Die Freude im Limmattal war gross, als SBB Cargo im April 2014 plötzlich verkündete, dass das geplante nationale Umschlagterminal – der sogenannte Gateway Limmattal – im Gebiet des Rangierbahnhofs zwischen Dietikon und Spreitenbach nicht realisiert wird.

Denn der Widerstand war hier von Beginn an heftig: Die bereits stark belastete Region könne nicht noch mehr Verkehr und Lärm absorbieren, waren sich Standort- und Anrainergemeinden, die Zürcher Planungsgruppe Limmattal und Politiker aller Couleur einig.

Seit SBB Cargo das Projekt begraben hat, ist es ruhig geworden um den Container-Umschlag im Limmattal – zumindest an der Oberfläche. Dabei wartet man in der Region gespannt darauf, was die anstelle des Gateways geplante «Sanierung und Ertüchtigung» der bestehenden Ortsgüteranlage in Dietikon genau mit sich bringen wird.

Die SBB halten sich diesbezüglich noch bedeckt; man müsse erst abwarten, wie ein Passus im Schlussbericht der Mediation «Weiterentwicklung Terminallandschaft Schweiz» zu interpretieren sei, heisst es bei der Medienstelle. Dieser Bericht wurde 2013 vom Bundesamt für Verkehr mit der Logistik-Branche erarbeitet und enthält die Aussage, dass «die Umsetzung des Gateway Limmattals aktiv offen gehalten» werden soll. «Wir erwarten eine Klärung im Laufe des Frühjahrs», so die SBB.

«Zeitnaher» Ausbau geplant

Obwohl erst im März genaue Zahlen vorliegen, schreiben die SBB auch: «2015 ist die Nachfrage an kombiniertem Verkehr im regionalen Terminal Limmattal erfreulich gestiegen.» Die Kapazität der vorhandenen Anlage sei damit an ihrer Grenze angelangt; SBB Cargo hält an den Plänen also fest, den Standort «zeitnah» auszubauen, «damit die Region weiterhin gut versorgt werden kann».

Gegen dieses Ziel hätte an sich auch die Stadt Dietikon, die damals vehement gegen den Gateway ankämpfte, nichts. Nur: Was die SBB als «Region» definieren, ist der Stadt zu weit gefasst.

«Beim ‹Grossraum Zürich› nach SBB-Definition handelt es sich um ein beträchtlich grösseres Gebiet, als wir uns das in der Umgangssprache gewohnt sind», gibt Stadtplaner Jürg Bösch zu bedenken.

Im Radius enthalten sind neben einem Grossteil des Kantons Zürich auch der Ostaargau, der Kanton Zug sowie Teile von Schwyz und Luzern. Auch Stadtpräsident Otto Müller (FDP) nennt das Ansinnen der SBB eher ein «überregionales» denn ein «regionales» Terminal.

Hinzu kommt, dass die Stadt im Gegensatz zum Gateway bei diesem Ausbauprojekt keine Absicherung dafür hat, dass sich die Zunahme des Güterverkehrs auf der Strasse in Grenzen halten wird – eine Tatsache, die gerade im Hinblick auf das künftige Wohn- und Arbeitsgebiet Niderfeld für Dietikon problematische Konsequenzen haben könnte. Beim Gateway erwirkte die vorberatende Kommission des Kantonsrats für den Richtplaneintrag nämlich noch einen Modalsplit, demzufolge höchstens 20 Prozent des Umschlagguts von der Schiene auf die Strasse hätten verladen werden dürfen. Die restlichen 80 Prozent hätten zwingend auf der Schiene abgewickelt werden müssen. Mit dem Gateway vom Tisch, gilt auch diese Einschränkung nicht mehr.

Massiver Mehrverkehr befürchtet

Ohne einen solchen Passus befürchtet Müller «massiven Mehrverkehr», der für das betroffene Gebiet mit seinem bereits heute überlasteten Strassennetz nicht tragbar sei.

Über die Güter-, Viadukt- und Überlandstrasse sei das Gebiet für den erwarteten Mehrverkehr nicht genügend erschlossen. Dazu hin, dass eine Verkehrszunahme schon aus Kapazitätsgründen nicht bewältigbar wäre, machen sich Bösch und Müller auch Sorgen um zusätzlichen Lärm – und die neben der Güterstrasse liegenden Trinkwasserfassungen Russ- und Langäcker.

«In solchen Containern werden auch Chemikalien und andere Gefahrengüter transportiert», erklärt Bösch. Sickere, etwa bei einem Unfall, davon etwas in den Boden, berge das für die städtische Wasserversorgung untragbare Risiken.

Immerhin: Die SBB signalisieren auf Anfrage Gesprächsbereitschaft. Sie schreiben, die Anlage sei aus ihrer Sicht heute optimal erschlossen; im Zuge des Terminalausbaus sei man aber bereit, die Zufahrt in Zusammenarbeit mit der Stadt Dietikon umzugestalten.

Die Stadt Dietikon – wie auch die Zürcher Planungsgruppe Limmattal, der Müller ebenfalls vorsteht – will die Pläne der SBB trotzdem «sehr kritisch prüfen». Stadt und Region würden sich aktiv einbringen – nicht nur bei den SBB selbst. Sondern auch im Rahmen der Teiländerung des kantonalen Richtplans, welche die Güterumschlagsanlagen betrifft. Sollte dies nötig werden, will die Stadt auch im Rahmen des Plangenehmigungsverfahrens die verfügbaren Rechtsmittel ergreifen.

Die wichtigste Forderung: Auch bei diesem Projekt soll es eine Mengenbeschränkung zumindest im ungefähren Umfang des damaligen Gateway-Modalsplits geben. Zudem soll die Anlage direkt von Westen her über die Mutschellenstrasse erschlossen werden und nicht in einer aus Dietiker Sicht überflüssigen Schlaufe über Mutschellen-, Überland- und Güterstrasse. Und: Der von Anlage und resultierendem Strassenverkehr ausgehende Lärm soll die heutigen Werte insgesamt nicht überschreiten.

Hinter all dem steht die Befürchtung, dass die SBB trotz dem 2014 beerdigten Projekt langfristig doch noch einen «Gateway durchs Hintertürchen» einschleusen; das «ertüchtigte» Terminal dürfe nicht schleichend auf Gateway-Dimensionen ausgebaut werden, fordert Müller.

Diese Befürchtung teilt auch der Oetwiler Gemeindepräsident Paul Studer (FDP), dessen Gemeinde sich damals vor allem wegen des erwarteten Nachtlärms gegen das geplante Grossterminal gewehrt hatte.

Heute mache man sich eher Sorgen, dass das vermehrte Verkehrsaufkommen auf der Mutschellenstrasse und dem Autobahnzubringer verstopfte Strassen und Lärm mit sich bringen. Oetwil wolle nun zwar nicht «auf Vorrat» Forderungen stellen, doch: «Es darf natürlich nicht so herauskommen, dass über den Umweg der Ortsgüteranlage nun einfach sämtliche Einschränkungen, die den Gateway betrafen, ausgehebelt werden.»

Komitee bleibt aktiv

Für diese Möglichkeit rüstet sich auch das Komitee «Gateway: So nicht», das trotz dem 2014 verkündeten Projektende immer noch aktiv ist. Vorstandsmitglied und CVP-Kantonsrat Josef Wiederkehr traut den SBB auch heute noch nicht: «Wir befürchten nach wie vor mehr Lärm und Verkehr.» Die Angst vor einem «Gateway durchs Hintertürchen» sei laut ihm bekannten gut unterrichteten Quellen nicht ganz unbegründet, sagt er. Das Komitee wolle deshalb «vorbereitet sein für den Fall, dass SBB Cargo uns übertölpeln will».

Noch diesen Monat wird eine Limmattaler Behördendelegation von der kantonsrätlichen Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt angehört. Präsidentin Rosmarie Joss (SP) will noch keine Prognose wagen, wann das Geschäft dem Kantonsrat vorgelegt werden kann. «Zurzeit sind wir mitten im Verfahren, das erfahrungsgemäss ein langwieriges sein wird», sagt die Dietiker Kantons- und Gemeinderätin. Einerseits müsse man sich einigen, inwiefern der angepasste Richtplan die – ihrerseits noch nicht ausgereiften – Pläne der SBB berücksichtigen soll, andererseits aber auch, welche flankierenden Massnahmen der Richtplan beinhalten soll.

Der Zeitplan der SBB ist derweil sportlich: In den letzten Informationen, die der Stadt Dietikon vorliegen, ist von einem Beginn des Plangenehmigungsverfahrens im Jahr 2017 die Rede; realisiert werden soll das Projekt 2020/21 – also noch bevor die ersten Baufelder im Niderfeld die Baureife erlangt haben.