Am Nachmittag des 5. Novembers 2016 verliess eine Mutter ihre Wohnung in Zürich Wiedikon. Der 14-jährige Sohn war alleine zu Hause. Der Teenager beschäftigte sich mit iPad und Handy, als plötzlich zwei Personen die Wohnung betraten. Eine Frau und ein Mann. Die Frau nahm ihm das iPad aus der Hand und begann, mit einem Kochmesser auf ihn einzustechen. 15 Mal traf die Frau den Körper des Buben, verletzte ihn schwer. Der Mann stand Schmiere. Danach flüchteten die Täter. Der Junge überlebte nur knapp dank einer Notoperation.

Die Täter waren eine 35-jährige Mazedonierin, die in Dietikon lebte, und ihr 32-jähriger Bruder. Die Tat war als Racheakt gegen den Schwiegervater der Frau gedacht. Das Opfer war ihnen fremd.

Am Dienstag startete der Prozess gegen die Frau und ihren Bruder am Bezirksgericht Zürich. Während der Befragung verhedderte sich die Beschuldigte immer wieder in Widersprüchen und probierte, ihrem Bruder die Tat anzuhängen. Die Staatsanwaltschaft forderte unter anderem eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren für die Frau und sechs Jahre für den Bruder.

Frau bleibt in Sicherheitshaft

Nun eröffnete das Gericht gestern Mittag sein Urteil: Die Mazedonierin wird als Haupttäterin verurteilt. Sie ist schuldig des versuchten Mordes, der mehrfachen falschen Anschuldigung, des Diebstahls, des Hausfriedensbruchs und der Freiheitsberaubung. Sie wird zu 18 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Ausserdem wird sie für 15 Jahre des Landes verwiesen. Dazu kommt eine bedingte Geldstrafe. Die Schuldige muss ausserdem in Sicherheitshaft bleiben. Laut Gericht besteht nach wie vor die Gefahr, dass die Messerstecherin ihren geistig beeinträchtigten Bruder beeinflusst.

Der Bruder wurde zu 4,5 Jahren Haft und einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Er wird für zehn Jahre des Landes verwiesen. Der 32-Jährige ist der Gehilfenschaft zur versuchten, vorsätzlichen Tötung schuldig, wie auch des Diebstahls und des Hausfriedensbruchs. Wegen seiner geistigen Einschränkung wurde ihm eine mittlere Schuldunfähigkeit attestiert. Das heute 17-jährige Opfer bekommt über 23 000 Franken Schadensersatz plus eine Genugtuung von 60 000 Franken. Auch seine Eltern werden entschädigt. «Der Junge erlitt nicht nur körperliche, sondern auch seelische Narben», sagte die Richterin Susanne Vogel. «Es ist ein Albtraum, was er und seine Mutter durchmachen mussten.»

Sie brach ihm auch die Knochen

Bei der Gerichtsverhandlung am Dienstag flossen bei der Angeklagten viele Tränen. Gestern blieben ihre Augen trocken. Auch dann, als die Richterin das Urteil begründete. «Die heftige Messerattacke zeugt von Gewalt, Wucht und Entschlusskraft. Die Tat war brutal.» Davon zeugten nicht nur Stich- und Schnittverletzungen, sondern auch Knochenbrüche. «Die Frau war bereit, das Leben eines unbeteiligten Jungen auszulöschen. Sie handelte unmenschlich, gefühllos und grausam», sagte die Richterin. «Dass sie für ihre Tat nicht die Höchststrafe bekam, liegt daran, dass sie zum Tatzeitpunkt eine depressive Störung hatte und das Opfer nicht starb.»

Bei der Gerichtsverhandlung erwähnte die Täterin aus Dietikon immer wieder ihr Mitleid. Auch dazu hat sich das Gericht Gedanken gemacht. «Es ist unklar, für wen das Mitleid der Frau gilt. Sie stellte immer wieder sich selbst als Opfer dar», sagte die Richterin. Mit einer zusätzlich angeordneten Therapie in Haft könne sich die Schuldige intensiver mit der Mitleidsfrage befassen.

«Sie war eifersüchtig»

In der Zeit vor der Tat sei die Frau unzufrieden mit ihrem Leben und ihrer Ehe gewesen. So habe sie einen Hass gegen die Schwiegereltern entwickelt und sie für ihre Unzufriedenheit verantwortlich gemacht. Konkrete Anhaltspunkte, dass die Frau tatsächlich von ihren Schwiegereltern oder ihrem Mann schikaniert wurde, gibt es nicht, sagte die Richterin. «Sie war eifersüchtig auf das gute Verhältnis, das ihr Mann zu seinen Eltern hatte. Sie hat sich in die Opferrolle reingesteigert und Gewaltfantasien entwickelt.»

Dann habe sie den Entschluss gefasst, ihren Schwiegereltern tatsächlich etwas anzutun. Sie bereitete sich akribisch auf die Tat vor, kaufte Messer und Sturmhauben und beeinflusste ihren geistig beeinträchtigten Bruder. Er solle in die Schweiz kommen, um zu helfen.

Die beiden brachen dann in die Wohnung des Schwiegervaters ein und klauten 1000 Franken. Als der Schwiegervater nicht wie geplant zurückkehrte, hatte die Mazedonierin eine andere Idee: In die Nachbarswohnung einzubrechen und den Jungen zu verletzten oder zu töten. Nach der Tat probierte sie, den Angriff ihrem Schwiegervater anzuhängen, indem sie anonyme Briefe an die Polizei verfasste. Auch bezichtigte sie ihren Ehemann fälschlicherweise der Körperverletzung und erstattete Strafanzeige.