser «Entrepreneurship»-Spirit spült immer mehr Jungunternehmer und Selbstständige in die Coworking-Spaces in Zürich.

Dazu kommt auch, dass zahlreiche Kreative aus umliegenden Kantonen in die Stadt kommen, weil sie glauben, nur hier ein inspirierendes Umfeld für ihr Tun zu finden. In den Coworking-Spaces können sie ihre Geschäftsidee entwickeln, erste Tests durchführen und sich in der Community austauschen.

Anders als in Berlin üben viele Startupler in Zürich noch einen Nebenjob aus, bis ihr Business profitabel wird. Die Lebenskosten sind in Zürich hoch. «Hier sitzen nicht nur Jungunternehmen. Einige unserer Mitglieder sind Teilzeit angestellt, nehmen sich aber ein bis zwei Tage pro Woche frei, um hier ihr eigenes Ding weiterzuentwickeln und Inputs aus den Events mit nach Hause zu nehmen», sagt Frei. Dieses Ökosystem der Start-ups und Coworkings-Spaces baut darauf, dass man sich gegenseitig hilft und unterstützt. Es ist ein grosses Netzwerk, das den Unternehmergeist und Innovation in den Mittelpunkt stellen will. Auch Anita Martinecz beobachtet, dass sich immer mehr Menschen projektspezifisch organisieren, befristetete Partnerschaften eingehen und weniger ortsgebunden funktionieren. «Diese Agilität ist aber nur bis zu einer gewissen Grösse möglich.»

Frei und sein Team vom Colab suchen nun dringend neue Räumlichkeiten in der Stadt Zürich. Einerseits weil die Räume an der Zentralstrasse befristet sind, andererseits weil die Nachfrage nach mehr Plätzen und dazugehörigen Events vorhanden ist. Obwohl die Suche nach einem Platz in der Stadt Zürich nicht einfach ist, bleibt Frei zuversichtlich: «Diese Art von Arbeit wird in den nächsten Jahren geläufiger werden und ist für die Wirtschaft deshalb von zunehmender Bedeutung. Das begreifen nun auch Grossunternehmen und Immobilienfirmen.» Für sachdienliche Hinweise zu Räumlichkeiten verspricht Frei augenzwinkernd einen Platz in seinem Coworking-Space.